Faszination Bildschirm - Kinder zu verantwortungsbewussten Nutzern heranwachsen lassen
Autor/in: Annika Looser Grönroos (Psychosoziale Beraterin, Theologin, Hunzenschwil, CH)
Ausgabe: Mai/2018 - Mässigkeit
Kinder machen ihre ersten Erfahrungen mit digitalen Medien in der Regel innerhalb der Familie. Zum einen nutzen sie bereits ab einem jungen Alter selber Medien, zum anderen beobachten sie, wie ihre Bezugspersonen mit Medien umgehen. So unterschiedlich wie die einzelnen Familien sind, so verschieden ist auch der Medienkonsum. Medienkompetenz ist heute in aller Munde, doch wie gestaltet sich dieser konkret in unserer Familie? Wo setzen wir Grenzen und wie? Und wie soll ich als Erziehungsperson meiner Verantwortung gerecht werden?
Verantwortungsbewusster Umgang
Meine Tochter war erst wenige Wochen alt, als ich feststellte, dass sie wie hypnotisiert auf den Bildschirm meines Laptops starrte. Es lief nichts Spannendes, lediglich eine Word-Datei war geöffnet, und trotzdem war sie hin und weg. Inzwischen ist sie bereits ein Schulkind, doch die Faszination der Bildschirme ist geblieben. So stellt sich für uns als Eltern die Frage: Wie können wir unsere Kinder darin unterstützen, einen verantwortungsbewussten Umgang mit Medien zu erlernen?
Die Frage selbst liefert bereits einen ersten Hinweis: Medienkompetenz ist ein Lernprozess. Kinder und Jugendliche haben keine Berührungsängste mit technischen Geräten, durch «Learning-by-doing» erwerben sie äußerst schnell Kompetenzen. Dennoch müssen sie auf dieser Reise begleitet werden. Der Verbundeneffekt, das Kind vor dem Bildschirm zu «parken», wenn die Mutter etwas erledigen muss, ist zu ruhig, denn plötzlich löst diese Weise mein Bedürfnis nach Ruhe stillt, entziehe ich mich meiner Verantwortung. Für das Kind ist es eine Überforderung, wenn es unbegleitet, unbeschränkt und ungefiltert Medien konsumiert.
Es ist meine Aufgabe, das wachsende Kind (dem Alter entsprechend) über die Gefahren der digitalen Medien aufzuklären und deren Grenzen zu bestimmen. In diesem Bereich fallen Themen wie: Umgang mit persönlichen Daten, Vertrauenswürdigkeit im Alter virtuellen Persona, Medienkritik, Onlinebetrug etc. Weitere Ziele, die zur Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen gehören, sind ein bewusster Austausch mit dessen, was konsumiert wird, sowie die Fähigkeit, selbst «abzuschalten». Auch Langeweile gehört zum Alltag. Lernen, wie man damit umgeht, ist eine wichtige Erfahrung für das Kind.
Selbstständigkeit erlernen
Ab wann die Kinder und Jugendlichen unbegleitet Medien nutzen dürfen, entscheidet jede Familie selber. Verbote und Überwachungsmassnahmen sind jedoch weniger wirksam als einfache Gegenüber das die Beziehung pflegt. Der Jugendliche hat ein Echtes Vorbild ist. Es ist hilfreich, wenn die Regeln gemeinsam für werden. Medienzeitvorgaben, Seminare und Workshops können eine nützliche Unterstützung in diesem Prozess sein.
Als Jugendliche habe ich folgenden Satz unzählige Male gesagt: «Alle anderen dürfen das. Wieso darf ich das nicht?» Ich habe es jedes Mal aus und heute weiss ich warum. Meine Eltern hatten sich mit der Thematik auseinandergesetzt, sie hatten sich eine Meinung gebildet, und sie waren fähig, ihren Standpunkt zu vertreten, auch dann, wenn er bei mir nicht Begeisterung auslöste. Im Rückblick weiss ich: Sie haben mir dadurch eine Weise etwas Wertvolles mitgegeben, das ich auch meinen Kindern weitergeben möchte. Gerade im Bereich Medien wünsche ich meinen Kindern, dass sie eine eigene Meinung haben und diese auch dann vertreten, wenn sie zur Minderheit zählt.
Die virtuelle Welt
Laut dem Duden bedeutet virtuell «nicht echt, aber echt erscheinend». Medien sind immer nur in der Lage, einen Teil der Realität abzubilden. Hinzukommt noch, dass manchmal aus einer bestimmten Perspektive berichtet oder bewusst getäuscht und betrogen wird. Es ist daher wichtig, Medieninhalte kritisch zu hinterfragen.
Menschen sind gut darin, Masken zu tragen und andere in kritisches Licht zu führen. Oftmals tun wir dies nicht einmal aus böser Absicht, sondern um uns zu schützen. Denn wenn wir uns öffnen, machen wir uns verletzlich. Wenn darum online persönliche Informationen preisgegeben werden, sind diese immer bewusst ausgewählt, entsprechend dem Bild, das gezeichnet werden soll. Das Wissen, dass die virtuelle Welt nicht real ist, kann jungen Menschen Druck wegnehmen. Dies gibt ebenfalls für die Tatsache, dass die vorhandenen Schönheitsideale nicht «echt» sind. Es sind leicht überarbeitete Bilder, die eine Perfektion vortäuschen, die es im wirklichen Leben nicht gibt.
Die Welt hinter dem Bildschirm
Die sozialen Aktivitäten dürfen nicht mit Beziehung, die von Angesicht zu Angesicht besteht, verwechselt werden. Diese Medien sind ein wichtiger Teil von Familie, Freunden und Bekannten verbreiten niemals die Beziehungen, der tatsächlichen Leben. Soziales Verhalten und soziale Fähigkeiten wie beispielsweise Mimik, Gestik, Einfühlungsvermögen, Vertrauen und Bindung können nur neben dem Bildschirm gelernt werden. Menschen, die ihre Beziehungen auf die sozialen Medien verlegen und unzählige Stunden investieren, erleben oft die Einsamkeit. Echte Beziehungen finden immer sowohl online als auch offline statt. Besonders das weibliche Geschlecht hat eine große Offenheit für soziale Netzwerke. Es besteht die Gefahr einer Abhängigkeit.
Jungs und Männer hingegen verschreiben sich rege für das Spielen anspruchsvoller Games. Diese sind jedoch kein Ersatz für eine Freizeitgestaltung in Bewegung. Besonders in Bezug auf Kinder muss festgehalten werden, dass Lernprozesse voraussetzen, dass wir alle unsere Sinne verwenden, dass wir in Bewegung bleiben und mit anderen Menschen in Beziehung treten. Wer ein animiertes Bild vor sich hat und lediglich eine gestellte Glaubwürdigkeit bricht, verwundert vor einem Bruchteil seines vorhandenen Potenzials.
Das hohe Maß an Gewalt und Brutalität in vielen Spielen (und Filmen) fördert eine bewusste Entscheidung: Die Realität ist aus und ihre Werte nichts zu tun. Wenn bei meiner Tätigkeit ansetzten, in der echten Welt so hoch werden. Bei Spielen besteht ein z.T. hohes Suchtpotenzial. Diese Themen lassen sich nicht leicht an dieser Stelle lediglich ein paar Bemerkungen erwähnen. Der Spielraum ist jedoch immens. Ein Spiel, das nicht viel weiterspiele, wird im Leben nicht nur durch schwer erreichen können (meist geht es ja um Anerkennung), erarbeitet man sich im Spiel. Der Spielsüchtige lebt buchstäblich in seiner virtuellen (nicht echten) Welt.
Ein weiterer Aspekt ist die Tatsache, dass Spiele manchmal nicht nur der reinen Unterhaltung dienen, sondern zur Kompensation verwendet werden. Im Spielen erlebe ich Spaß, Glücksgefühle und Macht, in der realen Welt jedoch nicht oder nur begrenzt. Solange meine Bedürfnisse virtuell gestillt werden, kann ich verdrängen, dass mein echtes Leben dies nicht erfüllt – erst die Flucht aus der Realität findet statt.
Auch Langeweile gehört zum Alltag. Lernen, wie man damit umgeht, ist eine wichtige Erfahrung für das Kind.
Gefahren
Der technische Fortschritt ist Segen und Fluch zugleich. Dieselben Medien, die Forschungsmöglichkeiten bieten und medizinische Höchstleistungen hervorbringen, ermöglichen die abscheulichsten Verbrechen wie Pädophilie und andere Gewaltakte. Als Erziehungsperson muss ich mich mit den Gefahren auseinandersetzen. Ich kann die Aufklärung aber nicht an die Schule abgeben.
Für Manfred Spitzer (Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm), der den Bestseller „Digitale Demenz“ geprägt hat, vertritt die Meinung, dass Kinder und Jugendliche durch Mediennutzung unsozialer, einsamer, ängstlicher und depressiver werden. Er sagt, das Gehirn sei ein Organ, das sich ständig verändert. Diese Veränderungen können laufend geschehen – aber nur, wenn das Denken genutzt wird und Gehirnzellen neu lernen. Leben, offline! Os Spitzer meint: „Wann immer wir die Kinder in ihrer Freizeit vor den Bildschirm setzen, anstatt dass sie sich bewusst mit der Welt auseinandersetzen.“ Wer jedenfalls muss die Mediennutzung stets mit dem Zweck verbunden werden, dass ein echter Mehrwert für die Lebenswelt entsteht. Wer Medienkonsum betreibt, muss sich unbedingt mit den Auswirkungen von Manfred Spitzer auseinandersetzen!
Zum Nachdenken
Vorbild – Wie würden die Kinder oder die Jugendlichen mit Medien umgehen, wenn sie mein Verhalten kopieren könnten?
Bindung – Wie kann die Vertrauensbasis gestärkt werden, sodass mein Kind zu mir kommt, wenn es Probleme hat?
Vorbeugung beginnt nicht mit strengen Verboten und Überwachung, sondern damit, dass in die Beziehung investiert und das Kind in seinem Selbstbewusstsein gestärkt wird.
Prinzipien
• Medienfreie Zonen (z. B. das Schlafzimmer, der Esstisch) und medienfreie Tage definieren.
• Handy nicht in der Hosentasche aufbewahren – einen Platz für das Handy festlegen.
• Nicht bei jedem Klingeln springen – abmachen, wann Handy-Zeit ist.
• Ungeteilte Aufmerksamkeit bei Gesprächen – technikfreies Gerät weglegen und Blickkontakt herstellen.
• Eine Stunde vor dem Schlafengehen kein Bildschirmlicht! *
• Sich bewusst machen: Nicht alles, was richtig ist, ist auch in der virtuellen Realität falsch.
• Medien nicht als Bestrafung oder Belohnung einsetzen.
Es passiert schnell, dass man im Dschungel der technischen Möglichkeiten den Überblick verliert. Aus diesem Grund hier zwei Tipps für weitere Lektüre:
• „Medienkompetenz – Tipps zum sicheren Umgang mit digitalen Medien“
• Herausgegeben von der ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften)
• „Kinderzimmer 2.0 – Erziehung im digitalen Zeitalter“ – Gary Chapman und Arlene Pellicane
Die blauen Lichtanteile des LED-Lichts der Bildschirme stören das Gehirn, da sie Tageslicht vortäuschen und so die Ausschüttung von Melatonin (dem Hormon, das schläfrig macht) blockieren.
„Vorbeugung beginnt nicht mit strengen Verboten und Überwachung, sondern damit, dass in die Beziehung investiert und das Kind in seinem Selbstbewusstsein gestärkt wird.“