Durchatmen belüftet

 

Autor/in: Luise Schneeweiß (Redakteurin und Lehrerin, Bogenhofen, At)

Ausgabe: Juni/2018 - Luft

 

Über den Wolken

 Beim Anblick des atemberaubenden Sonnenuntergangs wich die Anspannung der letzten zwei intensiven Wochen schlagartig. Die orange-rote Sonne schien mir oberhalb der weißen Schäfchenwolken ins Gesicht. Kaum zu glauben, dass Februar ist! So weit weg schienen die vierzehn trüben Tage in bräunlichem Schnee­matsch und nasskalt-ungemütlichen Temperaturen. Der junge, ehrgeizige Dozent hatte mich durch jeden Tag acht Stunden eine unglaubliche Informationsflut auf uns nied­erprasseln lassen, sondern auch dafür gesorgt, dass wir Abend für Abend und jede freie Minute über den Büchern und Artikeln brüten mussten. Dieser Marathon hatte schließlich in zwei mehrstündigen Klausuren ge­­endet. War das wirklich erst heute früh gewesen?

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein …“ Mir kam unwillkürlich der bekannte Liedtext von Reinhard Mey in den Sinn, als ich endlich durchatmete und mich ein Gefühl von Freude erfasste. Die Ängste und Sorgen bleiben darunter verborgen … was wichtig erscheint, wird nichtig und klein … War es nicht genau so? Meine Gedanken hoben sich mit Leichtigkeit in die Lüfte. Als wollten sie übermütig werden, wandten sie sich einer kreativen Aufgabe zu, die mir in den Tagen zuvor nicht geglückt war. Mühelos flog mir Vers für Vers zu, und ich kritzelte alles auf die Rückseite meines Flugtickets. Danke, lieber Gott!

Atemlos

Wie sehr brauchen wir doch diese Momente des Aufatmens und der Schwerelosigkeit – und wie selten haben wir sie! Ein Termin jagt den anderen wie in einem Staffellauf, bis wir nur noch hetzen und es uns vorkommt, als hätten wir in unserem eigenen Leben nicht mehr das Heft in der Hand. Wenn alles zu viel wird, fühlen wir uns eingeschränkt und fremdbestimmt. Wir laufen und laufen, aber wann holen wir Luft dafür?

Mit dem Sportunterricht in der Schulzeit verbinde ich nicht die besten Erinnerungen. Ich hatte mir beim Ausdauerlauf einen bestimmten Atemrhythmus angewöhnt, mit dem nach der ersten Runde schon vor Seitenstechen schlappzumachen: einen Schritt einatmen, drei Schritte ausatmen. Noch heute höre ich mich im monotonen «Ein-aus-aus-aus, ein-aus-aus-aus» staubige Sportplätze entlangtrotten. Endlos kam es mir vor, auch wenn wir vermutlich nie länger als 30 Minuten laufen mussten. Mit meiner «Methode» konnte ich die Läufe zwar überdauern, habe es aber weder je über ein «Befriedigend» hinausgebracht, noch den vielgerühmten Genuss des Joggens für mich entdeckt.

Wie beim echten Laufen gibt es auch beim Lesen und Arbeiten so etwas wie Atmen. Auch wir stöhnen öfter aus, als wir einholen. Wir leben und atmen immer oberflächlicher und schneller, bis wir schließlich ab­­lenkt mit einem Tunnelblick betrachten. Was ist noch zu tun? Erst das, dann das, dann das … dann kommt irgendwann die nächste Runde. Noch weiter durchhalten!

Wo ist eigentlich das Ziel? Egal! Durchhalten, noch eine Runde …

Wann haben Sie zuletzt durchgeatmet? Konnten Sie Ihre To-Do-Liste einmal für ein paar Stunden beiseiteschieben, oder ist ein Gefühl der Belastung Ihnen bis in den Schlaf oder an den Urlaubstränden gefolgt? Haben Sie noch ein klares Lebensziel vor Augen oder lassen Sie sich nur noch (an)treiben?

Vielleicht ist es an der Zeit, wieder einmal einen frischen Wind durch unser Leben blasen zu lassen!

Selbstverständlich

Atmen ist ein Grundbedürfnis. Es ist so elementar, dass wir kaum jemals über das Wie und Warum nachdenken. Was uns so selbstverständlich erscheint, als die Luft, die uns umgibt? Erst wenn sie fehlt, rückt sie kurz ins Bewusstsein, woraufhin wir schnell ein paar Fenster öffnen und wieder zur Tagesordnung übergehen. Doch viele der wichtigsten Dinge im Leben sind unsichtbar, und wir widmen ihnen nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Vergessen wir nicht: Jeder Atemzug ist ein Geschenk!

Und wenn das Atmen nicht mehr geht? Dann ist das Leben vorbei! Wenn man Panik mit einem bestimmten Körpergefühl verbinden müsste, wäre ihr prägendstes Merkmal wohl das Fehlen von Luft. Die Vorstellung, keine Luft mehr zu bekommen, ruft an der blanken Angst. Erstickende Redewendungen zeugen davon, wie schlimm es ist, wenn mir etwas den Hals zuschnürt oder «die Luft zum Atmen» nimmt.

Überlastung und Überarbeitung führen interessanterweise nicht nur zu Erschöpfung oder Depression, sondern rufen oft auch Angst hervor. Ich schlafe nachts gut, aber wenn mich doch einmal ein Albtraum plagt, folgt er meist dem gleichen «Fahrplan»: Im Zentrum steht die immer Verkehrsmitte — meist im Zuge — und bestimmte Zeiten, die ich einhalten muss. Die Uhr tickt unbarmherzig, ich schaffe es einfach nicht, ich finde das richtige Gleis nicht, ich verlaufe mich immer wieder, die Zeit läuft, die Uhr tickt, es ist fast zu spät … Anstatt einen tollen Erfolgserlebnisses zu haben, wache ich ratlos auf: Ob mir das etwas sagen sollte?

Aufatmen

«Aufatmen» kann ich immer dort, wo ich einen Abstand zum Geschehen einnehmen kann. Im Sommerurlaub in Mecklenburg-Vorpommern beginne ich jeden Tag mit einem Bad in See. Wenn ich die gleißternde dunkleblaue Fläche in der aufsteigenden Morgensonne vor mir ausbreite, vermittelt es mir ein Gefühl der Freiheit und Frische. Diesen wunderbaren Moment möchte ich gerne in meinen Alltag mitnehmen: in den Alpen genieße ich die wunderbare ruhige Stille der Natur in einem beeindruckt von allem Lärm der Welt, besinnt man sich auf einmal auf das Wesentliche.

Im (normalen) Leben am Arbeitsplatz oder daheim erwartet uns kein Naturschauspiel. Aber auch hier lassen sich Augenblicke des Aufatmens einbauen. Dem seelischen Aufatmen ist es bereits, einfach nur behutsam körperlich ein paar Minuten tiefen bewussten Atmens in den Bauch hinein wird manchmal merklich wahrgenommen gelassener. Am ehesten bekomme ich nach einem an Ereignissen vollen Tag, wenn ich einen Moment nehme, innezuhalten, zu denken, ein Gebet zu sprechen, die Gedanken auf etwas zu richten, was größer ist als man selbst und seine Probleme - das erhebt und richtet auf. Eine gute Körperhaltung und gute DurchLüftung unserer Räume tun das Übrige!

Den Blick schärfen

Etwas, was mich an trüben Tagen sehr entspannt, ist das Puzzeln. Ich klappe meinen Teppich hoch und lasse ein Bild aus 1000 oder mehr Teilen vor mir entstehen. Beim entschleunigenden Sortieren bunter Pappteilchen kann ich nachdenken und etwas Ruhe finden (eine Qualität, die übrigens sehr viele bildschirmfreie Hobbys bieten). Eine Erfahrung mache ich beim Puzzeln immer wieder: Ich suche ein bestimmtes Teil und habe anscheinend schon alle in Frage kommenden Stücke ausprobiert. Irgendwann höre ich auf und wende mich anderen Dingen zu. Wenn ich später zum Puzzle zurückkomme, sehe ich auf einen Blick, was zu tun ist. Mit sicherer Hand greife ich nach einem ganz bestimmten Teil und … Volltreffer!

Schon ein paar Minuten des Abstands schärfen den Blick. Was vorher nicht sichtbar war, ist auf einmal klar und eindeutig. Wer sich Zeit fürs Aufatmen nimmt, vertieft nie etwas. Er geht seine Aufgaben danach frischer und mit neuer Kraft an.

Wie kann ich etwas Abstand zu meinem Alltag herstellen? Einmal in einem anderen Raum arbeiten oder schlafen? Einen Tag völlig offline in der Natur verbringen? Bestimmte Routinen durchbrechen? Ein altes Hobby wiederentdecken? Die Welt aus einer anderen Perspektive sehen, sich weiterbilden, zuhören und dazulernen? …

Heben Sie Ihre Augen auf! Wer nach atmet, lebt und kann sich verändern. Wer atmet, ist frei. Vielleicht ist es an der Zeit, wieder einmal einen frischen Wind durch unser Leben blasen zu lassen!

Ein Termin jagt den anderen wie in einem Staffellauf, bis wir nur noch hetzen und es uns vorkommt, als hätten wir in unserem eigenen Leben nicht mehr das Heft in der Hand.
Zurück
Zurück

Saubere Luft durch E-Zigaretten und Co.?

Weiter
Weiter

Faszination Bildschirm - Kinder zu verantwortungsbewussten Nutzern heranwachsen lassen