Wie lernen Kinder und Erwachsene den maßvollen Umgang mit Medien?
Autor/in: DR. PHIL. BOJAN GODINA (Coach und psychologischer Berater, Bad Füssing, D)
Ausgabe: Mai/2018 - Mässigkeit
Klare Vorteile!
Keine Frage, die digitalen Medien haben unser Leben auf der einen Seite ziemlich erleichtert. Zunächst war es der PC, das Notebook oder das Tablet. In den letzten Jahren kam noch das Smartphone hinzu. Mit diesem geht ja inzwischen fast alles sogar unterwegs auf der Straße oder im Auto. Es hilft mir, mit meinem guten Freund in Kanada per WhatsApp kostenlos zu telefonieren, 1000 andere Freundschaften über Facebook mit neuen Posts zu pflegen oder durch Google Maps meinen Weg zur nächsten Tankstelle zu finden.
Zu viele Stunden täglich!
Auf der anderen Seite merken wir trotz aller wunderbaren Möglichkeiten der neuen Medien, wie unsere Zeit immer mehr ein Opfer der steigenden Mediennutzung wird. In der Schweiz liegt die durchschnittliche Dauer bei sechs Stunden täglich. Wenn wir im Alltag acht Stunden arbeiten müssen, fragt sich, welche Zeit wir dafür opfern wollen.
Die Medienkonzerne (Facebook, Snapchat, Youtube, Google, Netflix) wissen schon lange, dass sie sich in einem ständigen Rennen um unsere Aufmerksamkeit befinden. Vor allem der Schlaf ist ihr größter Feind, den man mit raffinierten Methoden aus der Spiel- und Suchtforschung immer weiter verkürzen will.
Vor Kurzem sind im Silicon Valley führende Strategen von Google, Facebook und Co. aus dem System ausgestiegen, um nun als ehemalige Insider das «Center for Humane Technologie» zu gründen. Ihr Ziel ist es, vor allem Kindern und Jugendlichen zu helfen, die Gefahren dieser Technologien zu erkennen. Auf ihrer Seite www.humanetech.com heißt es: «Unsere Gesellschaft wird von der Technologie in Geiselhaft genommen. Diese Gesellschaft zeigt sich aber nicht nur in der verlorenen Zeit, sondern kann, wie wir inzwischen sehen, nur aus Laborstudien, sondern aus neuesten gesellschaftlichen Entwicklungen sieht, auch zu unterschiedlichen Krankheiten führen. Zum Beispiel sind in Südkorea inzwischen 80–90 % der Kinder kurzsichtig, weil sie nicht mehr auf die Weite schauen, sondern nur noch in die Nähe auf Bildschirme.
Schon 2004 hat der ex prominente Medienpsychologe Peter Wirthshof-Spurk im Fall einer Medienrankung nachgewiesen, dass viele junge Menschen, die den ganzen Tag fernsehen, zu depressiven Schüben neigen. In seinem Buch «Klare Herzen, klare Sinne» beschrieb er, dass die Vielseher (also Menschen, die drei oder mehr Stunden täglich vor dem Bildschirm verbringen) unruhiger und selbstbezogener, erregbarer und von anderen beeinflussbar werden (histrionische Persönlichkeitsstörung).
Wie können wir also mit einem maßvollen medialen Umgang körperlich und seelisch gesund bleiben? Im Folgenden möchte ich dir einfache, aber auch praktische unterstützende Tipps geben, die uns Erwachsenen helfen können, eine gesunde Beziehung zu den Medien aufzubauen.
Lernziel 1: Medien als Werkzeuge sehen
Schon im Schul- oder Vorschulalter können die Medien als Werkzeuge kennenlernen. Grundsätzlich wären hier analoge Medien in der Vorschule vorzuziehen. Die psychologische Forschung liefert dafür auch eine Begründung: Bevor wir Kindern Medien an die Hand übergeben, sollten wir doch zuerst darüber nachdenken, wie viele reale Situationen sie erleben. Sonst wird das kindliche Gehirn verlernt, wie es sich am besten in verschiedenen Situationen zurechtfindet. Oder wie ein Kind lernt, einen Konflikt auszuhalten.
Kinder brauchten schon immer die unmittelbaren Erfahrungen der realen Welt. Dass ein Kind ein Feuerwerk anschauen kann, ist eine Sache. Etwas ganz anderes ist es, wie es sich verhält, wenn wir ihm erklären, dass es bei Feuerwerk nicht ums Schießen geht, sondern um unseren Schutz für den Kopf, den Bauch, das Herz usw.
Das ist die Möglichkeit dieser Medien und Geräte, uns zu helfen, dass wir unsere Aufgaben durchdenken und erfüllen können. Vielleicht sollten wir unseren Kindern im Alltag statt dem Handy reale Werkzeuge an die Hand geben: eine Lupe, das Mikroskop, den Fotoapparat, die Werkzeugkiste, das Pfeil und Bogen. Sie sollen reale Dinge anfassen können und für sich entdecken können. Diese «alten» Werkzeuge werden gesehen, wenn sie den Kindern beibringen:
• Wenn das Kind gerne singt oder Musik macht, kann es ein Aufnahmegerät bekommen, z. B. einen MP3 Player, mit dem es sich aufnehmen und wieder hören kann.
• Wenn wir in die Natur gehen, kann man eine Fotokamera mitnehmen, um Bilder von Blumen oder – mit Makrofunktion – auch kleine Insekten wie Ameisen und Bienen aufzunehmen und später auf dem Fernseher zu bewundern.
• Während einer Familienfeier kann das Kind nach Interessen entscheiden, einige Bilder oder Videos zu machen.
• Man kann auch eine Endoskop-Kamera günstig kaufen, um mit dem 4mm Schlauch die unterirdischen Kanäle oder in Bauwerke unterschiedliche Insekten zu entdecken.
• Es ist aber auch möglich, nach der Nachrichtubrik oder eine Stereo-Mikroskop (Lupe) zu besorgen, um in der Natur Schädel zu sehen, die man sonst nicht erblickt.
Durch diese Übungen können die Kinder frühe positive Eindrücke erhalten und verinnerlichen, dass die Medien erst in den älteren Jahren als Werkzeuge dienen, die wir besser nutzen und achten können. Diese Maßnahmen vermeiden die kindliche Abhängigkeit und führen dazu, dass das technische Medium innerhalb des Systems eines Menschen bleibt, also die Möglichkeit, dass das Gerät zu steuern ist und nicht umgekehrt.
«Unsere Gesellschaft wird von der Technologie in Geiselhaft genommen».
Lernziel 2: Systemisches finales Denken fördern
Die Kinder sollen so früh wie möglich zwei Lebensweisheiten lernen:
1. Unsere Welt ist ein System.
Ein Element, ein Mensch oder ein Verhalten hat viele andere Elemente Auswirkungen.
2. Manche Wirkungen zeigen sich nicht sofort, sondern nach einer gewissen Zeit oder sogar am Ende von Jahren (final).
Was viele Jugendliche und Erwachsene heute leider nicht verstehen, ist die Tatsache, dass unser Medienkonsum auf unsere Lebenspraxis Auswirkungen hat. Nicht nur zeitliche, sondern auch gesundheitliche oder soziale. Vieles zeigt sich erst nach Jahren. Die südkoreanischen Kinder sind nicht von heute auf morgen kurzsichtig geworden. Kalte Herzen entstehen nicht über Nacht, sondern nach Jahren, aber dann sind sie schwer zu verändern. Kindern im VorschuI- oder Grundschulalter kann man diese Gesetzmäßigkeiten bezüglich der Medien nicht so gut erklären. Es bedarf anderer Lerninhalte, in denen sie diese zwei Lebensweisheiten lernen. Dazu gibt es unterschiedliche Möglichkeiten:
• Das Kind sollte so früh wie möglich eigene Erkenntnisse darüber gewinnen, wie Ursache und Wirkung in der Natur zusammenhängen, indem man es unter Anleitung z. B. in einem kleinen Beet mehrere Sonnenblumen, Tomaten oder Salat pflanzen lässt und dann bei
dem einen Streifen gute Erde nimmt und alles gut mit genug Wasser versorgt, während man den zweiten Abschnitt in einer schlechten Erde ohne Wasser überlässt. Pädagogisch wichtig dabei ist, dass man mit den Kindern überlegt, warum das eine gewachsen ist und das andere nicht. Das Kind wird das Prinzip von Ursache und Wirkung (Samen einpflanzen), den Systemaspekt (Erde, Sonne, Wasser) und die finalen Langzeitfolgen (Ernte / keine Ernte) verstehen lernen. Man kann weiter zeigen, dass es Negatives gibt, das die Saat angreifen kann. Es gibt Schädlinge oder Parasiten, welche die Pflanze zerstören können.
• Man kann aber auch bei dieser Übung lernen, wie man mit «zu guten Dingen», dem der falschen Pflege einer Ernte vernichten kann. Wenn man den Samen beispielsweise mit zu viel Wasser gießt oder ihn zu stark der Sonne aussetzt.
Einige Jahre später kann man diese verstanden grundlegenden Naturgesetze auf die Medien übertragen. Was man in sich hineinpflanzt, wird in mir bleiben und mich langsam, aber sicher verändern! Manches zeigt sich erst Jahre später. Ein Zuviel auch an guten Inhalten kann mich aus der Bahn werfen und unglücklich machen.
Genau auf dieses letztgenannte Prinzip weisen die Aussteiger von Facebook und Google auf ihrer Seite «Humantechtips.ch» hin: Wenn man z. B. 22 Minuten täglich in Facebook ist, kann man glücklich sein, wenn man dagegen 59 Minuten drin ist, wird man unglücklich (siehe Grafik).
Wie die Grafik zeigt, liegt das Geheimnis für gesunde Me diennutzung im richtigen Maß. Die Kinder sollten die Prinzipien des Maßes vorher durch einfache Übungen in der Natur eingeübt und verstanden haben.
Lernziel 3: Die Ethik muss die Inhalte und das Maß bestimmen
Nach meiner Erfahrung liegen die größten Auseinander setzungen bei Kindern und Erwachsenen im ethischen Bereich. Die Filmmacher, Entwickler von Videospielen und Werbeagenturen wissen genau, dass die einfachste Methode, Einschaltquoten und Verkaufszahlen zu steigern, darin liegt, dass man die negativen Reize erbett. Der Mensch ist schon von klein auf nicht im dem moralisch Guten, sondern auch durch das unterschwellig Negative sehr schnell zu beeindrucken. Irgendwie besitzt das Negative mehr Macht, Aufmerksamkeit blitzschnell zu fesseln.
Als vor wenigen Jahren das Videospiel GTA5 auf den Markt kam, hat es innerhalb von drei Tagen den Rekordumsatz vo einer Milliarde Dollar gebrochen. In diesem Spiel geht es aber nicht um fürs Autofahren, sondern um einen sehr realitätsnahen Schießbefehl: Die Opfer versiegen, die der Spieler am «ber öffter durchnehmen muss. Wie soll eine öffentliche Moral verändernd, konnte man in Deutschland 2018 beim Skandal um die Verleihung des Musikpreises Echo sehen, der für Musik mit judenfeindlichen Texten vergeben wurde. Aber wie können wir die moralische Sensibilität schon im Kindes- und Jugendalter fördern?
• Eine Möglichkeit besteht darin, auf der Basis des zweiten Lernziels (s. oben) die Prinzipien von Saat und Ernte auf die Ethik zu übertragen. Dies kann am besten erreicht werden, wenn in einem Alter ab 10,11 Jahren begonnen wird, mit den Heranwachsenden über Gerechtigkeit zu sprechen. Die meisten Jugendlichen reden gern über dieses Thema. In diesem Alter haben sie ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür. Wenn man Kinder fragt, was oder wen sie in der Schule als ungerecht empfinden, wird man sehr schnell zu ihrem Gerechtigkeitssinn vordringen. Man kann in einer Gruppe die wichtigsten Grundsätze einer gerechten Welt definieren lassen. Dann überträgt man diese Prinzipien auf die Medien und lässt die Heranwachsenden erzählen, was sie gut und richtig finden. Im letzten Schritt kann man das Lernen in Erinnerung rufen und darüber diskutieren, ob Medieneinhälte in unserem Gehirn Einfluß auf unser Fühlen und Denken sowie auf unsere Moral aus üben.
• Eine weitere Möglichkeit besteht in religiös Heranwachsenen in Medienkompetenz themen. Hier geht der Vorschlag Xenoiden biblische Texte heranzuziehen, vor allem z. B. aus dem Neuen Testament der Galaterbrief und Kapitel 5, die Verse 19-24. Dort werden welt unterschiedliche Verhaltensweisen beurteilt. Nachdem man im Religionsunterricht in der Schuie, Kirche oder zu Hause die einzelnen Begriffe geklärt und auf einer Tafel oder einem Zettel gegenübergestellt hat, bittet man die Jugendlichen, nun ihre Film-, Musikvideos und andere mediale Inhalte mitzubringen und anhand dieser ethischen Kategorien kritisch einzuordnen.
Auf diese Weise lernen die Jugendlichen, ihr Medenver halien mit ihren eigenen moralischen oder sogar religiösen Überzeugungen in Zusammenhang zu bringen. Man muss ihnen gar nicht sagen, was gut und schlecht ist. Nach dem Här verfassen sie sich nach eigenen Überzeugungen und Gesprächen sowohl unter sich als auch das Maß macht Inhalte verändern.
„Was viele Jugendliche und Erwachsene heute leider nicht verstehen, ist die Tatsache, dass unser Medienkonsum auf unsere Lebenspraxis Auswirkungen hat. Nicht nur zeitliche, sondern auch gesundheitliche oder soziale. Vieles zeigt sich erst nach Jahren.“