Die Sehnsucht hinter der Sucht

 

Autor/in: DR. MED. MARKO KLEMENZ (Facharzt für Allgemeinmedizin, Notfallmedizin, Suchtmedizin, Diabetologie, Kleines Wiesental, D)

Ausgabe: Mai/2018 - Mässigkeit

 

«Mein Mann trinkt in letzter Zeit so viel. Sie müssen ihm dringend so richtig ins Gewissen reden. Aber erwähnen Sie bloß nicht, dass ich Ihnen das gesagt habe!»
«Wir sind völlig verzweifelt. Unsere Tochter lebt in ihrer eigenen Welt. Seit sie den neuen Freund hat, ist sie völlig verändert. Wir glauben, dass sie Drogen nimmt. Sie hat schon so viele Fehltage bei der Lehrstelle. Wenn das so weitergeht, verliert sie noch ihren Ausbildungsplatz. Was können wir denn tun? Mit uns will sie nicht reden. Können Sie eventuell …?»

«Ich bin hier auf der Durchreise. Ich habe meine Schmerz- und Beruhigungstabletten vergessen. Wissen Sie, ich hatte eine schwierige Rückenoperation und brauche dringend meine Medikamente. Können Sie mir bitte aushelfen? Aber bitte jeweils eine Großpackung.»

Praxisalltag

Jeder Hausarzt wird solche Situationen zur Genüge kennen, und die unvollständige Liste der stoffgebundenen Suchtmittel könnte noch um nicht stoffgebundene «Dinge» wie Online­spiele, Pornographie, Glücksspiel u.s.w. ergänzt werden.
Ist Ihnen beim Lesen der drei anfangs genannten Aussagen aufgefallen, welche hohen Erwartungen da mitschwingen?
Wie viel Druck aufgebaut wird, obwohl als Bitte getarnt?
Das kommt von der falschen Annahme, dass eine Verhaltensänderung eintritt, wenn eine Respektperson mit viel Nachdruck die harten Fakten liefert. Diese gibt es natürlich: Alle sieben Minuten stirbt in Deutschland jemand an den Folgen von Alkohol und/oder Nikotin (in der Schweiz und in Österreich sieht es nicht wesentlich anders aus). Alkoholiker sterben 20 Jahre früher, Raucher 8 Jahre. Ein Leben mit Heroin ist auf Dauer nicht möglich. Man landet entweder im Gefängnis oder im Grab. Hart, aber so ist es!

Fakten berühren wenig

Wir verstehen alle, wie wichtig Schlaf, Ernährung und Bewegung für unsere Gesundheit sind. Trotzdem setzen wir dieses Wissen nicht immer um, sondern nur dann, wenn wir es wollen. Genauso ist es mit Menschen, die in einer Abhängigkeit gefangen sind. Sie wissen und erleben in der Regel, dass ihr Verhalten nachteilige Auswirkungen hat. Trotzdem bleiben sie dabei. Im Umgang mit Abhängigkeiten ist es wichtig, die Funktion des Suchtmittels zu verstehen. Warum wird konsumiert? Welcher Schmerz, welche Not, welches Leid soll gelindert oder betäubt werden?

Kennzeichen und Merkmale

Häufige Alltagsprobleme von Menschen mit Suchtverhalten sind eine hohe Affinität für Ablenkung, eine geringe Frustrationstoleranz und der Wunsch nach schneller Bedürfnisbefriedigung. Auch ein vermindertes Selbstwertgefühl, Schwierigkeiten mit Nähe und Distanz, Defizite im Umgang mit Konfliktsituationen ebenso wie gering ausgeprägte Problemlösungsstrategien können eine Rolle spielen. Wenn ich nicht gelernt habe, meine legitimen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu stillen, wenn ich nicht gelernt habe, mich mit schwierigen Arbeitskollegen, Vorgesetzten oder Lebenspartnern konstruktiv auseinanderzusetzen, staut sich innerlich viel an. Irgendwann merkt man dann, dass sich mit einem Glas Wein oder Bier abends besser abschalten und schlafen lässt. Auf diese Weise rutscht man unbemerkt in eine Abhängigkeit.

Viktor Frankl, der österreichische Psychologe und Begründer der Logotherapie, sieht einen Zusammenhang zwischen dem Entstehen von Sucht und einem «dauerhaften Erleben von Sinnlosigkeit und existentiellem Vakuum».

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass Menschen mit psychischen Störungen wie einer Angsterkrankung, emotional instabiler Persönlichkeitsstörung, posttraumatischer Belastung, schizophrenen Psychosen, Depression, Persönlichkeitsstörung oder ADHS ebenfalls zu Suchtverhalten neigen. Immer wieder berichten mir Jugendliche, dass sie sich durch das Kiffen einige Momente Ruhe in ihrem Kopf verschaffen und unter «normal» fühlen. Sonst würden die Gedanken wie wild kreisen.

Erfolgreich eine Sucht besiegen

Wenn man Menschen fragt, wie sie es geschafft haben, erfolgreich mit einer Sucht zu brechen, wird häufig von einem Schlüsselerlebnis berichtet:

«Ich bin heute Morgen aufgewacht und wusste nicht mehr, was gestern Abend passiert ist. Keine Ahnung, wie ich mit dem Auto nach Hause gekommen bin. Das macht mir Angst. So geht das nicht weiter. Es muss sich etwas ändern.»

«Meine Frau sagt: Wenn ich nicht zu trinken aufhöre, verlässt sie mich.»

«Mein Arbeitgeber gibt mir jetzt noch eine letzte Chance, sonst werde ich gekündigt.»

So ein «Aha-Erlebnis» kann auch ganz nüchtern-rational sein, im Sinne einer Bilanz: «Ich war bei der letzten Wanderung langsamer als die Rentner. Ich höre mit dem Rauchen auf.»

In lebhafter Erinnerung ist eine dramatische Schilderung eines jungen Mannes, der unter gleichzeitigem Gebrauch von Alkohol und Amphetamin zu starken Halluzinationen neigte. Eines Nachts versuchte er sich auf Gehölz vom Sinnlosen, was er hörte, mehrfach das Leben zu nehmen, was Gott sei Dank nicht glückte. Er schickte schließlich ein Whatsapp-Video von seinem blutenden Wunden an einen Verwandten, der Hilfe holte. Dieser jungen Mann war danach klar: «Drogen und Alkohol sind für mich tabu, ich drohe mich von meinen Freunden trennen, die mich immer wie­der zum Konsumieren verführen. Sonst passiert irgendwann etwas Schlimmes.»

Im Umgang mit Abhängigkeiten ist es wichtig, die Funktion des Suchtmittels zu verstehen. Warum wird konsumiert? Welcher Schmerz, welche Not, welches Leid wird gelindert oder betäubt?

Schau genau hin und verschaff dir Klarheit

Es ist also notwendig, genau hinzuschauen, ob es Hinweise in der Persönlichkeitsstruktur, im Bild vom bzw. über das Leben oder für psychische Erkrankungen gibt, die eine Sucht «unterhalten». Werden diese nicht angegangen und entsprechend behandelt, wird die Sucht nur verlagert. Statt Zigaretten sind es dann Gummibärchen, statt Beruhigungstabletten werden es Onlinevideospeile, statt Alkohol riskanter oder ungesunder Extremsport betrieben.

Ganz grundsätzlich eign sich folgende Fragen, um sich über das eigene Lebenskonzept klar zu werden: «Wer bin ich?», «Was will ich?», «Wie geht es weiter?», «Was macht mein Leben einzigartig und lebenswert?», «Wenn mein Leben so weitergeht, wo bin ich dann in fünf oder zehn Jahren? Will ich da hin? Wenn nein, was muss sich ändern?»

Was können Außenstehende tun?

Wie kann man Personen mit einem Suchtproblem unterstützen, die noch kein Schlüsselerlebnis hatten? Mit Verständnis, Einfühlungsvermögen, Akzeptanz, offenen Fragen und Zuversicht.

Raucher kann man beispielsweise fragen, wie viele Zigaretten sie täglich rauchen, in welchen Situationen sie rauchen und wie stark der Wunsch, mit dem Rauchen aufzuhören, auf einer Skala zwischen 0 und 10 ist. Angenommen, jemand antwortet «sechs», dann erkundigt man sich, warum sie nicht «drei» gesagt haben. Das hat zur Folge, dass die Patienten von sich aus anfangen, die Gründe aufzuzählen, die für einen Rauchstopp sprechen. Nun kann man beraten und gemeinsam erarbeiten, wie die nächsten Schritte aussehen können.

Anders sieht es bei Alkohol aus. Eine Alkoholabhängigkeit ist meist schambehaftet und wird verneinlich. Ein Patient, der seit vielen Jahren trocken war und sich aktiv beim Blauen Kreuz engagierte, sagte mir einmal: «Merken Sie sich eins: Jeder Alkoholiker lügt!» Das bedeutet, dass in einem Verdachtsfall eine direkte Konfrontation wenig erfolgsversprechend ist. Hier bringen einen Fragen wie: «Wenn ich Ihnen zuhöre und sehe, was Sie alles um die Ohren haben, dann frage ich mich, wie Sie das alles schaffen?» möglicherweise weiter. Es kann nämlich sein, dass der Patient darauf etwas sagt wie: «Ja, manchmal trinke ich abends ein Bier, um abzuschalten.» Somit ist die Tür für ein vertrauensvolles Gespräch geöffnet.

Kiffende und anderweitig konsumierende Jugendliche stellen eine besondere Herausforderung dar. In dieser Altersgruppe ist es wichtig, auf etwaige psychische Begleiterkrankungen zu achten. Nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen. Oft emotional durchgerüttelt, ambivalent gegenüber den Eltern und dem Leben. Hier sind verlässliche und vertrauenswürdige Bezugspersonen sehr wichtig. Wenn das Elternhaus das nicht bieten kann, dann das vielleicht ein Verein oder die Jugendgruppe.

Abschließend noch zwei Aussagen von Patienten

Als ich junger Assistenzarzt in der Inneren Abteilung war, lag ein Mann auf meiner Station, der sich vor der Alkoholentzugbehandlung in einer Fachklinik einer stationären körperlichen Entgiftung unterzog. In meinem jugendlichen Eifer wollte ich ihn auch gleich davon überzeugen, mit dem Rauchen aufzuhören. Darauf antwortete er: «Dann habe ich ja gar nichts mehr vom Leben...»

Eine überzeugt Rauchere sagte mir nach einer erneuter Anginapectoris nach dem Notarzt gerufen. Die Herzkranzgefäße waren verkalkt, und sie hatte bereits mehrere Stents bekommen. Auf dem Transport ins Krankenhaus auf die Vorteile eines Rauchstopps angesprach, meinte sie nur: «Ich will doch noch was vom Leben haben ...»

In diesem Zusammenhang frage ich mich, was Jesus vor zweitausend Jahren damit meinte, als er sagte:

«Ein Dieb will rauben, morden und zerstören. Ich aber bin gekommen, damit die Menschen das Leben in ganzer Fülle zu schenken.»

Wie sieht das Leben in ganzer Fülle aus und wie gelange ich dorthin?

Wenn ich Ihnen zuhöre und sehe, was Sie alles um die Ohren haben, dann frage ich mich, wie Sie das alles schaffen?
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Genügsamkeit genießen