Die Kraft der Hoffnung

 

Autor/in: Andreas Boppart (Referent und Autor)

Ausgabe: Leben & Gesundheit, Juli/August 2021 - Optimismus

Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen? Diese Frage stellte der Meteorologe Edward N. Lorenz.

Als ich seine Theorie des Schmetterlingseffekts zum ersten Mal hörte, war ich fasziniert von dem Wahrheitsgehalt dieser simplen Fragestellung – und gleichzeitig konnte ich vor Covid kaum an eine globale Auswirkung solch minimaler Auslöser glauben. Vor allem schien es mir unvorstellbar, dieses Phänomen einmal am eigenen Leib so drastisch zu erleben. Es überstieg schlicht meinen Vorstellungshorizont, dass ein mikroskopisch kleines Virus, das Tausende Kilometer von meinem Garten entfernt ausbricht, auch nur den geringsten Einfluss auf meinen Freiraum und meine Hobbys haben könnte – wie etwa auf Tennis, das mir jetzt nicht mehr möglich ist.

Andere Freizeitbeschäftigungen wurden Teil meines neuen Lebens – Joggen, Hühnerhaltung und natürlich Händewaschen. Doch die Auswirkungen reichten weiter: Sie beeinflussten mein Beziehungsnetz, meinen Tagesablauf, meine Arbeitssituation, meine Gesundheit, meine Frisur (ja, auch ich hatte mich einmal kahl geschoren), meine Finanzen (nicht zuletzt durch überteuerte Online-Versandgebühren für billigste Artikel) – und meine Stresshormonproduktion, weil plötzlich vier Kinder von heute auf morgen stundenlang von uns Eltern beschult werden mussten, während wir auf gefühlten 73 Kommunikationskanälen mit 83 Lehrpersonen in einer Dauerkommunikationsschleife hingen.

Doch ich habe dazugelernt: So ein Schmetterlingsflügel ist wuchtig, und die globalen Systeme sind anfälliger als gedacht. Ein einziges feststeckendes Schiff im Suezkanal führte zu massiven Lieferengpässen verschiedenster Güter – unter anderem gingen den Briten die Gartenzwerge aus. Was sich wohl ebenso schrecklich anfühlte wie fehlendes Toilettenpapier – für Mitteleuropäer das Maximum an Dramaturgie in der Vorstellung eines nahenden Endes. Man kann es wohl so deuten: Wenn die Welt untergeht, möchten viele nur noch ihren A**** retten.

Vor allem eines hat Covid offengelegt: die Ängste, die wie Tiefseefische auf dem Grund unserer Seelenbadewanne dahindümpeln. Das Virus hat den Stöpsel gezogen – und all die lebendige Strebsamkeit, die unser Leben durchflutete, ist abgeflossen. Zurück blieb, was schon immer da war: bei den einen hoffnungsvoller Weltrettungsaktivismus, bei den anderen ein pessimistischer Lebenserhaltungstrieb.

Sigmund Freud glaubte, dass wir uns in Krisen angleichen. Der Psychiater Viktor Frankl, selbst KZ-Insasse in Auschwitz, beobachtete jedoch:

«Dort verschwammen die individuellen Unterschiede nicht – im Gegenteil, sie traten offenkundiger hervor. Die Menschen haben sich selbst demaskiert, sowohl die Schweine als auch die Heiligen.»

Meine Erfahrung bestätigt das: Jeder Mensch trägt «schweinische» wie «heilige» Anteile in sich. Der Grad an Hoffnung in uns bestimmt, welcher Anteil zu welcher Zeit und in welchem Maß nach außen tritt – ob wir selbstlos Menschen pflegen oder egoistisch Toilettenpapier hamstern.

Optimismus ist eine Entscheidung

«Entscheide dich dafür, optimistisch zu sein! Es fühlt sich besser an.» – Dalai Lama

Auf den ersten Blick scheint es, als könnten wir mit unserer Einstellung keinen Einfluss auf die Zukunft nehmen. Doch Studien zeigen das Gegenteil. Laut einer Untersuchung im British Medical Journal (2010) führt allein die Angst vor Stürzen bei Senioren zu einer erhöhten Anzahl tatsächlicher Unfälle.

Der unheilbar erkrankte Wissenschaftsjournalist Norman Cousins bewies durch Selbstversuch das Gegenteil: Heilung durch positive Gedanken und Gefühle. Trotz einer Überlebenschance von nur 1:500 ließ er sich täglich durch humorvolle Filme und Bücher zum Lachen bringen – und tatsächlich: Seine Schmerzen nahmen ab, er schlief besser, seine Gesundheitswerte verbesserten sich. Damit legte er den Grundstein für die Gelotologie, die Lachforschung.

Positive Gefühle, Gedanken und Hoffnung wirken sich auf unzählige Lebensbereiche aus: Sie fördern das psychologische Wohlbefinden, stärken das Immunsystem und beschleunigen Heilung. Menschen mit Hoffnung sind körperlich gesünder, haben stärkere Beziehungen, weniger Depressionen, sind kreativer und erfolgreicher.

Doch Hoffnung ist keine Frage der Umstände oder der Persönlichkeit – sie ist eine Frage der Blickrichtung. Wie es der Künstler Henri Matisse sagte:

«Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will.»

Ein optimistischer Blick aufs Leben ist mehr als eine naive Haltung. Er ist eine Kraftquelle, die die Richtung und Frucht unseres Lebens positiv beeinflusst.

Lebe fröhlich und frei:

Sei optimist.

Die Kraft der Hoffnung

In einem Slum von Addis Abeba blickte ich zum ersten Mal mit erschütternder Klarheit der Hoffnungslosigkeit ins Gesicht. Eine Mutter hielt uns ihren Säugling entgegen – mit flehendem Blick bat sie, ihn mit nach Europa zu nehmen, da sie keine Zukunft für ihn sah. Diese rohe Hoffnungslosigkeit brach mir das Herz und hinterließ ein Brandzeichen auf meiner Seele.

Damals entschied ich mich, mit meinem Leben – wo immer möglich – Hoffnung in die Welt zu tragen.

Der Forscher Cannon Walter veröffentlichte 1942 Untersuchungen darüber, warum Menschen an nichttödlichen Dingen sterben – wie etwa ein Mann am «Gift» einer in Wahrheit ungiftigen Schlange. Auf dieser Grundlage führte Curt Richter Experimente mit Ratten durch: In einem glattwandigen Gefäß ertranken sie im Schnitt nach 15 Minuten. Einzelne Ratten rettete er kurz vor dem Ertrinken, setzte sie später wieder ins Wasser – und sie schwammen bis zu 80 Stunden weiter. Der einzige Unterschied: Hoffnung. Sie hatten einmal erlebt, wie es ist, gerettet zu werden.

Die Abwesenheit von Hoffnung lähmt und lässt das Leben versiegen. Hoffnung aber durchdringt jede Zelle. Von ihr leben deine Beziehungen, deine Ehe, deine Träume, deine Zukunft, dein Glaube. Wo das Hoffen aufhört, stirbt das Leben. Eine Gesellschaft, die nicht mehr hofft, zerbricht an sich selbst.

Wenn wir aber lernen, im Grundrauschen der Hoffnung zu leben, gestalten wir unser Leben aktiv und tragen Zuversicht in die Welt.

Kape Musang

Selbst schwierige Prozesse können unserem Leben etwas Wertvolles geben. Während einer Auszeit auf den Philippinen stieß ich auf den berühmten Kape Musang – den Kaffee der Wildkatze. Einheimische sammeln die ausgeschiedenen Bohnen dieser Tiere, die durch chemische Prozesse in der Verdauung einen einzigartigen Geschmack erhalten. Das Ergebnis: eine der teuersten Kaffeesorten der Welt, bis zu 1.200 Franken pro Kilogramm.

So ist es auch mit uns: Manchmal fühlt sich das Leben an, als müsse man «unten durch». Doch gerade diese Zeiten verleihen Tiefe, Charakter und einen unverwechselbaren Geschmack – und machen uns wertvoll für andere. Lassen Sie nicht zu, dass Ihnen die Umstände langfristig die Hoffnung rauben!

Grundrauschen der Hoffnung

Während das Coronavirus die Welt ins Wohnzimmer verbannte, stand ich plötzlich am Bett des siebenjährigen Sohnes von Freunden. Er war unerwartet gestorben und lag da, als würde er jeden Moment wieder atmen. Es war ein Augenblick der Sprachlosigkeit und Dunkelheit. Auf dem Heimweg stellte sich mir die Frage, wo in solchen Momenten noch Platz für Hoffnung ist.

Doch die Frage ist nicht, ob man hoffen darf – vielmehr: Man muss hoffen!

Hoffnung bedeutet nicht, Schmerz zu verdrängen oder Leid zu verleugnen. Es ist normal, das Licht am Horizont nicht immer zu sehen. Aber wer das Leben nur im Hinblick auf das Jetzt versteht, verliert sich in Hoffnungslosigkeit. Der Blick über den Horizont lässt die Trauer nicht verschwinden, aber er bringt die Gewissheit, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Wie steht es um Ihre Hoffnung? Könnte es Zeit sein, die Blickrichtung zu ändern – und selbst zum Hoffnungsträger zu werden?

Das Grundrauschen der Hoffnung erinnert uns daran, dass sich Dinge zum Guten wenden können, dass der Wind sich dreht, dass es immer Wege gibt, die zurück ins Leben führen – und manchmal sogar über dieses Leben hinaus.

Optimisten sind Realisten, die gelernt haben, hinter den Wolken die Sonne zu erahnen.


Optimisten sind Realisten, die gelernt haben, die Sonne hinter den Wolken zu erahnen.
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Vom Pessimisten zum Optimisten – geht das?

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Entscheidungen – Wie selbstbestimmt sind wir eigentlich?