Entscheidungen – Wie selbstbestimmt sind wir eigentlich?
Autor/in: Judith Leitner (BSc Psychologie)
Ausgabe: Leben & Gesundheit, Mai/Juni 2021 - Prioritäten
«Ich will heute die dunkle Jeans anziehen» oder «Ich will jetzt gern mit Knete spielen, mit der grünen» – solch klare Entscheidungen kann und will unsere dreijährige Tochter bereits ganz allein treffen. Das bedeutet: Sie hat in ihren jungen Jahren bereits gelernt, was es heißt, mehrere Optionen zu haben und davon eine auszuwählen.
Was in der frühen Kindheit beginnt, begleitet uns unser ganzes Leben. Es vergeht kein Tag, an dem wir keine Entscheidungen treffen. Aber wie ist das eigentlich mit den Entscheidungen in unserem Leben – wie viele treffen wir täglich und wie gehen wir dabei vor? Zerbrechen wir uns über jede einzelne den Kopf oder entscheidet «unser Bauch»? Oder sind wir vielleicht gar nicht so selbstbestimmt, wie wir meinen? Welche Rolle spielen unsere Prioritäten?
Unbewusst und gewohnheitsmäßig
Wenn wir uns mit diesem Thema auseinandersetzen, ist es wichtig zu wissen, dass wir die allermeisten Entscheidungen unbewusst und gewohnheitsmäßig treffen. Forscher haben herausgefunden, dass wir täglich zwischen 20.000 und 35.000 Mal etwas entscheiden, je nachdem, welche Studie man zugrunde legt.
Dazu gehören z. B. die Entscheidung fürs Aufstehen nach dem Klingeln des Weckers oder die Frage, was wir anziehen, sowie viele andere «Blitzentscheidungen» in unserem Alltag. Da ist es klar, dass es nicht möglich ist, jede einzelne Tat bewusst zu überdenken. Es gibt kleine und große Entschlüsse, solche mit kurzfristigen, aber auch weitreichenden Folgen.
Entscheidungen rational …
Ein typisches Beispiel für eine (normalerweise) rationale Entscheidung ist ein Autokauf: Man informiert sich über die Angebote, vergleicht dabei nicht nur den Preis, sondern auch den Kilometerstand, die PS, das Baujahr, die Farbe und andere Kriterien, die man für sich selbst als wichtig definiert (Stichwort «Prioritäten»). Vielleicht erstellt man sogar eine Pro-und-Contra-Liste, um sich dann für das geeignetste Auto zu entscheiden.
… oder aus dem Bauch heraus?
Listen zu erstellen ist uns aber meist zu aufwendig. Deshalb treffen wir Entscheidungen oft intuitiv, «aus dem Bauch heraus». Dabei ist es falsch, unserem Gefühl zu unterstellen, keine rationalen Aspekte miteinzubeziehen. Das geschieht sehr wohl – aber unbewusst und aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen. Die Regeln, denen intuitive Entscheidungen folgen, nennt die Wissenschaft Heuristiken.
Heuristiken – unsere Faust- oder Daumenregeln
Wenn man uns fragte, würden wir wohl behaupten, dass wir in unseren Wahlmöglichkeiten sehr frei sind. Doch tatsächlich werden viele unserer Entscheidungen von sogenannten Heuristiken bestimmt – einem «Auto-Modus», den wir nur zu gern einschalten, ohne das genau zu hinterfragen.
Heuristiken sind mentale Strategien, die uns helfen, Urteile zu fällen und Entscheidungen zu treffen – besonders, wenn uns wenig Zeit oder begrenztes Wissen zur Verfügung steht. Sie sind wie Faustregeln, die uns bei einer Entscheidung unterstützen, wobei die Komplexität der Umwelt auf einfache Regeln reduziert wird. Dadurch werden wir allerdings auch anfällig für Fehler. Allein das Wissen darüber kann uns helfen, diese zu vermeiden und bewusst selbstbestimmt zu bleiben.
Das klingt theoretisch? Dann folgen nun drei praktische Beispiele:
1. Verfügbarkeitsheuristik
Stellen Sie sich vor, Ihnen wird ein kurzer Textabschnitt vorgelegt. Glauben Sie, dass darin mehr Wörter enthalten sind, die mit dem Buchstaben k anfangen (wie Kind), oder solche, bei denen sich das k an dritter Stelle befindet (wie Imker)?
Wenn es Ihnen so geht wie den Teilnehmern einer Studie, dann meinen Sie Ersteres. Das liegt daran, dass wir in unserem Gedächtnis mehr Wörter mit einem k am Anfang zur «Verfügung» haben als solche mit einem k an dritter Stelle. In Wirklichkeit kommt das k an dritter Stelle jedoch deutlich häufiger vor.
2. Repräsentativitätsheuristik
Diese Heuristik beschreibt, dass wir Menschen oder Dinge einer bestimmten Kategorie zuordnen, nur weil sie Merkmale aufweisen, die wir als typisch für diese Kategorie ansehen. Zum Beispiel würden wir uns vermutlich zutrauen, einen Mitarbeiter aus dem Marketing von einem Buchhalter zu unterscheiden.
Solche Stereotype sind oft hilfreich, aber auch problematisch – etwa, wenn wir Personen aufgrund ihres Alters, Geschlechts, ihrer ethnischen Herkunft oder äußerlicher Merkmale falsch einschätzen.
3. Ankerheuristik
Diese Denkabkürzung nutzt jegliche verfügbare Information aus der Umgebung als Hilfe – als Anker – für ein Urteil oder eine Schätzung. Dabei gibt es zwei Hauptformen: Adjustment (Anpassung) und Priming (Ersteindruck).
Beim Adjustment wird ein Anker als Ausgangspunkt für einen bewussten Gedankengang gesetzt. In einer Studie wurde die eine Gruppe gefragt, ob sie bereit wäre, 5 $ für die Rettung von Seevögeln bei einer Ölpest zu spenden, und die andere Gruppe, ob sie 400 $ geben würde. Der genannte Anker beeinflusste das Ergebnis deutlich: Der hohe Anker von 400 $ führte zu einer durchschnittlichen Spendenbereitschaft von 143 $, während beim niedrigen Anker von 5 $ die durchschnittliche Spende nur 20 $ betrug.
Beim Priming wird ein Anker unbewusst gesetzt und ruft bestimmte Gedankengänge hervor. Es beschreibt die subtile Beeinflussung unseres Denkens und Verhaltens – wie eine unsichtbare «Denkrinne».
So zeigen Experimente etwa, dass Menschen, die an ein beschämendes Erlebnis erinnert werden, anschließend ein verstärktes Bedürfnis verspüren, sich zu waschen. Oder dass Versuchspersonen, die Wörter rund um das Thema «Alter» lesen, sich danach langsamer bewegen als jene aus der Kontrollgruppe.
Priming geschieht heute besonders durch Medien, Werbung und Influencer – unser Denken wird so oft stärker beeinflusst, als wir wahrnehmen.
Gestalten sie aktiv ihr eigenes Leben - treffen sie bewusst Entscheidungen.
Entscheidungen treffen – und das wohlüberlegt
Bevor wir wichtige Entscheidungen treffen, sollten wir uns genau überlegen oder sogar notieren, in welchem Rahmen sie sich bewegen sollen und was uns dabei wichtig ist. Wenn wir dann im Laufe der Entscheidungsfindung merken, dass dieser Rahmen nicht mehr passt, sollten wir nicht sofort entscheiden – der Eindruck könnte z. B. durch Priming entstanden sein.
Sehen Sie sich mit Abstand nochmals alle Argumente an, die für oder gegen Ihre Einschätzung sprechen.
Um gute, bewusste Entscheidungen treffen zu können, hilft es, die eigenen Prioritäten zu kennen. Wenn diese festgelegt sind, erleichtern sie viele zukünftige Entscheidungen. Fragen Sie sich:
Welche Werte bestimmen mein Leben und Handeln?
Schreiben Sie diese Werte ruhig auf – das macht sie greifbar.
Machen Sie sich bewusst, was Ihre Ziele sind, und behalten Sie im Blick, was Ihnen langfristig guttut. Verschieben Sie nichts Wichtiges, sonst überlassen Sie bedeutende Entscheidungen womöglich anderen – oder dem Zufall. Fehlende oder falsche Prioritäten führen oft dazu, dass wir unwichtige Dinge bevorzugen und Wesentliches übersehen.
Übung für den Alltag
Nehmen Sie sich jeden Abend ein paar Minuten Zeit, um die fünf bis zehn wichtigsten Aufgaben für den kommenden Tag festzulegen. Das hilft, die Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen und den nächsten Morgen klar und fokussiert zu beginnen.
So starten Sie bewusster in den Tag und vermeiden am Abend das Gefühl, «alles und nichts» getan zu haben, weil Sie sich verzettelt haben.
Entscheidungen glücklich treffen
Wenn Sie wichtige Entscheidungen treffen müssen, achten Sie darauf, in einer positiven Grundstimmung zu sein. Dann können Sie kreativer denken und Ihre Handlungsmöglichkeiten realistischer einschätzen.
Oft glauben wir, uns zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden zu müssen – «Man kann nicht beides haben». Doch versuchen Sie, kreativ zu sein und eine Sowohl-als-auch-Lösung zu finden.
Und: Sobald Sie eine Entscheidung getroffen haben, bleiben Sie dabei. Grübeln Sie nicht, was hätte sein können. Das raubt Energie und blockiert Ihr Denken.
Ich wünsche Ihnen viel Freude und Erfolg beim bewussten Treffen von Entscheidungen, die Ihr Leben so gestalten, wie Sie es wollen!
„Entscheidungen bewusst zu treffen heißt, das eigene Leben aktiv zu gestalten.“