Gesund beginnt im Mund – Ernährung und Mundgesundheit

 

Autor/in: DR. MANUEL REINISCH, M.A. (Zahn- und Humanmedizin)

Ausgabe: Leben & Gesundheit, Januar/Februar 2022 - Ernährung

Gesunde Ernährung und gute Mundgesundheit stehen in einer wechselseitigen Beziehung zueinander. Die Entstehung von gewissen Krankheiten im Mund lässt sich durch das, was wir essen und trinken, beeinflussen.

Karies, die durch den übermäßigen Konsum von Zucker entsteht, ist nur ein Beispiel einer Krankheit, die im Mund entstehen kann. Auch eine einseitige und vitaminarme Ernährung hat einen schädlichen Einfluss auf Zahnfleisch und Zähne.

Eine gute Mundgesundheit ist auch für eine ausgewogene Ernährung wichtig. Fehlende Zähne, Schmerzen oder Mundtrockenheit reduzieren die Kaufunktion. Das hat zur Folge, dass weniger Obst und Gemüse und vermehrt weiche Speisen konsumiert werden. Die sich daraus ergebende mangelhafte Zufuhr von wichtigen Vitaminen und Ballaststoffen hat nicht nur Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit, sondern der Verzicht auf bisher gewohnte Speisen schlägt sich auch negativ auf das psychische Wohlbefinden nieder.

DER MUND ALS SPIEGEL DES KÖRPERS

Der Mund wird manchmal als der Spiegel des Körpers bezeichnet. Denn es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Erkrankungen der Mundhöhle und des restlichen Körpers. Einerseits können allgemeinmedizinische Krankheiten zu Veränderungen des Zahnfleisches, der Zähne, der Zunge sowie der Mundschleimhaut führen. Anderseits erhöhen Entzündungen im Mundbereich das Risiko für Allgemeinerkrankungen wie Diabetes, Gelenkentzündungen, Herzinfarkt, Schlaganfall und die Schaufensterkrankheit (pAVK). Guter Mundgesundheit und einem regelmäßigen Besuch bei der Zahnärztin beziehungsweise beim Zahnarzt kommt daher eine wesentliche Bedeutung zu.

KARIES UND PARODONTITIS

Die beiden häufigsten Krankheiten in der Mundhöhle sind Karies und Parodontitis. Beide Krankheiten können durch gesunde Ernährung und gute Mundhygiene-Gewohnheiten vermieden werden. Dafür ist es wichtig, den Entstehungsmechanismus zu verstehen und die auslösenden Faktoren zu vermeiden.

Die Karies ist eine Erkrankung des Zahnhartgewebes. Der Name kommt vom lateinischen Wort für «Morschheit» oder «Fäulnis» und beschreibt das Krankheitsbild sehr passend. Denn unbehandelt führt Karies zu einer Erweichung der Zahnhartsubstanz, welche bis zum Verlust der Zähne führen kann. In Europa sind ungefähr 98 Prozent der Bevölkerung von Karies betroffen. Sie entsteht dadurch, dass Bakterien im Zuge ihres Stoffwechsels aus dem Zucker der Nahrung Säure produzieren. Diese Säure löst Mineralsalze aus der Hartsustanz der Zähne heraus und bildet Löcher. Überschreitet der Defekt eine kritische Größe, kann sich der Zahn nicht mehr von selbst regenerieren. Über kurz oder lang kann es zu unterschiedlichen Symptomen wie Hitze- und Kälteempfindlichkeit, kurzzeitig starken Schmerzen, «Ziehen» beim Genuss bestimmter Nahrungsmittel oder Mundgeruch kommen – mit Wilhelm Busch gesprochen: «Ein Zahn, ein hohler, macht mitunter, sogar die faulsten Leute munter.»

Bakterien sind auch bei der Entstehung von Parodontitis beteiligt. Da die Mundhöhle nicht steril, sondern von zahlreichen Mikroorganismen ständig besiedelt ist, benötigt es ein gesundes Immunsystem, eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Mundhygiene, um die Mundflora im Gleichgewicht zu halten. Die häufigste Form der Parodontitis beginnt am Übergang zwischen Zahnfleisch und Zahn. Die Entzündung äußert sich durch Rötung, Schwellung und eine erhöhte Blutungsneigung des Zahnfleisches, zum Beispiel beim Zähneputzen oder Essen. Leider wird dies oft übersehen oder ignoriert. Mit der Zeit bilden sich tiefe Zahnfleischtaschen, die den Zahnhalteapparat und den Knochen schrittweise abbauen, bis der Zahn schlussendlich locker wird. Die Therapie einer fortgeschrittenen Parodontitis gestaltet sich in der Regel mühsam und kann sich über Monate oder sogar Jahre erstrecken. Eine zielgerichtete und frühzeitige Vorsorge durch Anpassung des Lebensstils und insbesondere der Ernährung kann daher viel Leid ersparen.

ZAHNFEINDLICHE ERNÄHRUNG

Haben Sie schon einmal einen Affen mit Zahnbürste gesehen? Die Mehrzahl der Affenarten ernährt sich vorrangig vegetarisch und hat keine bis kaum Karies. Lediglich die Zähne zu putzen, ist für eine gute Mundgesundheit offensichtlich nicht ausreichend. Die Ernährung spielt eine vielfach unterschätzte Rolle. Die hauptsächlich konsumierte Nahrung in den westlichen Industriestaaten (mittlerweile vermutlich auch auf dem Großteil der Erde) besteht aus einem viel zu hohen Anteil an prozessierten Kohlenhydraten und tierischen Proteinen aus Massentierhaltung. Zugleich ist dieser Ernährungsstil arm an Mikronährstoffen und Ballaststoffen.

Das typische Feiertagsessen, das vielfach einem Zucker-Fest gleichkommt, führt zu einem massiven Anstieg des Blutzuckerspiegels. Die überhöhte Zuckerzufuhr aktiviert zugleich das Hormon Insulin aus der Bauchspeicheldrüse, um dabei zu helfen, den Zucker möglichst rasch in die Körperzellen abzutransportieren. Die starke Insulinausschüttung lässt den Blutzucker nach rund ein bis zwei Stunden absinken, oftmals sogar unter den normalen Level. Dies führt zu einem Gefühl von Heißhunger, was im schlimmsten Fall mit weiteren zuckerhaltigen Nahrungsmitteln kompensiert wird. Jede Zuckerzufuhr bedeutet dabei eine Säurebelastung für die Zähne. Wichtig ist auch zu wissen, dass nur rund ein Drittel des konsumierten Zuckers in Süßigkeiten steckt. Die restlichen zwei Drittel finden sich in industriell hergestellten Produkten wie Brotaufstrichen, Getränken, Milchprodukten und Backwaren. Aus zahnmedizinischer Sicht sollten zuckerhaltige Zwischenmahlzeiten daher vermieden werden. Es bringt auch nichts, Säfte zu verdünnen. Bakterien brauchen nur sehr wenig Zucker – das gilt auch für Fruchtzucker. Ein kleiner Schuss Apfelsaft im Mineralwasser entfaltet bereits seine zahnschädigende Wirkung. Für eine mund- und zahngesunde Ernährung zählt daher, so gut wie möglich auf Zucker zu verzichten.

Du bist was du isst.

VIER PRINZIPIEN EINER MUND- UND ZAHNGESUNDEN ERNÄHRUNG

Der kanadische Zahnarzt Dr. Weston Price gilt als ein Pionier in der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Ernährung und Mundgesundheit. Seine Forschungsreisen führten ihn zu den Ureinwohnern der unterschiedlichsten Regionen der Erde. Eine seiner bahnbrechenden Entdeckungen machte er im frühen 20. Jahrhundert in Australien. Er stellte fest, dass der Kariesdurchschnittswert unter den australischen Ureinwohnern, den Aborigines, bei nahezu null Prozent lag. Deren Ernährung bestand im Wesentlichen aus einer pflanzenbasierten Vollwertkost. Im Unterschied lag der Kariesdurchschnittswert der zivilisierten Aborigines, die in Reservaten lebten und ihre Ernährung der westlichen Kultur anpassten, bei über 70 Prozent. In seinen Publikationen und Büchern beschrieb er den engen Zusammenhang zwischen Ernährung und Karies.

Heutzutage wissen wir aus zahlreichen Untersuchungen, dass einfache Prinzipien einer gesunden Ernährung eine gute Mund- und Zahngesundheit maßgeblich fördern. Dazu zählen die folgenden vier Prinzipien:

NIEDERGLYKÄMISCH

Der glykämische Index misst die Wirkung kohlenhydrathaltiger Lebensmittel auf den Blutzuckerspiegel. Ein hoher Wert besagt, dass nach einem gewissen Zeitraum nach dem Verzehr viel Zucker ins Blut gelangt. Für eine mundgesunde Ernährung sollten Lebensmittel mit einem niedrigen glykämischen Index gewählt werden. Dazu zählen viele heimische Obst- und Gemüsesorten, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte. Statt einem Marmeladenbrot zum Frühstück wäre daher eher ein Vollkornmüsli mit frischen Früchten zu empfehlen.

BALLASTSTOFFREICH

Ballaststoffe sind eine Wunderwaffe gegen Heißhunger, Übergewicht, hohe Cholesterinwerte und die beste Nahrung für Darmbakterien. Ihre antientzündlichen Eigenschaften bei Parodontitis und Zahnfleischentzündung sind ein faszinierendes Forschungsfeld der letzten Jahre. Eine ballaststoffreiche Ernährung beinhaltet den Verzehr von Vollkorn, Gemüse, Obst, Nüssen und Hülsenfrüchten. Zusätzlich sollten ballaststoffarme Lebensmittel wie Säfte, Weißmehl und tierische Produkte vermieden werden. Einen besonders hohen Gehalt an Ballaststoffen haben Weizenkleie und Leinsamen, welche eine wunderbare Ergänzung in einem Müsli darstellen.

MIKRONÄHRSTOFFREICH

Entzündungen in der Mundhöhle sind mit einem niedrigen Mikronährstoff-Spiegel im Blut assoziiert. Eine pflanzenbasierte Vollwertkost enthält eine Menge an Mikronährstoffen, also Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Statt einem zusätzlichen Knödel sollte daher lieber eine doppelte Menge Brokkoli auf den Mittagsteller kommen. Bei Parodontitis wird vor allem zu einer verstärkt täglichen Aufnahme von Vitamin C, D, E, Kalzium, Zink und Antioxidantien in Form von Gemüse, Beeren und Früchten geraten. Besonders in der Schwangerschaft ist auf eine hohe Zufuhr von Mikronährstoffen und Omega-3-Fetten zu achten. Die mit der Schwangerschaft einhergehende Hormonveränderung führt zu einer erhöhten Anfälligkeit des Zahnfleisches gegenüber schädlichen Bakterienansammlungen und Entzündungen. Mithilfe einer ausgewogenen Ernährung und guter Mundhygiene gehört der Spruch «jede Schwangerschaft kostet einen Zahn» der Vergangenheit an.

OMEGA-3-REICH

Die mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren sind das einzige Fett, das antientzündlich wirkt. Außerdem haben sie eine direkt hemmende Wirkung auf den Knochenabbau bei Parodontitis. Weit oben auf der Liste der Omega-3-reichen Lebensmittel stehen fettreiche Fischsorten oder die tierfreundlichen Varianten Leinöl, Avocado, Walnüsse, Mandeln und Chiasamen.

FREUDE AM ESSEN

Nicht zuletzt sollte das Essen auch Freude bereiten. Denn mundgesunde Ernährung sollte Bestandteil des alltäglichen Lebensstils sein. Die Selbstkasteiung unter Verzicht aller liebgewordenen Speisen ist meist nur von kurzer Dauer. Eine nachhaltige Umstellung des Speiseplans benötigt Zeit, aber Ihr Mund und Ihre Zähne werden es Ihnen danken. Denn gesund beginnt im Mund!


Gesund beginnt im Mund – und bei dem, was wir täglich essen.
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