WAS PASSIERT, WENN ICH … mich zeige, wie ich bin?

 

Autor/in: JUDITH FOCKNER (TV-Moderatorin)

Ausgabe: Leben & Gesundheit, März/April 2023 - Vertrauen

Wir Menschen kommen nicht mit fertigen Verhaltensweisen auf die Welt. Wir lernen VERTRAUEN, ähnlich wie das Sprechen, in den ersten Lebensjahren. Aber ganz so einfach wie das Sprechenlernen ist es mit der Fähigkeit zu vertrauen eben doch nicht ...

Emma ist die gute Seele der gesamten Nachbarschaft. Sie hört dem alleinstehenden Herrn Brinkmann zu, wenn er beim Heckenschneiden eine Pause macht. Sie bringt die alte Frau Nowak zum Augenarzt, weil sie nicht mehr Busfahren kann. Sie weiß, dass Fischers ihr drittes Kind bekommen haben und bringt Spielzeug für die großen Geschwister vorbei. Sie hat eine syrische Familie bei sich aufgenommen und hilft ihnen beim Deutschlernen. Das, was andere unheimlich viel Kraft kostet, quillt aus Emma ganz selbstverständlich heraus. Es befriedigt sie zutiefst, es ist ihr Lebensinhalt.

MATTHIAS

Emmas jüngerer Bruder Matthias ist ebenfalls ein außergewöhnlich umgänglicher Typ. In seiner Firma wird er von allen geschätzt, weil er morgens immer ein freundliches Lächeln mitbringt und in über 20 Jahren noch nie mit einem Kollegen Streit hatte. Wenn jemand spontan eine Vertretung braucht oder ein Auftrag ansteht, den niemand übernehmen möchte, kann man immer mit Matthias rechnen. Man hat beinahe das Gefühl, sein geduldiger Umgang ist der Kleber, der das ganze Team zusammenhält.

PETRA

Matthiasʼ Abteilungsleiterin Petra hat ebenfalls herausragende Fähigkeiten. Natürlich erwartet sie Einsatz von ihren Mitarbeitern, aber die allermeiste Energie bringt sie selbst ein. Seit sie die Leitung übernommen hat, gibt es eine viel klarere Aufgabenteilung und regelmäßige Evaluationsgespräche über die Zufriedenheit im Team. Die Arbeitsqualität hat sich erheblich verbessert – einfach, weil jeder spürt, dass Petra ihren Job und die Firma liebt und hinter allen Kollegen steht.

EMMA, MATTHIAS UND PETRA

… haben einen äußerst positiven Einfluss auf ihre Umgebung, und viele Menschen sind ihnen dankbar dafür. Dennoch läuft ihr Leben nicht so rund, wie man meint, und es gibt Dinge, die keiner über sie weiß. Und keiner wissen darf.

Zum Beispiel, dass Emma seit knapp zwei Jahren Darmprobleme hat, die immer unangenehmer werden. Darüber spricht sie mit niemandem, nicht einmal mit ihren eigenen Kindern. «Das wird schon wieder besser werden, da muss man jetzt keinen Aufstand machen», redet sie sich ein. Denn wenn der Arzt etwas Kritisches fände und sie länger in Behandlung müsste, würde sie nur allen Leuten Umstände bereiten. Ihre Familie und die Nachbarn haben doch schon genug um die Ohren …

Was auch niemand weiß: Matthias ist nicht gerade glücklich darüber, dass er sich in 25 Jahren Berufsleben nie weiterentwickelt hat. Früher, im Studium, hatte er richtig gute Ideen: technische Varianten, die den Arbeitsprozess optimieren. Aber beim Einstieg in die Firma wurde er von den Vorgesetzten nicht ernstgenommen, und mittlerweile hat er sich daran gewöhnt, einfach einen Job zu erledigen, der ihn maßlos unterfordert. Auch in Teamsitzungen hätte er immer wieder etwas Innovatives einzubringen, aber bevor er große Diskussionen führen muss, hält er sich lieber zurück …

Und wie steht es um seine Abteilungsleiterin? Petra ist unter der dynamischen Oberfläche immer angespannt. Während alle von ihrer Arbeit begeistert sind, sieht sie permanent Lücken in ihrer Leistung, die sie möglichst rasch füllen muss. Abends blickt sie nicht etwa zufrieden auf einen erfolgreichen Tag zurück, sondern grübelt über Kleinigkeiten nach und plant schon minutiös die nächste Sitzung, damit ihr ja kein Fehler unterläuft. Petra hat seit Monaten Einschlafprobleme …

Abends blickt sie nicht etwa zufrieden auf einen erfolgreichen Tag zurück, sondern grübelt über Kleinigkeiten nach.

DREI GROSSE PERSÖNLICHKEITEN

– und doch hüten sie mit aller Kraft ein Geheimnis, das keines sein müsste. Warum können sie nicht offen sein?

Warum sagt Emma nicht einfach zu ihrer Familie: «Ich fühle mich krank»?
Warum sagt Matthias nicht einfach zu seinem Kollegen: «Ich möchte dir einen Alternativ-Vorschlag machen»?

In seinem Elternhaus war man mit Matthias nur zufrieden, wenn er still war und nicht widersprach. Bis heute hält er lieber den Mund und fühlt sich unverschämt, wenn er eine eigene Meinung vertritt.

Warum sagt Petra nicht einfach: «Sorry Leute, ich habe vergessen, das diesjährige Fortbildungswochenende einzuplanen»?

Sie können es nicht, weil ihnen dazu etwas Wesentliches fehlt: VERTRAUEN. Sie haben in diesem einen Bereich ihres Lebens nicht gelernt, mit dem Wohlwollen ihrer Mitmenschen zu rechnen. Im Gegenteil: Sie rechnen mit Ablehnung. Woher kommt das?

Vertrauen ist ein wichtiges Mittel in Beziehungen.

WARUM RECHNEN WIR MEIST MIT ABLEHNUNG?

Wir Menschen kommen nicht mit fertigen Verhaltensweisen auf die Welt. Wir lernen VERTRAUEN, ähnlich wie das Sprechen, in den ersten Lebensjahren. Stellen wir uns ein Kleinkind vor, das in einer idealen Welt aufwächst: Es ist von absolut liebevollen Wesen umgeben, die ihm vollkommenen Schutz, Nähe, Fürsorge und jede Menge Anerkennung schenken – und nie überfordert reagieren. Dieses Kind würde seine sozialen Fühler in alle Richtungen ausstrecken und immer auf Wärme und Ermutigung stoßen. So würde es lernen, dass es völlig entspannt und offen auf seine Mitmenschen zugehen kann und nichts verbergen muss, weil es nichts zu befürchten hat.

Das allerdings ist ein rein hypothetisches Beispiel. Denn wir alle leben in einer widersprüchlichen Welt. Selbst wenn wir eine einigermaßen glückliche Kindheit verbrachten, haben uns negative Erfahrungen Vorsicht gelehrt. Wir alle sind schon auf Ablehnung gestoßen, auf Verachtung, auf harte Anforderungen oder auf Unverständnis. Wir mussten mit Einsamkeit, mit unerfüllten Bedürfnissen oder mit Ängsten klarkommen. Und dort, wo die Verletzungen lange anhielten oder besonders tief gingen, haben wir gelernt, uns mit bestimmten Verhaltensmustern zu schützen, anstatt unseren Mitmenschen zu vertrauen.

Emma zum Beispiel ist jederzeit bereit, zu helfen – kann aber nicht zulassen, dass jemand anders für sie sorgt. Diese Aufgabe hat sie ihr Leben lang selbst übernommen. Schon als Kind hat sie sich um sich und um ihre kranke Mutter gekümmert, und sich (nur) dadurch wertvoll gefühlt. Es hat sich tief in ihr Wesen eingeprägt, dass ihr Leben Sinn hat, weil sie so umsichtig, so hilfsbereit und so nützlich ist. Emma kann nicht loslassen, weil ihr Herz glaubt:

«Ich bin wertvoll, weil man mich braucht. Was passiert, wenn ich plötzlich bedürftig bin? Wenn ich anderen zur Last falle? Dann kann ich ihnen nichts mehr geben und werde ihre Liebe verlieren. Und meine Existenzberechtigung.»

Matthias kann die Hürde nicht überwinden, die es bräuchte, anderen seine Ideen zu vermitteln. Denn dazu würde er ja indirekt Kritik an seinen Kollegen üben. In seinem Elternhaus war man mit Matthias nur zufrieden, wenn er still war und nicht widersprach. Bis heute hält er lieber den Mund und fühlt sich unverschämt, wenn er eine eigene Meinung vertritt. Denn sein Herz glaubt:

«Ich werde gemocht, weil ich mich so gut anpassen kann. Was passiert, wenn ich mit Bestimmtheit auftrete? Wenn ich anderen widerspreche? Dann werden sie zurückschrecken und mich ablehnen.»

Petra dagegen hat kein Problem, stark zu wirken. Es sind ihre Schwächen, die ihr Angst machen. Niemand macht gerne Fehler – aber Petra lebt in der permanenten Anspannung, dass man sie auf keinen Fall bei einem Versagen erwischen darf! Warum hat sie so einen starken Reflex, immer nur das Allerbeste zu geben? Weil sie von klein auf verinnerlicht hat, dass sie sonst nicht gut genug ist. Petra kann nicht auf Nachsicht hoffen. Ihr Herz glaubt:

«Ich werde dafür geschätzt, dass ich so gut arbeite. Was passiert, wenn ich weniger Leistung bringe? Was denken die anderen von mir, wenn ich Fehler mache? Dann werden sie mich heimlich verachten und nicht mehr so respektieren.»

IRRTÜMER MIT SCHWEREN FOLGEN

Alle diese irrtümlichen Schlussfolgerungen laufen unbewusst in uns ab. Dennoch prägen sie oft viele Jahre lang unser Benehmen. Früher haben uns diese Schutzmechanismen möglicherweise geholfen. Wir haben uns weniger anvertraut und dadurch weniger Ablehnung erlebt. Heute sind wir erwachsen, können unsere Umgebung noch einmal neu einschätzen und bewusst erneut die Fühler ausstrecken: Vielleicht begegnet uns doch viel mehr Wohlwollen, als wir vermuten.

STELL DIR VOR!

Stellen wir uns vor, Emma sagt: «Ich bin krank» und erfährt daraufhin, wie tröstlich es ist, sich in die Fürsorge anderer fallen zu lassen. Und das Beste: Sie merkt auf einmal, dass andere sich sogar freuen, wenn sie so ihre Liebe zeigen können!

Stellen wir uns vor, Matthias sagt: «Ich habe einen Vorschlag» und erlebt, wie seine Kollegen nicht gekränkt, sondern offen reagieren. Er erkennt, dass viele es sogar schätzen, wenn er ehrlich seinen Standpunkt vertritt.

Stellen wir uns vor, Petra sagt: «Ich habe etwas vergessen» und merkt, dass sie bei ihren Kollegen auf Verständnis stößt. Ja, sie spürt sogar, wie sich die Atmosphäre im Büro entspannt, weil der übermäßige Leistungsdruck wegfällt.

Was passiert, wenn ich mich zeige, wie ich bin? Im besten Fall wächst VERTRAUEN. Und die daraus folgende Nähe gibt unserem Leben eine neue Qualität.

Was passiert, wenn ich mich zeige, wie ich bin? Im besten Fall wächst Vertrauen – und das Leben gewinnt an Qualität.

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Das Leben ist schön – aber leider nicht immer

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„UNERTRÄGLICH“ – Wenn das Leben zu still wird