Das Leben ist schön – aber leider nicht immer

 

Autor/in: DR. FR ANK HA SEL (Autor und Theologe)

Ausgabe: Leben & Gesundheit, Mai/Juni 2023 - Prioritäten

Vom Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens

Wir alle sehnen uns nach einem guten Leben. Oft ist das Leben schön, sehr schön sogar. Aber leider nicht immer. Egal, wie sehr ich mich zum Beispiel um eine gesunde Ernährung bemühe oder regelmäßig Sport treibe: Wir befinden uns in einer Welt, in der wir selbst bei vorbildlicher Lebensweise von negativen Erfahrungen nicht verschont bleiben. Deshalb verwundert es nicht, dass wir alle mit den schwierigen und schweren Seiten des Lebens zu kämpfen haben. Es gibt wohl kaum jemanden, der im Laufe seines Daseins nicht mit unangenehmen und schmerzlichen Lebenswirklichkeiten konfrontiert wird, die als ungerecht empfunden werden und die nur schwer zu verstehen sind. Für manches, was uns widerfährt, gibt es keine einfache Sinndeutung oder überhaupt keine einsichtige Erklärung. In solchen Situationen fragen wir uns unweigerlich, wie so etwas passieren konnte und was das für uns und unsere Zukunft bedeutet. Wir alle kennen die schwierigen «Warum»-Fragen, die in solchen Momenten leicht in uns aufkommen. Damit umzugehen ist herausfordernd, denn wenn es keine guten Antworten auf schwierige Fragen gibt oder unsere Erklärungsversuche unbefriedigend bleiben, ist man gefordert, abzuwarten und mit offenen Fragen leben zu lernen. Aber zu warten, wenn wir die Zukunft nicht kennen oder der Ausgang einer Sache ungewiss ist, fällt schwer, sehr schwer sogar. Warten kann uns daran erinnern, dass oft die wichtigsten, schönsten und geliebtesten Dinge diejenigen sind, die außerhalb unserer Macht und Kontrolle liegen.

Vielleicht stehen wir als aufgeklärte und fortschrittliche Menschen des 21. Jahrhunderts in der Gefahr, angesichts schier grenzenloser Möglichkeiten in Wissenschaft und Medizin Leid, Schmerz, Krankheit und Vergänglichkeit weitgehend aus unserem Leben auszuklammern. Oder wir versuchen diese unangenehme Realität des Lebens zu verdrängen. Aber wie gehen wir mit dieser unbeliebten und unschönen Seite des Lebens um, wenn sie uns persönlich trifft? Es ist möglich, theoretisch und abstrakt über das Leid zu reden. Aber wenn man selbst betroffen ist, ändert das den Blickwinkel grundlegend.

LERNEN, ZU WARTEN

2008 erhielt meine Frau eine Krebsdiagnose. Einer lebensbedrohlichen Krankheit zu begegnen, über die man keine Kontrolle hat und deren Ausgang ungewiss ist, konfrontierte uns mit schwierigen Fragen und der schmerzlichen Erfahrung, warten zu müssen. Wir warteten in verschiedenen Krankenhäusern, bevor Behandlungen begannen oder nachdem sie beendet waren. Wir warteten auf Laborergebnisse und auf weitere Arzttermine. Und wo warteten wir? Im Wartezimmer, wie dieser Ort passenderweise heißt. Wir warteten, um einerseits zu sehen, ob die Therapie anschlägt, und andererseits, um herauszufinden, wie Gott unsere Gebete beantworten würde. Wenn du nicht gerade eine extrem geduldige Person bist, kannst du wahrscheinlich verstehen, wie schwer mir das Warten fiel. Ich mag generell keine langen Warteschlangen, keine Staus oder Verabredungen, die sich verzögern. Mich frustrieren unpünktliche Leute oder Abläufe, die länger dauern als nötig. Warten scheint oft nichts weiter zu sein als sinnloser Verzug. Aber ohne Warten gibt es kein menschliches Leben. Warten müssen ist Teil unseres Lebens in Raum und Zeit. Geduldig warten zu können, gilt es zu lernen. Dieser Prozess macht uns reifer und freier.

KEIN HAPPY END

In solch schwierigen Zeiten wünscht man sich häufig, dass sich die Umstände oder die Menschen und Dinge ändern, die einem Probleme bereiten, und man wartet darauf, dass alles irgendwie besser wird. Aber nicht alles Warten endet mit einem Happy End. Nur ein Jahr nach der Diagnose ihrer Erkrankung erlag meine Frau dem Krebsleiden. Der Tod eines geliebten Lebenspartners oder eines eigenen Kindes gehört gewiss zu den schmerzvollsten Verlusterfahrungen, die es zu verarbeiten gilt. Der Schmerz des Leides wirft Fragen auf, die zu den hartnäckigsten und schwierigsten Fragen zählen, die einem Menschen begegnen. Der Zweifel des Leides hat das Potenzial, den Glauben und das Vertrauen in das Leben zu zerstören. Da greifen keine Pauschalantworten mehr. Stattdessen beschäftigen uns im Leid Fragen nach dem «Warum» und «Wozu». Diese existentiellen Fragen haben das Potenzial, unser Leben zu lähmen. Angesichts eines permanenten Verlustes ist man geneigt, sich auf das zu konzentrieren, was einem genommen wurde und in Zukunft nicht mehr möglich ist. Dabei gerät man leicht in einen Strudel negativer Gedanken, aus dem man nicht mehr so leicht herausfindet.

Es ist nicht selbstverständlich, dass es uns gut geht - deshalb lernen sie, immer dankbar zu sein.

DER WERT DER DANKBARKEIT

Was mir in dieser schwierigen Zeit besonders half, nicht im negativen Denken gefangen zu bleiben, war eine Neuentdeckung der Dankbarkeit.2 Anstatt mich darauf zu konzentrieren, was ich nicht hatte, verhalf mir Dankbarkeit, besser in der Lage zu sein, die «verborgenen» Geschenke des Lebens wahrzunehmen, die immer noch da waren. Wenn wir Dankbarkeit praktizieren, verlagern wir unsere Aufmerksamkeit weg von jenen Dingen, die wir nicht (mehr) haben, hin zu dem Reichtum, der uns gegeben und geblieben ist. Dankbarkeit fördert eine Denkweise, die Befriedigung mit sich bringt. Wissenschaftliche Studien3 haben ergeben, dass Dankbarkeit die gesündeste aller Emotionen ist. Dankbarkeit wird immer sehr stark mit größerem Glück in Verbindung gebracht. Sie hilft Menschen, mehr positive Emotionen zu empfinden, schöne Erlebnisse zu genießen, ihre Gesundheit zu verbessern, mit Widrigkeiten umzugehen und stärkere Beziehungen zu knüpfen. Außerdem macht sie uns bewusst, wie viele Gelegenheiten wir haben, Dinge, mit denen wir beschenkt sind, mit anderen zu teilen. Geteilte Freude ist bekannterweise doppelte Freude.

Dankbar zu sein verändert in der Tat unser Leben positiv. Ich kann das persönlich bezeugen. Eine einfache, aber sehr wirksame Übung hat mir nach dem Tod meiner Frau geholfen zu lernen, dankbar zu sein: Ich begann an jedem Tag der Woche auf einem leeren Blatt Papier zehn Dinge aufzuschreiben, für die ich dankbar war. Aus diesen zehn Stichworten formulierte ich dann einen einfachen Satz, in dem ich zum Ausdruck brachte, warum ich dafür dankbar bin. Diese Sätze konnten auch als Gebete formuliert werden, zum Beispiel:

• Augen. Ich bin dankbar für meine Augen, denn mit ihnen kann ich Farben sehen und Bücher lesen.
• Hände. Ich bin dankbar für meine Hände, mit denen ich schreiben kann, andere Menschen berühren kann ...
• Zahnbürste. Ich bin dankbar für meine Zahnbürste, denn sie macht es möglich, dass sich mein Mund sauber und frisch anfühlt.

Als ich mit dieser Übung anfing, fiel es mir anfangs schwer, konkrete Beispiele zu benennen und aufzuschreiben. Aber Dankbarkeit ist wie ein Muskel – je mehr man übt, umso besser wird man. Am Ende der Woche hatte ich 70 Dinge zusammen, an die ich mich dankbar erinnern konnte. Außerdem gewann ich eine neue Perspektive für mein Leben. Anstatt mich darauf zu konzentrieren, was ich nicht hatte, war ich in der Lage, das verborgene Gute wieder wahrzunehmen, welches immer schon da war. Gibt es in deinem Leben solch «verstecktes» Gutes, welches zu mehr Freude führen könnte? Leidest du unter den Folgen negativer Erfahrungen oder unfairer Behandlungen? Spürst du die Last der negativen Gedanken, die nach unten ziehen will? Aus eigener Erfahrung kann ich bezeugen: Es lohnt sich, bei allem Schweren, den Blick immer wieder für das Gute und das Schöne zu öffnen, das uns täglich geschenkt wird. Zu danken heißt: Ich erinnere mich daran, dass mir jemand etwas Gutes getan hat, und das drücke ich in Worten aus. Dankbarkeit macht es uns möglich, auch die kleinen Dinge zu sehen oder all die wertvollen Menschen um uns herum zu schätzen und ihnen dies auch zu zeigen. Und das nicht erst dann, wenn alles perfekt und zu unserer vollsten Zufriedenheit ausfällt.

Interessanterweise stammt das mittelhochdeutsche Wort «danc» von dem fast gleichlautenden Wort «denken» ab, das wiederum sehr stark das Gedenken und das Gedächtnis betont. Dankbarkeit ist also die Fähigkeit, intensiv darüber nachzudenken, was einem an Gutem wider­fahren ist und das Ergebnis konkret zu benennen und zu würdigen. Dankbarkeit fördert eine Denkweise, die Befriedigung mit sich bringt.

Wenn du diese einfache Übung zu einer Gewohnheit werden lässt und sie pflegst, wird Dankbarkeit dein Leben positiv verändern. Garantiert!

Dankbarkeit ist wie ein Muskel – je mehr man sie trainiert, desto stärker wird sie.

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DANKBAR BIN ICH - meines Glückes Schmied

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WAS PASSIERT, WENN ICH … mich zeige, wie ich bin?