DANKBAR BIN ICH - meines Glückes Schmied
Autor/in: Melanie Kluge (Psychologin)
Ausgabe: Leben & Gesundheit, Juli/August 2023 - Optimismus
Glücklich-Sein ist beeinflussbar! Großartige Möglichkeiten dazu bietet uns die Dankbarkeit.
Im Jahr 2005 veröffentlichte Sonja Lyubomirsky mit zwei weiteren Wissenschaftlern einen richtungsweisenden Artikel zum Thema Glücklich-Sein1. Es ging darum, dass unterschiedliche Menschen unterschiedlich glücklich sind und woran das liegt. Die drei Wissenschaftler schlugen in ihrem Artikel die sogenannte «Happiness Formula» (Glücks-Formel) vor, die besagt, dass 50 Prozent der Unterschiede im Glücklich-Sein von den Genen abhängt, 40 Prozent von absichtsvollem Handeln und nur 10 Prozent von Lebensumständen. Lebensumstände bedeutet zum Beispiel, wo man lebt, wie alt man ist, ob man in der Kindheit Traumata erlebt hat, Beziehungsstatus, Einkommen und Gesundheit. All diese Lebensumstände haben also nur einen vergleichsweise geringen Einfluss darauf, wie glücklich Menschen sich fühlen. Viel wichtiger ist das absichtsvolle Handeln. Es steht für das, was wir tun und denken. Laut der Glücks-Formel sind also 40 Prozent des Glücklich-Seins beeinflussbar. Eine wirksame Möglichkeit, wie wir das beeinflussen können, ist Dankbarkeit. In den vergangenen 20 Jahren wurde viel dazu geforscht, und einige Ideen und Ergebnisse dieser Forschungen werden in den nächsten Abschnitten vorgestellt.
DANKBARKEIT AUSDRÜCKEN
Sie haben Ihre Dankbarkeit bestimmt schon oft trainiert, indem Sie anderen Menschen gegenüber Dank zum Ausdruck gebracht haben. Dies können wir auf unterschiedliche Art und Weise tun: mit Worten, mit Taten, mit Berührungen, mit unserer Mimik … Ihrer Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt.
Der Ausdruck von Dankbarkeit ist in unserer Gesellschaft tief verankert: ein Blumenstrauß oder Gutschein zum Arbeitsjubiläum als Dank für die engagierte Arbeit. Eine Rose und etwas von den Kindern in der Schule Gebasteltes zum Muttertag. Ein Mitbringsel, wenn man zum Essen bei Freunden eingeladen ist, oder Merci-Schokolade für die tolle Physiotherapeutin.
Aber auch die persönlichen Dankes-Momente in unserem Alltag sind wichtig! Sich beispielsweise bei einer Kollegin für ihre Unterstützung bedanken oder beim Sohn für das Ausräumen der Geschirrspülmaschine (selbst dann, wenn es ohnehin sein Job ist).
Oft können wir unseren Dank aber auch ganz ohne Worte und ohne Materielles ausdrücken: zum Beispiel durch einen Danke-für-das-leckere-Essen-Kuss an den Partner, der uns bekocht hat, oder ein Danke-für-den-freundlichen-Service-Lächeln an die nette Verkäuferin. Ich bedanke mich gerne im Alltag und erfreue mich dann an der Reaktion meines Gegenübers. Je unverhoffter mein Dank, desto toller.
DER DANKESBRIEF
Eine spezielle Methode, Dank auszudrücken, ist der Dankesbrief. Die Idee ist, einen Dankesbrief an jemanden zu schreiben, der oder die unser Leben positiv beeinflusst hat. Wer hat in meinem Leben einen Unterschied zum Positiven gemacht? Wer war vielleicht besonders gut zu mir? Adressaten von Dankesbriefen könnten zum Beispiel ein Elternteil, eine Lehrerin oder ein Freund sein. In einem Brief an diese Person werden der Dank und die Wertschätzung zum Ausdruck gebracht, indem ganz konkret beschrieben wird, wie dieser Mensch mein Leben positiv beeinflusst hat. Eine Studie2 zeigte, dass sich die Schreiber solcher Dankesbriefe nach dem Verfassen besser fühlten und die positive Wirkung auf den Empfänger des Briefs unterschätzten. Die Schreiber unterschätzten, wie überrascht die Empfänger über die Gründe der Dankbarkeit der Schreiber wären; sie überschätzten, wie merkwürdig die Empfänger den Brief finden würden und unterschätzten, wie positiv sich die Empfänger durch den Brief fühlen würden. Wenn wir also wüssten, dass der Empfänger unseres Dankes möglicherweise nicht weiß, wofür wir dankbar sind, es nicht merkwürdig findet, wenn wir uns bedanken und die positive Wirkung unseres Dankes so groß ist, würden wir unseren Dank vermutlich mehr und öfter zum Ausdruck bringen.
DAS DANKBARKEITSTAGEBUCH
Eine dankbare Grundhaltung lässt sich auch trainieren, ohne anderen Menschen gegenüber den Dank zum Ausdruck zu bringen. Viele Dinge, für die wir dankbar sein können, sind vielleicht auch gar nicht auf einen bestimmten Menschen zurückzuführen. Ich kann dankbar für den Sonnenschein sein, für unverhofft freie Zeit aufgrund eines abgesagten Termins oder für meine Kreativität. In einer Studie3 listeten Patienten mit chronischen neuromuskulären Erkrankungen jeden Abend fünf Dinge – egal, ob groß oder klein – auf, für die sie an diesem Tag dankbar waren. Es zeigte sich, dass sie sich dadurch besser fühlten, besser schliefen, optimistischer waren, sich mit ihren Mitmenschen verbundener fühlten und sogar die jeweiligen Partner den Unterschied bezüglich des Wohlbefindens und der Lebenszufriedenheit der Patienten bemerkten. Die Idee eines Dankbarkeitstagebuchs lässt sich zum Beispiel mithilfe eines kleinen Büchleins, mit einer Liste auf dem Handy oder auch mittels einer App umsetzen. Für Android-User steht zum Beispiel die App «Presently» zur Verfügung. Neben den genannten positiven Effekten ist es natürlich auch schön, rückblickend vergangene Einträge lesen zu können – vielleicht erst recht in einem Moment, in dem wir uns nicht so gut fühlen.
Es ist nicht selbstverständlich, dass es uns gut geht - deshalb immer dankbar sein.
DIE WANDERNDEN BOHNEN
Sollte Schreiben nicht so Ihr Ding sein, sind die wandernden Bohnen vielleicht genau das Richtige für Sie. Die Idee ist, dass Sie morgens eine Handvoll trockener Bohnen in Ihre rechte Hosentasche stecken und Sie jedes Mal, wenn Sie für etwas dankbar sind, eine der Bohnen von Ihrer rechten in Ihre linke Hosentasche wandern lassen. Abends nehmen Sie alle Bohnen aus Ihrer linken Hosentasche heraus und versuchen sich zu erinnern, wofür jede einzelne Bohne in die linke Hosentasche gewandert ist. So können Sie im Moment Ihre Dankbarkeit bewusster wahrnehmen und abends noch einmal darüber reflektieren und sich sozusagen doppelt freuen. Dreifach daran erfreuen könnten Sie sich, wenn Sie ein paar Ihrer Bohnen-Erlebnisse zum Beispiel mit einem Familienmitglied teilen. Wer weiß, vielleicht stecken Sie mit dieser Idee sogar jemanden in Ihrem Umfeld an und können sich dann über die Bohnen-Erlebnisse austauschen oder sich beim Abendessen von Ihren Kindern über deren «gewanderte Bohnen» berichten lassen.
WOFÜR UND WIE LANGE SICH DANKBARKEIT LOHNT
Leah Dickens, eine Psychologie-Professorin, die viel zu Positiver Psychologie forscht, untersuchte die Ergebnisse 38 verschiedener Studien zu unterschiedlichen Dankbarkeits-Übungen4 und fand heraus, dass sich durch die Übungen Wohlbefinden, Glücklich-Sein, Lebenszufriedenheit, positive Gefühle, Optimismus und Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen der Teilnehmer verbesserten, während sich depressive Symptome dadurch verringerten. Die positiven Auswirkungen der Dankbarkeits-Übungen auf Wohlbefinden, Glücklich-Sein und Depressivität waren auch noch einige Zeit nach Beendigung der Übungen nachweisbar. Dankbarkeit zu trainieren hat also nicht nur positive Auswirkungen im Hier und Jetzt, sondern wenn ich meine Dankbarkeit heute trainiere, bleiben Teile der positiven Auswirkungen auch längerfristig bestehen.
Sollten Sie also einige Tage eine der beschriebenen Ideen umsetzen und dann aber aufgrund mangelnder Zeit oder Motivation – oder schlicht und ergreifend, weil Sie es vergessen – wieder damit aufhören, haben Sie trotzdem etwas davon. Außerdem kann man ja jederzeit erneut damit weitermachen.
ZUSAMMENFASSUNG
Wir können unser Glücklich-Sein beeinflussen und sozusagen unseres Glückes Schmied sein. Eine Möglichkeit, dies zu tun, ist es, Dankbarkeit zu kultivieren, trainieren und auszudrücken. Sie können durch Worte, Taten und Blicke Dankbarkeit anderen gegenüber ausdrücken. Vielleicht nehmen Sie sich heute Abend Zeit, einer besonderen Person einen Dankesbrief zu schreiben. Sie könnten ein Dankbarkeitstagebuch beginnen oder beim nächsten Einkauf eine Packung Bohnen kaufen und diese einzeln von einer Hosentasche in die andere wandern lassen. Dankbarkeit macht glücklich!
„Dankbarkeit macht glücklich – und zwar sofort, nicht erst irgendwann.“