Durch Vertrauen getragen – Mit 70 die Welt erkunden
Autor/in: Hans Hierzer (Pensionierter Bauer)
Ausgabe: Leben & Gesundheit, März/April 2021 - Vertrauen
Es ist ungewöhnlich, dass man sich mit 70 Jahren dazu entscheidet, die Welt zu bereisen. Und das nicht auf Luxusdampfern, sondern zu Fuß, mit dem Fahrrad und den öffentlichen Verkehrsmitteln. Vertrauen auf Gott spielte dabei die wichtigste Rolle!
Wie es dazu kam
Meine Frau Martina ist leider mit 61 Jahren an Brustkrebs erkrankt. Nach mehreren Operationen riet der leitende Arzt zu dringender Erholung – möglichst weit weg vom Hof. Zeitgleich erhielten wir von Freunden eine Einladung, sie in Australien zu besuchen. Eine schöne Wohnung warte auf uns, und wir könnten so lange bleiben, wie wir möchten. Der Arzt war von dieser Möglichkeit begeistert und meinte: Je weiter weg, umso besser!
Australien
Im Frühjahr 1999 flogen wir dann von Wien nach London. In London war ein Bustransfer zu einem anderen Flughafen geplant. Diesen Transfer hätten wir in einer halben Stunde schaffen müssen, was uns leider durch unsere schlechten Englischkenntnisse nicht gelang. Großzügigerweise erhielten wir einen Gutschein für das Hilton-Hotel, inklusive Verpflegung. Und genau nach 24 Stunden ging die Reise weiter nach Australien.
Der lange 21-Stunden-Flug war für uns beide eine Premiere. Er führte über das Himalaja-Gebirge mit Zwischenlandung in Singapur. Unser Gastgeber holte uns am Flughafen von Brisbane ab. Dann ging es gut 100 Kilometer landeinwärts zu unserer „Busch“-Wohnung. Schon am ersten Abend zählten wir über 30 Kängurus.
Obschon hier Winter war, hatten wir es angenehm warm. Wir bebauten hinter dem Haus gleich einen Gemüsegarten, und in kurzer Zeit begann alles wunderbar zu wachsen – wie bei uns im Sommer. Schon bald konnten wir die ersten „Früchte“ daraus genießen.
Nach und nach erholte sich Martina. Aber während der ersten drei Monate litt sie schrecklich an Heimweh. Denn wir hatten ja mit unseren Kindern und vier Enkelkindern, von zwei bis zehn Jahren, in einem Haus zusammengelebt. Als Oma war sie sozusagen der Mittelpunkt des Hauses und der Familie. In der zweiten Hälfte ging es ihr dann schon deutlich besser, sodass sie sich gut erholen konnte.
Die Gastgeber zeigten uns in den sechs Monaten viel von diesem riesigen Land. Im Frühjahr 2000 kamen wir wieder nach Hause. Leider musste sich meine Frau weiteren Operationen unterziehen und mit Chemotherapie fortfahren.
Nachdem ihr klar geworden war, dass jede weitere Behandlung zu einer noch größeren Belastung führen würde, es nur ein Hinausschieben wäre und keine Hoffnung auf Genesung bestehe, gab sie auf. Dann ging es sehr schnell. Im Januar 2001 schied sie von uns. Mein Trost war, dass sie in der christlichen Auferstehungshoffnung verstarb, und ich vertraue fest darauf, dass Gott sein Versprechen wahrmachen wird.
Die gemeinsame Zeit in Australien war eine so starke Ermutigung, dass ich mich in der Trauer über den Verlust von Martina dazu entschloss, vertrauensvoll weitere Reisen zu planen. Dies gab mir Halt und Aufgabe zugleich – war ich doch im Vergleich zu meinem jetzigen Alter (91) noch nicht sehr alt, und dass ich keine Fremdsprachen beherrschte, hinderte mich nicht.
Per Rad in Neuseeland
Da ich ein leidenschaftlicher Radfahrer bin, kaufte ich mir ein stabiles Fahrrad mit zahlreicher Ausrüstung und reiste damit nach Neuseeland. Mit 30 kg Reisegepäck, hunderte Kilometer bergauf und bergab, von einem Campingplatz zum anderen, erkundete ich Land und Leute.
In einigen Wochen fuhr ich im Zickzack von Auckland bis zum „Nordkap“ Reinga. Ich reiste wohl mit einer Landkarte, wusste aber trotzdem nie, was vor mir lag.
Einmal fand ich weder einen Campingplatz noch ein „Bed and Breakfast“. Darum bog ich einfach zu einem Farmer ein. Da kam auf einem Privatweg der Sohn hinter mir mit einem Traktor angefahren und fragte, was ich vorhätte. Ich bat ihn, bei ihnen für eine Nacht mein Zelt aufstellen zu dürfen. „Nein“, erwiderte dieser, „aber ich habe ein Zimmer für Sie.“
Er schickte mich gleich unter die Dusche und führte mich danach in ein hübsches und großes Zimmer. Gegen Abend kamen seine Eltern nach Hause – Familie Braun – und ich wurde als Gast zum Abendessen eingeladen. So gut es ging, unterhielten wir uns mit Händen und Füßen.
Am nächsten Tag nahm mich der Bauer auf seine sehr weitläufigen Felder mit. Danach ging es zu einer Jungrinder-Herde, welche heute die Weide wechseln sollte. Zum Mittagessen war ich wieder eingeladen, und am Nachmittag fuhren wir mit dem Sohn und zwei Traktoren auf eine entlegenere Weide.
Der Bauer nahm noch zwei Hunde mit. Er musste seine großen Stiere, „Beef“ genannt, von einer Weide auf die andere führen. Die beiden Hunde halfen dabei sehr geschickt. Die Elektrozäune maßen allein an einer Seite dieser Weide 25 km! So etwas Gewaltiges hatte ich noch nie zuvor gesehen.
Als wir am späten Nachmittag zurückkamen, dachte ich, jetzt sei Feierabend, aber nein! Der Bauer nahm mich mit zum Melkstand, der etwa einen Kilometer weg war. Unterwegs zeigte er mir noch seinen privaten Steinbruch. Der Melker hatte bereits 100 Kühe fertig gemolken, als der Sohn weitere 100 Kühe zum Melkstand trieb.
Glücklich und dankbar durfte ich mit der Familie zu Abend essen. An jenem Tag feierte ich meinen 71. Geburtstag. Das war ein Geburtstagsgeschenk anderer Art. So viele Eindrücke hatte ich schon lange nicht mehr an nur einem Tag zu verarbeiten.
Am nächsten Tag reiste ich glücklich weiter. Bezahlen ließen sie sich nichts. Es war eine sehr nette und außerordentlich gastfreundliche Familie! Und es sollte nicht das letzte Mal sein, dass ich so liebe Menschen kennenlernen durfte. Später verbrachte ich immer wieder einmal längere Zeit auf solchen Farmen und arbeitete für Kost und Logis fleißig mit.
Durch das Reisen alleine, habe ich viel über mich selbst erfahren.
20 Jahre auf Achse
Bis zu meinem 90. Lebensjahr war ich – bis auf einmal – jeden Winter 6 bis 8 Monate unterwegs. Sehr oft in Neuseeland, ab und zu auch in Australien, Afrika (Mauretanien, Marokko, Sambia, Ägypten etc.) oder Südamerika.
Gut gefallen hat es mir aber auch in Südkorea, Thailand, Malaysia, Israel oder in Kanada und den USA. Manchmal war ich nur auf Reisen mit dem Fahrrad, per Autostopp oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bus, Zug und natürlich dem Flugzeug.
Da ich doch langsam etwas müder werde, war ich 2018/19 und 2019/20 „nur“ auf Zypern, wo es mir übrigens auch sehr gut gefiel! Mit einem gebrauchten Fahrrad, das ich mir für ein paar Euro vor Ort gekauft hatte, radelte ich 5 km in die Nachbarstadt Polis und auch ans Meer, wo ich während der milderen Monate regelmäßig badete.
Das Schönste aber waren die herrlichen Südfrüchte: Orangen, Mandarinen, Granatäpfel, Zitronen, Kirschen und vieles mehr – aber auch das wunderbar frische Gemüse.
In all den Jahren kam mein Gepäck immer pünktlich an. Ich erreichte meine Ziele immer gut und gesund, versäumte nie einen Flug (außer beim ersten Mal), brauchte nur einmal einen Arzt, kam mit der Sprache zurecht, wurde nie bestohlen und hatte nie einen Unfall.
Auch hatte ich nie finanzielle Probleme zu beklagen, obwohl ich all diese Reisen nur mit meiner Mindestpension antrat. Es reichte sogar noch für regelmäßige karitative Spenden.
Ich vertraue mich Dir an!
Was mit einem harten Schicksalsschlag begann, wurde mir schlussendlich zu einem großen Segen! Dass ich nach dem Tod von Martina neues Vertrauen fassen konnte und gleichzeitig ein neues Ziel (das Reisen) hatte, verdanke ich Gott, meinem Schöpfer!
Froh und dankbar bin ich auch, dass unsere Kinder meine Reisevorhaben stets guthießen und sich immer für mich freuten. War es für sie ja auch nicht immer einfach, mich sozusagen in die Ungewissheit zu entlassen.
Es gab Höhen, aber auch Tiefen in meinem Leben, doch ich habe Gottes Liebe immer wieder reichlich erfahren dürfen. Er hat mich auf all meinen Wegen begleitet.
Ja, liebe Leserinnen und Leser, ich durfte unsere Erde rundum bereisen und habe zu Land und auf See gesehen, wie groß und schön unsere Welt ist. Ich habe aber auch erlebt, wie vergänglich alles ist.
Ein langes Leben in Gesundheit ist schön und gut, aber nicht das Wichtigste, weil wir auf dieser Welt nur auf der „Durchreise“ sind. Darum ist volles Gottvertrauen bis zum letzten Atemzug das Allerwichtigste – weil das Beste erst danach kommt. Und das möchte ich nicht versäumen!
„Darum ist volles Gottvertrauen bis zum letzten Atemzug das Allerwichtigste – weil das Beste erst danach kommt.“