Selbstcheck Vertrauenswürdigkeit - Wie vertrauenswürdig bin ich?

 

Autor/in: Melanie Kluge (Psychologin)

Ausgabe: Leben & Gesundheit, März/April 2021 - Vertrauen

Ich arbeite in einer Suchtklinik mit Menschen, die an Alkoholabhängigkeit leiden. Um meine Patienten bestmöglich in ihrer Therapie zu unterstützen, ist eine vertrauensvolle Therapeut-Patient-Beziehung die Voraussetzung.

Der Teil, den ich zu dieser vertrauensvollen Beziehung beitragen kann, ist meine Vertrauenswürdigkeit. Wie ich bin und wie ich mich verhalte, das kann es meinen Patienten leichter machen, mir ihr Vertrauen zu schenken. Ganz wichtig ist mir dabei, nicht zu vergessen, dass jegliches Vertrauen, das mir entgegengebracht wird, ein Geschenk ist.

Meine Patienten müssen mir nicht vertrauen, bloß weil ich die Rolle der Therapeutin innehabe – genauso wenig, wie von Schülern ihren Lehrern oder Kindern ihren Eltern gegenüber erwartet werden kann, dass sie automatisch aufgrund der Rolle, die diese einnehmen, vertrauen. Vertrauen basiert auf Freiwilligkeit. Man kann es verspielen, aber nicht einfordern.

Damit meine ich, dass ich ganz viel dazu beitragen kann, dass mir nicht oder nicht mehr vertraut wird, ich aber auf der anderen Seite der vertrauenswürdigste Mensch auf Erden sein könnte, und es trotzdem möglich und völlig in Ordnung wäre, dass mir jemand nicht vertraut.

Obwohl es also kein Rezept mit Erfolgsgarantie dafür gibt, wie ich es schaffe, dass mir andere vertrauen, gibt es doch eine Reihe von Dingen, auf die ich achten kann. Wissenschaftler sind sich größtenteils darin einig, dass Vertrauenswürdigkeit auf drei entscheidenden Faktoren beruht:

  1. meinen Fähigkeiten

  2. meiner wohlwollenden Haltung

  3. meiner Integrität

1 – Meine Fähigkeiten

Es wäre unvernünftig, einem Kleinkind Verantwortung für die Zubereitung einer Mahlzeit anzuvertrauen, da es die Fähigkeiten, die man dafür braucht, noch gar nicht besitzt. Ebenso wäre es unvernünftig, jemandem die Zubereitung einer Mahlzeit anzuvertrauen, wenn die dafür benötigte Zeit und die Zutaten nicht vorhanden sind.

Wir vertrauen Menschen, von denen wir denken, dass sie die Fähigkeiten, das Wissen, die Zeit und die Mittel haben, die man für eine Aufgabe benötigt. Außerdem ist uns wichtig, sich darauf verlassen zu können, dass unser Gegenüber seine Versprechen auch tatsächlich hält und morgen noch gilt, was heute gesagt worden ist.

2 – Meine wohlwollende Haltung

Wenn ich meinem Gegenüber eine wohlwollende, wertschätzende Haltung entgegenbringe, fördert das sein Vertrauen. Es fällt viel leichter, jemandem zu vertrauen, von dem ich weiß, dass er oder sie es gut mit mir meint, mir respektvoll begegnet und sich für mich interessiert.

Aus einer solch positiven Haltung heraus kann ich empathisch zuhören, ohne zu verurteilen, aber gute Gründe unterstellen. Schließlich gibt es für jede noch so blöde Handlung gute Gründe. Wenn mein Partner merkt, dass ich wirklich gerne verstehen möchte, was dazu geführt hat, dass er oder sie vorhin so gereizt war, wenn ich kommuniziere, dass ich überzeugt bin, dass er oder sie gute Gründe dafür hatte, wird das Gespräch darüber harmonischer und für beide Parteien angenehmer verlaufen, als wenn ich meinen Partner mit einem «Du gehst aber auch immer gleich in die Luft» beschuldige oder mit einem «Ich versteh‘ nicht, warum du schon wieder so gereizt bist» zu Rechtfertigungsversuchen einlade.

Wenn mein Gegenüber meine wohlwollende Haltung spürt, wird es ihm oder ihr leichter fallen, sich zu öffnen und mir zu vertrauen.

Eine wohlwollende Haltung bedeutet auch, dass ich mich gemeinsamen Zielen verpflichte und das Beste des anderen suche. Wenn ich weiß, dass mich meine Freundin wirklich gerne hat und nur mein Bestes will, fällt es leicht, ihr meine Sorgen, Ängste, Zweifel, Freuden und Geheimnisse anzuvertrauen, weil ich davon ausgehe, dass sie mir interessiert zuhören, mich so gut wie möglich unterstützen und mich auf keinen Fall ausnutzen wird.

Nicht zuletzt ermöglicht es eine wohlwollende Haltung, auch kritische Fragen zu stellen oder unliebsame Positionen zu beziehen, ohne Beziehungen zu gefährden. Wenn meine Freundin weiß, dass ich es gut mit ihr meine, ich mir einfach ehrlich Sorgen um sie mache und sie deshalb nach ihrem Essverhalten frage, ist es für sie leichter, sich meinen unangenehmen Fragen zu stellen.

Wenn mein Gegenüber meine wohlwollende Haltung spürt, wird es ihm oder ihr leichter fallen, sich zu öffnen und mir zu vertrauen.

3 – Meine Integrität

Die dritte Komponente von Vertrauenswürdigkeit ist Integrität – die Übereinstimmung meiner moralischen Grundsätze und Werte mit meinem Reden und Handeln.

Integrität bedeutet, dass ich fair und ehrlich bin – ehrlich nicht nur zu anderen, sondern auch zu mir selbst. Das setzt voraus, dass ich mir meiner Gefühle und Gedanken bewusst bin, mir Zeit dafür nehme, meine Werte zu durchdenken, hin und wieder zu überprüfen und zu beobachten, ob mein Innenleben zu meinem Verhalten passt oder ob es da Widersprüche gibt, die es aufzulösen gilt.

Um widerspruchsfrei zu werden oder zu bleiben, muss ich auch zu meiner Meinung stehen, obwohl diese von meinem Umfeld nicht geteilt wird. Ich muss mich manchmal ein Stück weit unabhängig von anderen machen und in erster Linie auf mein eigenes Gewissen hören.

Ehrlich sein bedeutet auch, zu meinen Fehlern und Schwächen zu stehen und mit ihnen entsprechend umzugehen. Bei jemandem, der mir offen von seinen Schwierigkeiten erzählt, fühle ich mich freier, meine eigenen Baustellen anzusprechen. Ihm vertraue ich eher, dass er mich dafür nicht verurteilen wird, sondern mich versteht.

Um mich jemandem anzuvertrauen, ist es natürlich auch wichtig, dass ich mich darauf verlassen kann, dass mein Gegenüber Dinge für sich behält, wenn ich das möchte. Da spielt auch eine Rolle, wie jemand über andere Menschen spricht. Wie sollte ich jemandem vertrauen, meine Geheimnisse nicht weitererzählen, wenn er oder sie mir gerade die Geheimnisse eines anderen weitergesagt hat?

Vertrauen ist ein wichtiges Mittel in Beziehungen.

Vertrauensbruch – Ist alles verloren?

Wir alle sind Menschen, machen viele Fehler, und keiner von uns ist immer perfekt vertrauenswürdig.

Was also, wenn Vertrauen kaputtgegangen ist?

Die Antwort ist: Meinen Anteil am zerstörten Vertrauen mir und dem anderen gegenüber einzugestehen und die Verantwortung dafür zu übernehmen sowie vertrauenswürdig zu sein und Zeit zu geben.

Während Vertrauen in kürzester Zeit zerstört werden kann, braucht Vertrauensaufbau Zeit – oft viel Zeit. Da ist also Geduld und Hoffnung angesagt, dass mein Gegenüber mir irgendwann erneut das Geschenk des Vertrauens macht.

Jede Lebenslage, in der ich mich als vertrauenswürdig erwiesen habe, erhöht die Chance, dass mir mein Gegenüber wieder ein Stückchen mehr vertraut.

Fragen an mich selbst

Meine Fähigkeiten

  • Habe ich, was es braucht (Fähigkeiten, Wissen, Zeit, Mittel), um eine bestimmte Aufgabe zu übernehmen?

  • Wie ehrlich sage ich, was ich tun oder bieten kann und was nicht?

  • Inwieweit kann sich mein Gegenüber auf mein Wort verlassen, wenn ich etwas verspreche oder zusage?

  • Verhalte ich mich vorhersehbar? Wo bin ich unberechenbar und erschwere somit die Vertrauensbildung?

Meine wohlwollende Haltung

  • Sind mir sowohl die Interessen meines Gegenübers als auch meine eigenen wichtig?

  • Wie beeinflussen meine Entscheidungen und Handlungen mein Gegenüber?

  • Woran merkt mein Gegenüber, dass ich ihm oder ihr eine wohlwollende Haltung entgegenbringe?

  • In welchen Situationen fällt es mir leicht oder schwer, Gutes zu unterstellen oder ein guter Zuhörer zu sein?

  • In welchen Lebenslagen oder bei welchen Personen möchte ich bewusst an meiner Haltung arbeiten?

Meine Integrität

  • In welchen Situationen passt das, was ich sage und tue, nicht zusammen? Was wäre der nächste Schritt zu mehr Integrität?

  • Wie ehrlich bin ich zu mir selbst bezüglich meiner Absichten und Motive? Wie ehrlich bin ich zu anderen?

  • Sage und formuliere ich Dinge so, dass bei meinem Gegenüber das ankommt, was ich tatsächlich meine?

  • Welche Gefühle kenne ich gut? Angst, Traurigkeit, Wut, Freude? In welchen Situationen erlebe ich sie? Was sagt das über mich aus?

Fazit

Vertrauenswürdigkeit beruht auf drei Faktoren:

  • meinen Fähigkeiten,

  • meiner wohlwollenden Haltung

  • und meiner Integrität.

Wenn ich vertrauenswürdig sein möchte, sollte ich mir überlegen, ob ich habe, was es braucht, um eine Zusage zu machen oder eine Aufgabe zu übernehmen. Ich muss meinem Gegenüber wertschätzend begegnen sowie ehrlich zu mir und zum anderen sein.

Die eigene Vertrauenswürdigkeit zu hinterfragen, ist keine leichte, aber eine absolut lohnenswerte Angelegenheit. Schön, dass Sie sich auf dieses Abenteuer einlassen!


Vertrauen ist ein Geschenk – es lässt sich nicht einfordern, nur verdienen.
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Cannabis – einfach nur ein bisschen Entspannung?