Koffein in aller Munde
Autor/in: DR. MED. PATRIK AESCHBACHER (Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin)
Ausgabe: Leben & Gesundheit, September/Oktober 2022 - Mäßigkeit
Mittlerweile findet sich Koffein nicht nur in Kaffee, sondern in zahlreichen anderen Getränken. Welchen Einfluss aber hat Koffein auf unsere Gesundheit?
DIE KAFFEEMACHER
Im Gymnasium hatten wir einen Lehrer, der sich beklagte, dass sein Zimmer so weit von der Cafeteria entfernt lag, dass er in den Pausen nicht genug Zeit hätte, um sich einen Kaffee zu holen. Kurzentschlossen kaufte ich mit einem Kollegen eine günstige Filtermaschine und wir begannen unsere Klasse mit dem selbstgebrauten Getränk zu versorgen. Was zuerst als Gag gedacht war, führte beinahe zum profitablen Geschäft, denn die Büchse für Spenden füllte sich regelmäßig. In dieser Zeit trank ich an manchen Tagen fünf oder mehr Tassen Kaffee und spürte dann spätnachmittags ein Stolpern in der Herzgegend, das ich mit einer Mischung von jugendlicher Neugierde, wissenschaftlichem Interesse und Amüsement zur Kenntnis nahm: «Woah, jetzt wirkt das Koffein!» Ansonsten hatte ich nicht den Eindruck, einen Effekt zu verspüren. Kaffee roch einfach außerordentlich gut, und mit Milch und Zucker verschwand auch der bittere Geschmack.
ER BLEIBT BELIEBT – DER KAFFEE
Im Studium und während der Jahre in der Klinik war Kaffee allgegenwärtig. Die Gelegenheiten, sich und anderen mit einer Tasse eine kurze Pause zu gönnen, waren zahllos. Im Verlauf langer Arbeitstage wurde mir dann auch der scheinbar leistungssteigernde Effekt von Koffein rasch einmal bewusst. Und man musste ein wenig häufiger auf die Toilette. Andere Auswirkungen blieben mir noch verborgen, doch dazu später.
WUNDERMITTEL KOFFEIN
Kaffee und andere koffeinhaltige Getränke sind – aus ökonomischer Sicht – eine fantastische Erfolgsgeschichte. Die entsprechenden Marken gehören mit zu den bekanntesten überhaupt und generieren gigantische Umsätze. Die Produkte von zum Beispiel Coca Cola, Starbucks, Nespresso oder Red Bull sind praktisch auf der ganzen Welt erhältlich und machen die Produzenten vermögend. Wie ist das möglich, fragt man sich da als Beobachter. Wie kann es sein, dass die Konsumenten weltweit bereit sind, für Wasser, gemischt mit Zucker, Aromen und ein paar wenigen Chemikalien, ein Vielfaches des Preises der Grundsubstanzen zu bezahlen und das immer wieder, ja oft mehrmals täglich?
Eine gängige Erklärung ist, dass diese Produkte mit einem überlegenen Marketingkonzept vertrieben werden. Das mag für die oben genannten Namen zutreffen. Aber unzählige Nachahmerprodukte sind ebenfalls hochprofitabel. Marketing allein kann keine hinreichende Erklärung dafür sein. Der in meinen Augen wahre Grund ist ein anderer: Diese Getränke enthalten alle Koffein, welches die Konsumenten abhängig macht und dafür sorgt, dass sie immer wieder auf eine nächste Dosis angewiesen sind und sie auch bereitwillig überhöhte Preise bezahlen lässt.
DAS ALKALOID KOFFEIN ...
… ist eigentlich ein pflanzliches Gift und wird als Stimulans bezeichnet (wie Teein, die gleiche Substanz in Teeprodukten, und das nah verwandte, allerdings 4–5 Mal schwächere Theobromin in Kakao). Was geschieht nun, wenn wir eine Standarddosis davon, meist in Form eines Heißgetränks, aufgenommen haben? (Eine übliche Tasse Kaffee enthält je nach Zubereitungsart zwischen 40 und 90 mg Koffein, ein Espresso oder eine Dose Coca Cola ca. 20 bis 30 mg, ein mittelgroßer Becher («grande») bei Starbucks 150 mg; eine Tafel Zartbitterschokolade 50 mg (!)). Bereits wenige Minuten nach der Einnahme fühlen sich die meisten Menschen wacher und leistungsfähiger.
DARUM TRINKE ICH KAFFEE
Dies ist dann oft auch einer der ihnen bewussten Hauptgründe für zum Beispiel die regelmäßige Einnahme morgens nach dem Aufstehen, nach einer Mahlzeit oder zu einem Zeitpunkt, wo sie sich von ihrer Arbeit oder Tätigkeit erschöpft fühlen. Weitere als angenehm und erwünscht empfundene Effekte sind unter anderem eine leichte Euphorie, das Gefühl gesteigerter Kreativität oder von Geselligkeit. Viele würden auch einfach den Genuss als Grund für das Trinken von Kaffee angeben.
Diese erwünschten Effekte sind für viele sehr attraktiv, und wie bei jedem Genusserlebnis stellt sich rasch die Frage: Wie oft kann ich es wiederholen? Funktioniert das auch beim zweiten oder zehnten Mal noch genauso gut?
ABER WAS IST MIT DEN NEBENWIRKUNGEN?
Die Antwort ist: Koffein hat leider mit zunehmender Dosis Nebenwirkungen. Dazu zählen psychische Phänomene wie Unruhe, Nervosität, Reizbarkeit, Angst- oder Panikattacken. Zu den körperlichen Phänomenen gehören eine intensivierte Atmung und Herzfrequenz, Muskelzittern, erhöhter Blutdruck, Schlafstörungen, Herzstolpern und -rasen, sogar epileptische Anfälle. Aus diesem Grund liegen die von Fachleuten empfohlenen maximalen, noch mit der Gesundheit vereinbaren Tagesmengen für gesunde Erwachsene zwischen 200 und 400 Milligramm. Die Grenzwerte für Schwangere, Stillende und Kinder sind zum Teil massiv tiefer – und es gibt große individuelle Unterschiede.
Kurzfristig kann Koffein also dosisabhängig zu einer Beeinträchtigung des Wohlbefindens führen. Nun gibt es eine alte Diskussion, ob denn dieser Genuss auch auf die Dauer ungesund sei? Lassen sich die oben genannten positiven Effekte quasi kostenlos einlösen oder gibt es mittel- bis langfristig einen Preis, den der Körper bezahlen muss?
Zahlreiche medizinische Studien kommen zum Schluss, dass Kaffeekonsum, selbst bei täglichen Mengen über die empfohlenen Grenzwerte hinaus, unschädlich und daher unbedenklich sei. So heißt es zum Beispiel, dass bei schwer Alkoholkranken ab fünf Portionen Kaffee täglich die Häufigkeit eines Leberzell-Karzinoms zurückgehe.
Die Pause vom Koffein hingegen löst das Problem an der Wurzel. Diese Pause aber – und das ist für viele ein überraschendes Eingeständnis – fällt vielen unglaublich schwer.
ANDERE BEOBACHTUNGEN
Lassen Sie mich aber dazu einige meiner eigenen klinischen Beobachtungen und Überlegungen teilen. Ein Teil stammt von meinen Patienten, ein Teil von mir selbst.
Es gibt einen klassischen Typus an oft weiblichen Patienten im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. Hole ich diese im Wartezimmer ab, so fällt mir schon beim Gang ins Sprechzimmer auf, dass sie adynamisch und lustlos wirken, manchmal haben sie eine deutlich bleiche Hautfarbe. Auf die Frage nach ihren Beschwerden geben sie keinen akuten Infekt an, sondern sie beklagen eine seit Monaten anhaltende Müdigkeit, chronische Magenschmerzen und Appetitmangel, häufige Kopfschmerzen und fehlende Lust an der Arbeit. Hört der Arzt hier mit den Fragen auf, so findet sich in den Blutuntersuchungen oft ein Eisenmangel. Diesen kann man durch Eisenpräparate korrigieren. (Es gibt für die genannten Symptome auch andere Ursachen, gehen Sie zum Arzt, wenn Sie krank sind!) Typischerweise zeigt sich bei einer ausführlicheren Befragung der Patienten aber, dass sie erst nach Mitternacht ins Bett gehen, zu kurz schlafen, kein vernünftiges Frühstück einnehmen, dafür trinken sie am Morgen schon bald einen Energydrink oder Kaffee und essen um 10 Uhr ein Schokocroissant. Mittags folgt dann ein Sandwich plus Eistee (auch dieser enthält Koffein). Aus Erfahrung kann ich sagen, dass dieser Ernährungsstil bei jungen Patienten für 6 bis 18 Monate funktionieren mag, danach jedoch viele krank werden und Hilfe suchen müssen.
Die entscheidende Intervention, die diesen Patienten helfen wird, ist, dass sie sämtliche koffeinhaltigen Getränke weglassen. Natürlich brauchen sie auch Medikamente, um die Eisenspeicher wieder aufzufüllen und auch solche, die den entzündeten Magen wieder beruhigen. Die Pause vom Koffein hingegen löst das Problem an der Wurzel. Diese Pause aber – und das ist für viele ein überraschendes Eingeständnis – fällt vielen unglaublich schwer.
WESHALB IST DAS SO SCHWER?
Weil man von Koffein abhängig wird! Mit allen Begleiterscheinungen einer Sucht. Das ist eine ernüchternde Erkenntnis. Wobei es Variationen gibt zwischen den Substanzen: Kaum jemand trinkt Kaffee heimlich. Der Grund dafür liegt in der gesellschaftlichen Akzeptanz. Bewegen Sie sich hingegen in einem Milieu, in dem Koffeinkonsum kritisch beurteilt wird, werden auch Sie zum heimlichen Kaffeetrinker. Diese Dynamik kann man gut beobachten bei den auf kleinere Zielgruppen fokussierten Energydrinks.
Zum Suchtverhalten gehört zum Beispiel der Beschaffungsdruck. Bei Kaffee? Sie mögen lachen. Aber ich kann davon aus eigenem Erleben berichten. Nach vielen Jahren unbeschwerten Kaffeekonsums (den besten bekommt man in Sydney und Melbourne) fiel mir zunehmend auf, dass ich mir unterwegs Gedanken machte, wo ich am nächsten Tag meinen Kaffee trinken würde. Der Grund war eine der Nebenwirkungen des Koffeinentzuges. Wenn der Körper an eine tägliche Dosis gewöhnt ist, reagiert er nach ungefähr 24 bis 36 Stunden ohne Kaffee mit Kopfschmerzen. Typischerweise also erst am zweiten Tag des Entzuges. Diese Kopfschmerzen will man vermeiden, denn sie sind sehr unangenehm.
AUS WISSENSCHAFTLICHER SICHT
Koffein besetzt in unserem Gehirn die Adenosinrezeptoren. Diese messen normalerweise die Menge freien Adenosins, welche anzeigt, wie viel Energie wir verbraucht haben. Denn Adenosin dient in unserem Körper in der Form von Adenosintriphosphat (ATP) als wichtigste Quelle für rasch mobilisierbare Energie. Werden die drei Phosphatgruppen abgespalten – ist die Energie also aufgebraucht –, so ist das Adenosin frei. Sind nun die Rezeptoren aber durch Koffein besetzt, hindert das diese daran, den Ermüdungszustand zu erkennen. Deswegen fühlen wir uns auf einmal so leistungsfähig. Ja, Sie lesen richtig: Man hat gar nicht mehr Energie mit Koffein, sondern man bemerkt seine Erschöpfung einfach deutlich weniger gut! Der vermeintliche Energieschub entpuppt sich als Täuschung. Das ist eine wichtige Einsicht, die einem hilft, die Nebenwirkungen von Koffein zu verstehen.
In vielen Studien zu Kaffee wird oft nur ein Organsystem untersucht. Obwohl koffeinhaltige Getränke einen gigantischen Markt versorgen, kenne ich keine Untersuchung, die über einen längeren Zeitraum auf hohem wissenschaftlichem Niveau die Gesamtsterblichkeit als Folge regelmäßigen Koffeinkonsums untersucht hat. Das ist inakzeptabel! Noch wichtiger wären aber Studien zu den psychischen Auswirkungen. Denn Koffein macht zum Beispiel aggressiv – und das, ohne dass wir es bemerken. Die Untersuchungen zu Koffein beschäftigen sich kaum je mit diesem Aspekt. Nicht jeder Mensch ist gleich empfindlich für die Effekte. Und sie treten erst mit Verzögerung auf. Aber wenn Sie ab und zu Mühe haben, Ihre Emotionen zu kontrollieren und Ihnen in der Familie oder bei der Arbeit Ihr Temperament schnell durchbrennt, dann profitieren Sie vielleicht auf für Sie jetzt noch kaum vorstellbare Weise von einer Koffeinpause.
SUCHT VERÄNDERT DEN MENSCHEN
Kennen Sie jemanden in Ihrem näheren Umfeld, der über eine längere Zeit Drogen konsumiert hat, wie zum Beispiel Cannabis? Und haben Sie bemerkt, wie diese Personen sich mit der Zeit verändert haben? Bei allen geschieht etwas Seltsames. Neben der direkt nach dem Konsum auftretenden Wirkung, die nach wenigen Stunden wieder verschwunden ist, stellt sich auch eine Veränderung der ganzen Person ein. Kokain, Heroin, Alkohol, Nikotin, et cetera. – alle hinterlassen ihre eigenen charakteristischen Muster im Verhalten. Aber eine Auswirkung haben alle gemeinsam: Sie bewirken bei den Abhängigen ein allgemeines Desinteresse an ihrer Umgebung. Und Koffein? Könnte der regelmäßige Genuss von Kaffee, Tee und Schokolade auch eine solche Persönlichkeitsveränderung zur Folge haben?
Die ganze kaffeetrinkende Welt nimmt de facto an einem flächendeckenden Experiment zur Bewusstseinsveränderung teil, ohne dass dieses richtig kontrolliert würde. Wir haben es aber in der Hand, diese Kontrolle für unser eigenes Leben wieder zurückzuerlangen.
EINFACH AUSPROBIEREN!
Wenn dieser Gedanke Ihr Interesse geweckt hat, versuchen Sie es einfach mal für zwei Wochen! Die ersten Tage werden Sie vielleicht eine beträchtliche Willensanstrengung kosten. Aber ab der zweiten Woche wird es einfacher. Und Sie werden erstaunliche Dinge bemerken: Sie sind auf einmal abends um 21 Uhr wieder müde. Morgens wachen Sie viel frischer auf. Ihr Geruchssinn wird sich verbessern. Sie werden geduldiger und liebevoller gegenüber Ihrer Umgebung. Sie werden leistungsfähiger sein und sich auch am Ende eines Arbeitstages noch erstaunlich fit fühlen.
Unterschätzen Sie die beträchtliche Rückfallgefahr nicht, seien Sie dann aber auch nicht mutlos, sondern beginnen Sie einfach mit einem nächsten Versuch. Wenn Sie länger durchhalten, werden Sie nach ein bis vier Monaten auf einmal Lust auf ungesüßte Kräutertees bekommen, auch wenn Sie um diese jetzt einen großen Bogen machen. Ihre allgemeinen Interessen werden sich ausweiten, liegengebliebene Projekte Sie wieder anziehen. Die Erfahrung wird Ihre Willenskraft stärken – auch für andere Lebensbereiche, in denen Sie auf Disziplin angewiesen sind. Schmerzen des Bewegungsapparates, die Ihnen als Alterserscheinung zu akzeptieren erschienen, können sich abschwächen und verschwinden. Das gleiche gilt für Verdauungsbeschwerden, denn Ihr Mikrobiom im Darm erholt sich. Und Sie werden zwischendurch immer wieder grundlos glücklich sein und sich darüber wundern und freuen.
Versuchen Sie doch einmal zwei Wochen ohne Koffein, und Sie werden vielleicht bald schon erstaunliche und wertvolle Veränderungen in Ihrem Leben feststellen!
„Koffein gibt keine Energie – es lässt uns nur unsere Erschöpfung weniger spüren.“