WIE STEHT´S mit der gesunden Luft?
Autor/in: STEPHAN FREIBURGHAUS (Chefredakteur «Leben & Gesundheit»)
Ausgabe: Leben & Gesundheit, November/Dezember 2022 - Luft
FRISCHE LUFT, am besten im Wald oder auf entlegenen Wiesen, ist gesund – das wissen wir. Wie aber steht es um die «frische» Luft zu Hause und am Arbeitsplatz?
1 VON 10 TODESFÄLLEN
Die Luftverschmutzung und die Exposition des Menschen gegenüber schlechter Luftqualität gehören zu den größten Umweltbedrohungen für die öffentliche Gesundheit weltweit, so die Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2016). Berichte haben gezeigt, dass auf globaler Ebene einer von zehn Todesfällen auf die Luftverschmutzung zurückzuführen ist. Laut einer Studie im Auftrag der «World Bank» und dem «Institute for Health Metrics Evaluation (IHME)» verursachte die Luftverschmutzung allein im Jahr 2013 weltweit etwa 5,5 Millionen Todesfälle. Auf europäischer Ebene waren es im Jahr 2016 mehr als 500.000 vorzeitige Todesfälle, welche auf die Luftverschmutzung zurückzuführen sind. Davon sind 412.000 auf Feinstaub (PM), 71.000 auf Nitrogen Dioxide (NO2) und 15.000 auf bodennahes Ozon (O3) zurückzuführen, so die Europäische Umweltagentur (2019). Diese Auswirkungen werden sich durch das kontinuierliche Wachstum der Großstädte künftig immer kritischer gestalten, denn etwa 90 Prozent der Weltbevölkerung lebt in städtischen Gebieten, die einer Luftqualität ausgesetzt sind, die über den WHO-Richtlinien liegt und sich in der Regel auf die Feinstaubbelastung bezieht.
INDOOR-LUFTVERSCHMUTZUNG
Traditionell wurde der Luftverschmutzung in Innenräumen deutlich weniger Aufmerksamkeit geschenkt als der Luftverschmutzung im Freien, insbesondere in stark industrialisierten oder verkehrsreichen Gebieten. Doch die Bedrohungen, die von einer langfristigen Exposition gegenüber Luftverschmutzung in Innenräumen ausgehen, sind laut Europäischer Umweltagentur in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, da die Gebäude zunehmend gegen die Außenwelt abgedichtet werden (Sick-Building-Syndrom), um Energiekosten für Heizung und Kühlung zu sparen.
Studien über die Exposition des Menschen gegenüber Luftverschmutzung in Innenräumen haben gezeigt, dass Innenräume mindestens doppelt so stark verschmutzt sein können wie Außenbereiche (Europäische Kommission, 2003). Tatsächlich könnte die Luft in einer städtischen Straße mit durchschnittlichem Verkehr sauberer sein als die Luft in einem Wohnzimmer, stellen Fachleute fest. Laut eines Berichtes des «Royal College of Physicians» 2016 leistet die Luftverschmutzung in Haushalten einen wesentlichen Beitrag zu den weltweiten Zahlen für Morbidität und Mortalität, mit nicht geringen Auswirkungen auf die Atemwege und das Herz-Kreislauf-System.
Viele Gebäude verlassen sich vollständig auf mechanische Belüftung. Schätzungsweise drei Milliarden Menschen weltweit sind täglich einer schlechten Innenraumluftqualität ausgesetzt. Zu den Hauptursachen schlechter Innenraumluft zählen unter anderem die Verwendung fester Brennstoffe, wobei Schadstoffe, die beispielsweise durch Verbrennungsprozesse entstehen, freigesetzt werden. Zu den Innenraumluftschadstoffen zählen Feinstaub, biologische Schadstoffe und über 400 verschiedene chemische, organische und anorganische Verbindungen, deren Konzentrationen von mehreren Faktoren abhängen.
Bis heute ist keine einzige physikalisch-chemische Technologie in der Lage, alle Schadstoffe in der Innenraumluft kosteneffektiv und hundertprozentig wirksam zu bekämpfen. In den letzten Jahren entwickelte sich die Biotechnologie zu einer kosteneffizienten und nachhaltigen Plattform. Biotechnologien sind erfolgreich für industrielle Anwendungen entwickelt worden, bei denen unterschiedliche Konzentrationen mehrerer Gasschadstoffe aus verschiedenen Quellen kosteneffizient behandelt werden. Allerdings ist das Potenzial der Biotechnologien (biokatalytische Wirkung) mittels Pflanzen, Bakterien, Pilzen und Mikroalgen für die Reinigung der Innenraumluft aufgrund der unterschiedlichen und schwierigen Bedingungen noch nicht hinreichend erforscht (vor allem im privaten Bereich).
Gerade in den kühleren Monaten des Jahres ist es in den eigenen vier Wänden bei kuschelig warmen Temperaturen gemütlich. Aber für Menschen, die empfindlich auf Allergene reagieren oder unter Atemproblemen leiden, kann der Winter diese Probleme verschlimmern. Abgestandene Raumluft und Heizungssysteme können zusätzlich die Wirkung von allergieauslösenden Hausstaubmilben, Tierhaaren und Schimmelsporen erhöhen. Die meisten Ursachen, die Probleme verursachen, sind geruchlos und werden dadurch nicht erkannt. Somit gibt es meist keine anderen Hinweise als die Symptome, die diese Allergene auslösen – wie Atemprobleme (einschließlich Asthma-Anfälle), Müdigkeit und Schläfrigkeit oder sogar Verdauungsprobleme.
GUTE UND FRISCHE LUFT, DAS A UND O
Eine optimale Luftqualität schützt uns vor der Ansteckung mit Krankheitserregern, schädlichen Dämpfen und Staub und trägt zur Steigerung der Konzentration und Produktivität bei. Belüftung ist der Schlüssel, um in Innenräumen eine sauerstoffreiche, gesunde Luft zu gewährleisten. Es gibt mehrere Möglichkeiten, für Belüftung zu sorgen. Das Lüften durch Öffnen der Fenster stellt dabei nach wie vor die einfachste und billigste Art dar. Dies kann sich jedoch negativ auf die Innentemperatur auswirken und dazu führen, dass die Temperatur über das Komfortniveau hinaus sinkt oder steigt. Auch die Lärmbelästigung kann ein Grund sein, die Fenster nicht zu öffnen. Eine gute Option für eine ausreichende Belüftung ist die Installation eines Klimasystems, das mit (frischer) gefilterter Luft lüftet und die Einblastemperatur der Luft regelt.
Laut einer Studie im Auftrag des Universitätsklinikums Münster sollen Klimasysteme mit professionellen Luftreinigern, die mit speziellen HEPA-14-Filtern ausgerüstet sind, noch effizienter sein als regelmäßiges Stoß- oder Querlüften (vor allem deshalb, weil ein Luftaustausch mittels Lüften, wenn er effizient sein soll, viel zu lange dauert). Die Luftqualität war noch besser, wenn beide Maßnahmen, also Lüften und Luftreiniger, gleichzeitig eingesetzt wurden. Luftreinigung mittels HEPA-14-Filter soll nicht nur Allergene, sondern auch Viren, Bakterien und Chemikalien aus der Luft entfernen. Vermeiden Sie auf alle Fälle Klimasysteme, welche die verbrauchte Raumluft ständig wiederbelüftet. Dadurch wird nur die Luft bewegt, aber nichts für die Luftqualität getan, im Gegenteil!
KONTROLLE DER RAUMLUFTFEUCHTIGKEIT
Die Luftfeuchtigkeit in Innenräumen in einem Bereich zu halten, der nicht zu trocken, aber auch nicht zu feucht ist, ist für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden sowie für die Produktivität in Büros, Schulen und Industrie unerlässlich. Zu trockene Luft – oft verursacht durch herkömmliche Klimaanlagen – reizt Augen und Rachen und erhöht die Gefahr der Übertragung von Viren. Außerdem kann zu trockene Luft, vor allem in Industrieräumen, zu statischer Aufladung führen und die Gefahr der Kondensatbildung während des Produktionsprozesses erhöhen. Andererseits kann zu feuchte Luft zu Atembeschwerden, allgemeinem Unwohlsein und zur Verformung oder zum Schimmeln von Produktionsmaterialien führen.
Kontrollieren Sie die Luftfeuchtigkeit regelmäßig. Sie sollte bei 30 bis 50 Prozent liegen. Wenn Sie ein Klimasystem haben, das die Luft im Kühlprozess entfeuchtet, sorgen Sie dafür, dass die Luft auf andere Weise ausreichend mit Feuchtigkeit versorgt wird, zum Beispiel mittels Luftbefeuchter. Darum sollte man sich möglichst für ein Klimasystem entscheiden, welches die Luftfeuchtigkeit automatisch regelt.
ZIMMERPFLANZEN
Botanische Biofiltration mittels Begrünung der Innenräume kann wirtschaftliche, ökologische und soziale Vorteile haben, einschließlich bemerkenswerter psychologischer Auswirkungen. Darüber hinaus sind Pflanzen in der Lage, die CO2-Konzentration zu senken, was sich nachweislich positiv auf die menschliche Entscheidungsfähigkeit auswirkt. So bestätigen zahlreiche Studien, dass Zimmerpflanzen, welche regelmäßig gegossen werden, das Raumklima verbessern und Schadstoffe abbauen. Aber Vorsicht: Einige Pflanzen (vor allem Ficus-Arten) können Allergien auslösen und begünstigen. Auch sollte darauf geachtet werden, dass die Pflanzenerde nicht schimmelt.
RUND UM DIE SAUBERKEIT
Eine saubere Wohnung kann eine gesündere Wohnung sein, denn eine gute Innenraumhygiene reduziert Staub und Tierhaare stark. Beachten Sie dabei Folgendes:
• Staubsaugen mindestens ein- bis zweimal pro Woche (oder mehr, je nach Notwendigkeit). Verwenden Sie am besten einen Staubsauger mit HEPA-Filter (HEPA-Filter können auch Teilchen binden, die kleiner als ein Mikrometer sind). Durch harte Bodenbeläge anstelle von Teppichböden lassen sich die Allergene in Ihrer Wohnung zusätzlich reduzieren.
• Regelmäßiges Reinigen von Bettwäsche, Vorhängen und anderen Gegenständen, die Allergene anziehen – dies um so mehr, wenn Sie Haustiere haben. Wenn möglich, sollten die Textilien bei mindestens 60 Grad gewaschen werden. Allergiker könnten in Betracht ziehen, milbendichte Bettwäsche zu verwenden.
• Vergessen Sie nicht, auf Ablagen, Regalen und dergleichen regelmäßig Staub zu wischen.
STABILE UND ANGENEHME RAUMTEMPERATUR
Die Sonne und die Außentemperatur können wir nicht kontrollieren, aber wie sich diese auf die Innenräume auswirken, schon. Schützen Sie an heißen Tagen die Fenster vor durchdringendem Sonnenlicht. Stellen Sie auf LED-Leuchten um, um die Wärmebelastung zu reduzieren.
Eine in Finnland an über 300 Schulen durchgeführte Studie ergab, dass Sechstklässler, die die Temperatur im Unterrichtsraum nie als zu hoch empfanden, im Durchschnitt 4 Prozent mehr Mathematikaufgaben lösten als Schüler, denen an jedem Tag auffiel, dass die Temperatur im Unterrichtsraum zu hoch war. In den USA wurde im Schuljahr 2008/2009 in 70 Schulen eine Studie an Fünftklässlern durchgeführt. Je niedriger die Temperatur im Klassenraum war, desto besser fielen die Ergebnisse im Mathematiktest aus. Die Temperatur im Unterrichtsraum variierte dabei zwischen 20 und 25 Grad. Eine Studie an Schulen in Dänemark ergab, dass die Prüfungsergebnisse in Mathematik und Sprachen deutlich besser ausfielen, wenn die Temperatur im Unterrichtsraum mittels Kühlgeräten von 25 auf 20 Grad gesenkt wurde. Verstärkte Klimatisierung führte ebenfalls zu besseren Ergebnissen.
Das Bundesamt für Gesundheit Schweiz (BAG) empfiehlt während der Heizperiode eine Raumtemperatur von 20 bis 21 Grad in Wohnräumen und von 18 Grad in Schlafzimmern. Hohe Innentemperaturen über 22 Grad und sonstige Raumluftprobleme können zu Symptomen wie Müdigkeit, Schwindelgefühl, Übelkeit, Husten und Trockenheit der Augen, Atemwege und Haut führen. Hohe Temperaturen steigern zudem das Risiko von Infektionen der oberen Atemwege.
Frische Luft hilft bei der Konzentration.
Sauberkeit & Hygiene
Staubsaugen mit HEPA-Filter 1–2× pro Woche
Textilien bei 60 °C waschen (Bettwäsche, Vorhänge)
Staub regelmäßig wischen
Raumtemperatur & Leistung
Ideale Temperaturen: 20–21 °C (Wohnräume), 18 °C (Schlafzimmer)
Studien: Zu hohe Raumtemperaturen senken Leistungsfähigkeit und Konzentration
„Frische Luft ist kein Luxus – sie ist eine der wichtigsten Gesundheitsressourcen.“