Waldluft – Die Heilkraft der Bäume
Autor/in: Jonathan Lang (Forstingenieur und staatlich zertifizierter Waldpädagoge)
Ausgabe: Leben & Gesundheit, Juni/2020
Bedeutung des Waldes
Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten, und die Urbanisierung nimmt weiter zu. Die gesundheitlichen Risiken, die mit Verkehrslärm, Umweltverschmutzung und der teils erdrückenden baulichen Umwelt einhergehen, sind laut zahlreicher Studien in Städten ausgeprägter als auf dem Land. Viele dieser Faktoren verstärken den ohnehin schon präsenten Stress im Alltagsleben.
Die WHO erklärt Stress zu einer der größten Gefahren des 21. Jahrhunderts. Dass Stress nicht nur das Immunsystem schwächt, den Blutdruck in die Höhe treibt und einen Infarkt auslösen kann sowie mit einigen Krebserkrankungen in Verbindung steht, zeigten britische Forscher in einer Studie aus dem Jahr 2017. Diese belegt, dass gestresste Menschen ein vierfaches Risiko tragen, an Leukämie zu erkranken; bezüglich Speiseröhren- oder Prostatakrebs ist es 2,5 Mal und hinsichtlich Darmkrebs doppelt so hoch.
Im Gegensatz zu städtischen Gebieten nehmen Naturlandschaften an Bedeutung zu. Seit einigen Jahren wird das aus Japan stammende Waldbaden in der westlichen Welt zum neuen Trend. Hierzu erscheinen vermehrt Anleitungen in diversen Online-Artikeln und Büchern. Sogar zum Waldtherapeuten kann man sich ausbilden lassen. Doch was ist an diesem „fernöstlichen“ Hype dran, und ist die medizinische Wirkung des Waldes mit wissenschaftlichen Studien belegbar?
Ursprung des Waldbadens
Der Ursprung des etwas eigenwillig klingenden Begriffs „Waldbaden“ ist schnell erklärt: Das Wort ist eine Übersetzung aus dem japanischen Shinrin-yoku, was „Baden im Wald“ bedeutet.
Das japanische Ministerium für Landwirtschaft, Forst und Fischerei, welches diesen Begriff 1982 einführte, investierte hohe Summen in ein Forschungsprogramm mit dem Zweck, die medizinische Wirkung eines Aufenthalts im Wald nachzuweisen. Im Jahr 2007 öffnete das erste Zentrum für „Waldtherapie“ seine Pforten, und fünf Jahre später boten japanische Universitäten eine fachärztliche Spezialisierung im Bereich der „Waldmedizin“ an.
Waldbaden ist seither fester Bestandteil ihres Lehrplans. Es trägt zu einem gesunden Lebensstil bei und ist in die staatliche Gesundheitsverordnung eingebettet. Dort gibt es den Wald auf „Rezept“ – doch auch in den USA und Südkorea wird die Therapiemethode anerkannt.
Waldtherapie – Waldbaden
International einigte man sich auf den Begriff „Waldtherapie“. In der praktischen Begriffsverwendung sollte auf landesspezifische Einschränkungen geachtet werden, da in vielen Ländern die Begriffe „Therapie“ bzw. „Therapeut“ nur mit fachlicher Ausbildung und bestimmten Voraussetzungen verwendet werden dürfen.
„Waldbaden“ kann jedoch ohne therapeutischen Hintergrund von jedem Menschen betrieben werden. Darunter versteht man ein Behandlungskonzept, das den Schwerpunkt auf das Naturerleben in Verbindung mit Aktivitäten in natürlicher Umgebung legt und auch Pflanzen und Tiere miteinbezieht.
Im Idealfall spricht ein Aufenthalt im Wald alle fünf Sinne an – mittels der Gerüche des Waldes, der Tier- und Windgeräusche, des Ertastens des Waldbodens, der Kräuter oder Beeren und der unterschiedlichen Lichtverhältnisse, die im Wald herrschen.
Im Gegensatz zur Esoterik und zu den Pseudowissenschaften, die den ungeschützten Begriff ebenfalls für sich gebrauchen, liegen der Waldtherapie Forschungsnachweise zugrunde, mit denen durch spezielle medizinisch-therapeutische Übungen die körperliche und geistige Gesundheit gestärkt werden soll.
Diese Therapie ist ein anerkanntes Naturheilverfahren und gewinnt für die Präventivmedizin zunehmend an Bedeutung.
Aktivierung des Immunsystems
Wissenschaftler stellten in der Atmosphäre des Waldes eine erhöhte Konzentration von Terpenen fest. Das sind bestimmte Kohlenstoff-Wasserstoff-Verbindungen, die u. a. der pflanzlichen Kommunikation dienen. Sogenannte Phytonzide, die in den Terpenen enthalten sind, sind explizit für den Schutz vor Krankheitserregern und Schädlingen verantwortlich.
In ihrer Wirkung ähneln sie Antibiotika, wirken jedoch nicht nur abtötend, sondern auch regulierend. Diese Phytonzide beeinflussen auch unser Immunsystem, da unser Körper sie entschlüsseln kann. Laut Professor Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio stärken diese gasförmigen Verbindungen unsere Abwehrkräfte.
Die Terpene gelangen über die Lunge oder die Haut in den Blutkreislauf. Das limbische System im Gehirn reagiert darauf mit der Freisetzung von Hormonen und Neurotransmittern, welche eine positive Wirkung auf unser Immunsystem haben. Der Körper bildet vermehrt weiße Blutkörperchen – sogenannte Killerzellen.
Waldluft kann vor Krebs schützen
Killerzellen neutralisieren nicht nur Keime, sondern auch Krebszellen. Die Produktion der dafür benötigten Anti-Krebs-Proteine wird ebenfalls durch die Waldluft angeregt.
In einem Versuch testete Li diese These bei Probanden, die in einem Hotel übernachteten, das mit Waldluft angereichert war. Die Blutuntersuchung zeigte einen deutlichen Anstieg der natürlichen Killerzellen im Vergleich zur Kontrollgruppe, die in einem Zimmer ohne Waldluft schlief.
Die Krebsforscherin Roslin Thoppil von der Vanderbilt University in Nashville (USA) konnte eine vergleichbare Wirkung feststellen: Ein Waldbesuch von nur einem Tag kann die Bildung natürlicher Killerzellen im Blut um bis zu 40 % steigern. Laut Studien kann der Effekt bis zu zwei Wochen anhalten. Wird der Aufenthalt auf zwei Tage ausgedehnt, hält der Effekt bis zu vier Wochen.
Experten empfehlen mindestens zwei Spaziergänge pro Woche!
Stressabbau im Wald
Eine Studie der University of Michigan belegt die Wirkung von Waldbesuchen auf den Cortisol-Wert – das sogenannte Stresshormon. Dauerhaft hohe Cortisol-Werte, etwa durch chronischen Stress, werden mit einer Reihe von Zivilisationskrankheiten in Verbindung gebracht.
Probanden sollten bei Tageslicht und ohne elektronische Ablenkungen in den Wald gehen. Speichelproben wurden vor, während und nach dem Spaziergang entnommen.
Das Ergebnis: Der Cortisol-Spiegel sank nach einem 30-minütigen Spaziergang im Wald deutlich – die negativen Auswirkungen des urbanen Lebens sowie von Bildschirmarbeit wurden eingedämmt. Schon ein kurzer Waldspaziergang kann den Stresspegel senken, die Stimmung aufhellen und die Konzentration fördern.
Gesundheit für das Herz
Auch das Herz-Kreislauf-System profitiert von der gesunden Waldluft. Eine Studie zeigte, dass einstündige Spaziergänge durch den Wald Blutdruck, Lungenkapazität und Arterienelastizität verbessern.
Zudem wurde eine erhöhte Produktion des „Herzschutzhormons“ DHEA festgestellt. Dieses sogenannte Antistresshormon wirkt dem Cortisol entgegen, schützt Nervenzellen, Blutgefäße und Herz und beugt koronaren Herzkrankheiten vor.
Der Wald wirkt somit als Balsam für Herz und Seele. Interessant: Die Kontrollgruppe, die in der Stadt spazieren ging, zeigte keine dieser positiven Wirkungen.
Besuch beim Therapeuten Wald
Bei psychischen Leiden kann ein 30-minütiger Spaziergang im Wald sehr hilfreich sein, betont Professor Peter Falkai, Direktor der Psychiatrischen Klinik der LMU München. Als Minimaldosis empfiehlt er zwei Spaziergänge pro Woche.
Die Farbe Grün, das gedämpfte Licht, das Rauschen des Wassers und die Atmosphäre des Waldes haben eine entschleunigende, heilsame Wirkung.
Der Wald vitalisiert, lässt uns besser schlafen, senkt den Stress und stärkt das Selbstwertgefühl. Wer durch Wälder mit mächtigen, alten Bäumen wandert, spürt Demut – und entdeckt die Kraft der Natur neu.
Tipps für den Aufenthalt im Wald
Sport im Wald: Erhöhte Atemfrequenz steigert die Aufnahme der heilsamen Waldluft.
Ruhe suchen: Spaziergänge in stillen, naturbelassenen Wäldern – keine Monokulturen.
Digital detox: Handy auf Flugmodus, Benachrichtigungen aus.
Bewusst wahrnehmen: Langsam gehen, sehen, hören, riechen, fühlen.
Pausen: Kleine Details betrachten, Rinde ertasten, barfuß über Moos oder durch Bäche gehen.
Wiederholung: Regelmäßige Aufenthalte verstärken den Effekt.
„Der Wald ist nicht nur schön – er ist Medizin für Körper und Seele.“