Warum Reha wichtig ist

 

Autor/in: Dr. med. Vivien Gauer (Ärztin in Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin)

Ausgabe: Leben & Gesundheit, Juni/2020

 

Seit fünf Monaten arbeite ich in einer orthopädischen Rehaklinik und werde seitdem häufig gefragt:
«Was macht man denn in einer solchen Klinik? Schiebt man da nicht eine ruhige Kugel und verordnet nur Ibuprofen? Wo bleibt dein Ehrgeiz als Ärztin, Menschen wirklich zu helfen?»

Oder ich höre von Kollegen Sätze wie:
«Also, ich könnte die Akutmedizin nie verlassen, da sieht man wenigstens Resultate und tut etwas Sinnvolles!»

Tatsächlich habe ich in der Rehaklinik mehr Zeit für die Patienten. Und ja – ich arbeite interdisziplinär mit Therapeuten aller Art zusammen. Aber das ist nicht verwerflich, sondern dringend notwendig und bereichernd. Schließlich ist bekannt, dass die Zeit der Ärzte für ihre Patienten in der Akutmedizin am knappsten ist – und sowohl Patienten als auch Ärzte darunter leiden. Also gebe ich gerne einen Einblick in meine Arbeit in der Rehaklinik.

Zwei Arten der Rehabilitation

Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Arten der Rehabilitation:

  1. Das sogenannte Heilverfahren, z. B. im orthopädischen Bereich, bei chronischen Rückenschmerzen verordnet.

  2. Die Anschlussheilbehandlung (AHB) – wie der Name schon sagt: im Anschluss an eine Operation verordnet.

Herr Blasers AHB

Ein Reha-Ablauf einer Anschlussheilbehandlung für den Rentner Herrn Blaser (75 Jahre), frisch operiert mit neuem Kniegelenk, würde ungefähr so ablaufen:

Am Anreisetag erfolgt die Begrüßung durch Pflege und Verwaltung sowie das ärztliche Aufnahmegespräch. Hier werden die täglichen Therapien besprochen, körperliche Untersuchungen durchgeführt und gegebenenfalls fehlende orthopädische Hilfsmittel verordnet (z. B. Gehhilfen, Kompressionsstrümpfe, Greifzangen, Toilettensitzerhöhungen etc.). Zudem werden die Reha-Ziele festgelegt.

Dann nimmt Herr Blaser drei Wochen lang an einem für ihn individualisierten Programm teil, bestehend aus Aktivtherapien (Sportgruppen, Einzelgymnastik, Terraintraining, Gangschule, Treppentraining, Wassergymnastik) und Passivtherapien (Stromanwendungen, Quarkpackungen, Lymphdrainagen u. v. m.). Zusätzlich erfolgen Vorträge (z. B. über den Umgang mit künstlichen Gelenken, über Ernährung und Rechtsfragen) sowie eine Sozialberatung bei Bedarf. Diese wird besonders gerne in Anspruch genommen, da dort Hilfe hinsichtlich Pflegestufen und ähnlicher Themen geboten wird.

In der Mitte des Aufenthaltes erfolgt eine ärztliche Visite zur Verlaufskontrolle.
Die Abschlussuntersuchung beim Arzt beendet die Reha, und Herr Blaser kann, nach Erreichen der Reha-Ziele, selbstständig und ohne Gehhilfen nach Hause entlassen werden.

Natürlich ist dies ein glatter, standardisierter Verlauf. Wenn Unregelmäßigkeiten im Blutzuckerverlauf, verstärkte Schmerzen oder Wundheilungsstörungen auftreten, muss ärztlich reagiert, müssen Medikamente und Therapien angepasst oder sogar die Reha-Maßnahmen verlängert werden.

Reha hilft für den ganzen Verlauf vom Leben.

Das Heilverfahren bei Frau Schmidt

Bei einem Heilverfahren liegt der Fall schon etwas anders.
Heilverfahren mit spezieller beruflicher Problematik laufen anders ab. Ich denke hier insbesondere an Frau Schmidt, eine freundliche Patientin mit Depressionen in der Vorgeschichte und chronischen Rückenschmerzen.

Im Aufnahmegespräch stellen wir eine besondere berufliche Problemlage fest. Die Patientin ist bereits seit zwölf Monaten krankgeschrieben. Sie berichtet, dass sie nicht mehr in ihren Beruf als Altenpflegerin zurückkehren könne. Es sei körperlich sehr anstrengend, und zudem werde sie gemobbt. Dies käme zur Depression hinzu, welche sie bereits seit fünf Jahren begleitet.

Wenn wir in der Reha nun nur den Rückenschmerz bekämpften, würde dies zu kurz greifen. Frau Schmidt braucht ein Rundum-Programm. Diese Möglichkeit besteht dank MBOR (Medizinisch-Beruflich-Orientierte Rehabilitation) tatsächlich. Dies ist ein intensives Lebensstilprogramm, das sich ganzheitlich dem komplexen Gefüge der individuellen Problematik widmet.

Hier arbeiten Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Psychologen, Ernährungsberater, Ärzte und Sozialarbeiter eng zusammen. Es geht nicht nur um die chronischen Rückenschmerzen, sondern auch um die Teilhabe am Arbeitsleben, um den Umgang mit chronischem Schmerz sowie den Einfluss der Depression auf die Rückenschmerzen und umgekehrt.

Also werden drei bis fünf Wochen für die Rehabilitation veranschlagt. Darin enthalten sind:

  • Schulung im Umgang mit chronischen Rückenschmerzen

  • Gespräche mit Psychologen

  • Ernährungsberatung und Lehrküchenteilnahme

  • Sporttherapie (drinnen und draußen)

  • Einzeltherapien wie Massage oder Ergotherapie

  • Entspannungstherapie

  • Arbeitsplatztraining

  • Sozialberatung zum Thema Rente

  • Wiedereingliederung u. v. m.

Zudem werden Umschulungsmöglichkeiten ausgelotet.
Regelmäßig bespricht das interdisziplinäre Team aus Therapeuten und Ärzten den Fortschritt der Patientin und passt das Programm gegebenenfalls an.

Am Ende ihres fünf Wochen umfassenden Reha-Aufenthaltes mit bis zu sieben Anwendungen am Tag kann Frau Schmidt aus orthopädischer Sicht arbeitsfähig und gestärkt entlassen werden. Sie hat eine neue Perspektive gefunden und einen Fallmanager zur Seite gestellt bekommen. Dieser hilft ihr sowohl bei Gesprächen mit Vorgesetzten als auch beim Ausfüllen von Anträgen. Die psychische Komponente soll weiterhin wohnortnah mit einem Therapeuten und Psychiater behandelt und betreut werden.

Frau Schmidt verlässt mit einem Lächeln und mit neuer Zuversicht die Rehaklinik.

Lebensläufe retten

Zu Beginn meiner Arbeit in der Rehaklinik sagte mein Chef einen Satz, der meine Ansicht und Arbeitshaltung in der rehabilitativen Medizin nachhaltig geprägt hat:

«Frau Dr. Gauer, wir retten hier in der Regel keine Leben, das ist wahr – aber wir retten ganze Lebensläufe.»

In diesem Sinn bereitet die Arbeit in der Rehaklinik genauso große Freude wie in der Akutmedizin.
Das Leben ist zu komplex, als dass eine Frage nach «gesund oder krank» oder «tot oder lebendig» ausreichend wäre. Damit das Leben erfüllt ist, gehört mehr als nur die körperliche oder mentale Komponente dazu.

Insbesondere das NEWSTARTPlus-Konzept halte ich für solche Rehabilitationszwecke für sehr hilfreich – sowohl zur Prävention als auch zur Therapie!

Ich empfehle Ihnen wärmstens folgende Lifestyle-Center im deutschsprachigen Raum, deren Programme sich mit dem NEWSTARTPlus-Konzept identifizieren (auf Selbstzahler-Basis):

  • Mattersdorfer Hof (Österreich): www.countrylife.at/newstartkur.shtml

  • Sonnmatt (Schweiz): www.bergpension.ch/newstartpluskur

  • Landhaus „Die Arche“ (Deutschland): www.diearche.de/medical-wellness

Rehabilitation ist wichtig für die Menschheit!
Sie widmet den Patienten die Zeit, die an anderen Ecken und Enden fehlt.
Lassen Sie uns nicht etwas so Erfolgreiches wie die Rehabilitation schlecht- oder kleinreden!
Ermutigen Sie sich selbst, Ihre Freunde und Angehörigen, diese Chance für sich zu nutzen!

Wir retten hier keine Leben – wir retten Lebensläufe.
— Dr. med. Vivien Gauer
Zurück
Zurück

Waldluft – Die Heilkraft der Bäume

Weiter
Weiter

Vitamin D – Sonnenschein aus der Pille?