Vitamin D – Sonnenschein aus der Pille?

 

Autor/in: Jonathan Häußer (Assistenzarzt Orthopädie und Unfallchirurgie)

Ausgabe: Liebe & Gesundheit, April/2022 - Sonne

Wie viel Zeit verbringen Sie in der Sonne? Oder glauben Sie, es reicht, Vitamin D in Form von Tabletten zu schlucken?

Nicht nur durch die Industrialisierung ging der Trend dorthin, dass wir uns immer weniger im Freien aufhalten. Wir arbeiten in Büros oder Industriegebäuden. Wir arbeiten nachts statt tags und schlafen somit, wenn die Sonne scheint. Dadurch sehen auch unsere Augen weniger Sonnenlicht und mehr künstliches Licht. Wir verbringen mehr Zeit mit digitalen Medien, mit denen wir uns auch nicht unbedingt draußen in die Sonne setzen. Und wenn wir in der Sonne sind, sind wir das nur kurzzeitig – oder aber sehr lange und intensiv, zum Beispiel, wenn wir im Urlaub sind.

Die Hände und das Gesicht von Menschen, die in Innenräumen arbeiten, bekommen nur sehr wenig Sonne zu sehen. Dänische und deutsche Studien haben gezeigt, dass diese Körperteile nur etwa drei Prozent der gesamten Sonnenzeit dem Sonnenlicht ausgesetzt sind. Dazu kommt, dass Kampagnen zur Prävention von Hautkrebs dazu führen, dass die Sonnenexposition in den letzten Jahren weiter reduziert wurde.

Sonnenlicht ist gut für die Gesundheit

Dabei konnten schon so viele positive Auswirkungen des Sonnenlichts auf unsere Gesundheit festgestellt werden. Es kommt in der Prävention und Behandlung von Hauterkrankungen wie Schuppenflechte und Ekzemen sowie bei der Winterdepression zum Einsatz. Eine regelmäßige Sonnenexposition könnte Darmkrebs, Brustkrebs, Prostatakrebs, Lymphdrüsenkrebs, Multiple Sklerose, Bluthochdruck und Diabetes vorbeugen – um nur einige zu nennen.

Vitamin D-Tabletten statt Sonne?

Nun ist es aber bei den meisten von uns so, dass wir uns eben nicht so viel in der Sonne aufhalten. Daher stellt sich die Frage, ob man das gute Sonnenlicht nicht auch durch etwas anderes ersetzen kann – Vitamin D zum Beispiel. Dieses sogenannte «Sonnenhormon» kann man einerseits über die Nahrung zuführen – auch wenn das keine so großen Mengen sind –, andererseits kann man Vitamin D auch in Form von Kapseln oder Tabletten einnehmen. Das wäre doch praktisch: jeden Tag eine Pille und ich muss mich nicht mehr in die Sonne setzen. Das verursacht sowieso nur Hautkrebs, richtig?

Wahrscheinlich haben wir uns aber zu früh gefreut. Denn obwohl die meisten positiven Effekte des Sonnenlichts auf Vitamin D zurückgeführt wurden, ließen sich gerade diese Effekte durch Vitamin D-Pillen nicht erreichen. Bei ansonsten akzeptablen Vitamin-D-Spiegeln erscheint das nicht so erfolgversprechend. Schauen wir uns einmal genauer an, wie diese Ansichten zustande kamen.

Ursachenforschung

Es war schon länger bekannt, dass Vitamin D eine wichtige Rolle für die Knochengesundheit spielt und dass es durch Sonneneinstrahlung in der Haut produziert wird. Allerdings wurden in den letzten Jahrzehnten in immer mehr Organen Vitamin-D-Rezeptoren gefunden. Daraus schlussfolgerten die Forscher, dass Vitamin D auch eine wichtige Rolle bei vielen anderen Stoffwechselfunktionen spielt.

Groß angelegte Beobachtungsstudien haben dann gezeigt, dass niedrige Vitamin-D-Spiegel mit einer höheren Gesamtsterblichkeit und einer höheren Sterblichkeit an Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und jetzt auch COVID-19 assoziiert sind. Nur eine Frage ließ sich damit nicht beantworten: ob Vitamin D auch ursächlich für diese Zusammenhänge ist.

Um so etwas feststellen zu können, braucht es nämlich eine bestimmte Art von Studie: randomisierte, kontrollierte Studien. Das sind Studien, in denen die Teilnehmer zufällig auf zwei oder mehrere Gruppen verteilt werden. Diese Gruppen unterscheiden sich dann nur hinsichtlich der Intervention – in diesem Fall Placebo oder Vitamin-D-Gabe. Durch die zufällige Verteilung der Teilnehmer sollen alle anderen Störfaktoren ebenfalls gleichmäßig verteilt sein und somit unschädlich gemacht werden. Diese Art von Studie gilt als der Goldstandard der medizinischen Forschung.

Echte Sonnenstrahlen sind gut für den Körper und besser als Vitamin-D Pillen!

Studien zeigen nur geringen Effekt von Vitamin D

Glücklicherweise gibt es mittlerweile einige dieser randomisierten, kontrollierten Studien zum Vitamin D. Die größeren Vertreter dieser Art heißen zum Beispiel «VITAL-Studie» und «D-Health-Studie». Auch wenn in beiden Studien über 20.000 Menschen über einen Zeitraum von mehr als fünf Jahren untersucht wurden, konnten keine positiven Auswirkungen auf Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen festgestellt werden. In der D-Health-Studie war die Krebssterblichkeit in der Gruppe mit Vitamin-D-Einnahme sogar tendenziell erhöht.

Das spricht dafür, dass niedrige Vitamin-D-Spiegel eher ein Marker für ein erhöhtes Risiko sind, aber nicht die Ursache für dieses Risiko darstellen. Wer alt und krank ist, kann schließlich nicht mehr so viel in die Sonne gehen. Umgekehrt ist ein guter Vitamin-D-Status mit einem jungen Alter, normalem Körpergewicht und einem gesunden Lebensstil, der gesunde Ess- und Bewegungsgewohnheiten beinhaltet, verbunden.

Sonnenschein ist besser als Vitamin D

Während die Studienlage für das Vitamin D nicht so überzeugend ist, sieht das beim Sonnenlicht etwas anders aus. Schließlich hat Sonnenlicht neben der Vitamin-D-Produktion noch weitere Auswirkungen auf unseren Körper.

Ein gutes Beispiel dafür ist Bluthochdruck. Immer mehr Studien zeigen, dass eine zunehmende Sonnenexposition mit einem geringeren Blutdruck und weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergeht. Interessanterweise treten auch im Sommer mit der vermehrten Sonnenstrahlung am Tag seltener Herzinfarkte auf. Auch Bluthochdruck in der Schwangerschaft ist im Sommer seltener. Teilweise müssen Bluthochdruckpatienten im Sommer keine Medikamente einnehmen. Und in Richtung Äquator findet man Bluthochdruck ebenfalls seltener.

Dabei scheint nicht das Vitamin D entscheidend zu sein, sondern Stickstoffmonoxid (NO). Wenn NO ausgeschüttet wird, hat das eine Weitstellung der Gefäße zur Folge. Die Haut enthält viele NO-Vorstufen, welche wahrscheinlich durch die Sonneneinstrahlung in die Blutbahn freigesetzt werden. Eine UV-Strahlungsdosis, die etwa 30 Minuten Mittelmeersonne entspricht, vermindert den Gefäßwiderstand – und damit den Blutdruck – durch die NO-Freisetzung merklich. Die blutdrucksenkende Wirkung der UVA-Strahlung ist dabei unabhängig von der Temperatur und dem Vitamin-D-Spiegel.

Sonnenlicht beugt Kurzsichtigkeit vor

Genauso tut das Sonnenlicht unseren Augen gut. So war festzustellen, dass einer Kurzsichtigkeit durch mehr Zeit im Freien vorgebeugt werden kann. Dabei gab es keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Vitamin D und Kurzsichtigkeit.

Aus epidemiologischen Studien wissen wir, dass Kinder, die mehr Zeit im Freien verbringen, seltener eine Kurzsichtigkeit entwickeln. Der wahrscheinlichste Mechanismus hierfür sind direkte Wirkungen des sichtbaren Lichts an der Netzhaut.

Sonne ist gut für die Haut

Einige Hauterkrankungen sprechen ebenfalls gut auf Sonnenstrahlung an. Zwar traten Ekzeme bei Kindern von hochallergischen Müttern mit einer Vitamin-D-Supplementation nicht seltener auf. Allerdings konnte das Auftreten mit einer höheren UV-Exposition um etwa die Hälfte reduziert werden. Die untersuchten Kinder waren bis zu sechs Monate alt.

Grund hierfür scheinen einerseits erhöhte lokale Vitamin-D-Spiegel in der Haut zu sein – Vitamin D als Creme zeigte nämlich eine ähnliche Wirkung –, andererseits aber auch eine direkte Hemmung der Entzündungsreaktion in der Haut. So kamen die Autoren zu dem Schluss, dass die UV-Exposition im Säuglingsalter effektiver ist als Vitamin-D-Supplementation, um allergischen Hautreaktionen vorzubeugen.

Gute Balance ist wichtig

Bei all dem Wissen über die positiven Auswirkungen des Sonnenlichts sollte man es aber trotzdem nicht übertreiben. Denn zu viel Sonnenlicht ist schädlich. Die bekanntesten negativen Auswirkungen sind das Auftreten verschiedener Hautkrebsarten. Darunter fallen der schwarze Hautkrebs (Melanome) und weißer Hautkrebs (Basalzellkarzinome und Plattenepithelkarzinome).

In der jüngeren Vergangenheit hat sich allerdings gezeigt, dass eine kontinuierliche Sonnenexposition nicht so problematisch ist. Wer im Freien arbeitet und sich damit mehrere Stunden pro Tag in der Sonne befindet, scheint kein so hohes Risiko für Melanome zu haben wie jemand, der sich hauptsächlich in Innenräumen aufhält und nur kurzzeitig, aber intensiv in die Sonne geht – das gilt zumindest für nördlicher gelegene Länder. Sonnenbrände sind dabei besonders problematisch.

Bei den Plattenepithelkarzinomen und Basalzellkarzinomen erhöht auch eine zu hohe kontinuierliche Sonnenexposition das Risiko. Und bestimmte Augenerkrankungen wie zum Beispiel der graue Star treten mit mehr Sonnenbelastung ebenfalls häufiger auf.

Die Dosis macht das Gift

Unterm Strich können wir also festhalten, dass Vitamin D allein nicht ausreicht. Um die zahlreichen positiven Auswirkungen der Sonne genießen zu können, braucht es tatsächlich das Sonnenlicht. Allerdings ist auch hier ein verantwortungsvoller Umgang zu empfehlen.

Ungeschützt sollte man sich maximal 30 Minuten in der Sonne aufhalten, um Sonnenbrände zu vermeiden. Generell ist eine regelmäßige und kontinuierliche Exposition besser als eine seltene intensive. Auch die Augen sollten beim Sonnenbaden mit einer Sonnenbrille geschützt werden. Dann kann man die gesundheitsfördernde Wirkung der Sonne in vollen Zügen genießen.


Vitamin D ist wichtig – doch nichts ersetzt die Wirkung der echten Sonne.
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