Cannabis – einfach nur ein bisschen Entspannung?

 

Autor/in: Katharina Broegaard (Praktische Ärztin)

Ausgabe: Leben & Gesundheit, Mai/2020 - Mäßigkeit

Es ist kurz vor Mittag an einem kühlen Herbsttag, und ich sitze mit einer anderen Ärztin und einem jungen Paar in der psychiatrischen Notaufnahme. Michael und seine Freundin, beide Mitte zwanzig, haben seit elf Jahren Cannabis geraucht. Vor zehn Tagen entschlossen sie sich, aufzuhören.

«Ich möchte endlich meinen Führerschein machen, dafür muss ich clean sein», äußert Michael durch zusammengepresste Lippen.

Seitdem geht es ihm zunehmend schlechter. Am Anfang war er nur nervös und schlief schlecht – das hatte er erwartet, seiner Freundin ging es genauso. Doch nach einigen Tagen bekam er Magenschmerzen, verlor den Appetit und fing stark zu schwitzen an. Er wurde plötzlich aus dem Nichts heraus gereizt und begann, sehr lebhafte Albträume zu haben. Nun fühlt er sich außerdem zittrig und schwindelig.

Mit Entzugserscheinungen hatten die beiden gerechnet, aber dass es ihm nun nach zehn Tagen schlechter statt besser geht, weckt Sorgen. Meine Kollegin holt ein Faltblatt über Cannabis-Entzug hervor. Sie zeigt unserem Patienten anhand einer Grafik den Verlauf: Diese Symptome steigen innerhalb der ersten Tage an und erreichen nach rund zehn Tagen ihren Höhepunkt. Natürlich reagiert jeder Mensch anders, aber im Durchschnitt wird es ab 14 Tagen langsam besser – nach drei Wochen hat man den schlimmsten Teil überstanden.

Nein, gefährlich ist der Entzug nicht, aber langwierig, sehr belastend, und man braucht vor allem Motivation und gute Unterstützung. Bei manchen können außerdem noch über Jahre hinweg psychische und zwischenmenschliche Schwierigkeiten bestehen bleiben.

Meine Kollegin ist von der Entschlossenheit der beiden begeistert und findet aufmunternde Worte:

«Unglaublich stark, dass ihr das gemeinsam anpackt. Mit dieser Entscheidung verbessert ihr eure Zukunft in jeder Hinsicht.»

Michael ist sichtlich erleichtert, dass seine Beschwerden „nach Regel“ verlaufen und er jetzt weiß, dass es besser werden wird. Auf Symptombehandlung verzichtet er im Moment. Er weiß, dass wir 24 Stunden täglich offen haben und er sich jederzeit wieder melden kann, falls er doch Medikamente braucht. Das beruhigt ihn.

Cannabis ist eine Droge!

Cannabis enthält den psychoaktiven Stoff THC, der in geringen Mengen eine entspannende und angenehme Wirkung auslöst. Das kritische Denken wird gehemmt, die Wirklichkeit verändert wahrgenommen. Die Reaktionsfähigkeit ist herabgesetzt – besonders im Straßenverkehr werden dadurch gefährliche Situationen unterschätzt.

Cannabis ist leider eine Droge, die uns regelmäßig in der Psychiatrie begegnet. Oft in Zusammenhang mit anderen „harten“ Drogen oder „nur“ mit Tabak und Alkohol. Doch auch Cannabis allein kann in eine Abhängigkeit führen. Ein Entzug ist schwierig, da Motivation und Entscheidungsfähigkeit durch den chronischen Konsum beeinträchtigt werden.

Das hier beschriebene Paar ist eine wunderbare Ausnahme junger Leute, denn es bringt die Energie auf, sich seinem Leben und der Sucht zu stellen. Viele andere bleiben im Laufe der Jahre zunehmend gleichgültig – und damit auf der Strecke.

Frau M.

Ich bin im Gespräch mit Frau M. Sie ist in sich zusammengesunken und schaut ins Leere. Tags zuvor wurde sie mit Zeichen einer schweren Depression eingewiesen.

Vierzig Jahre lang hat sie zusammen mit ihrem Mann Cannabis geraucht – täglich. Die letzten Jahre in größeren Mengen, da er gewalttätig wurde. Sie wollte sich entspannen, ablenken. Nun ist er schwer krank und kürzlich ins Pflegeheim gekommen. Eigentlich ist sie erleichtert und froh, dass er in guten Händen ist.

Sie dachte, es sei eine gute Idee, mit Cannabis aufzuhören – das brauche sie ja jetzt nicht mehr. Doch innerhalb der letzten Wochen macht nichts mehr Sinn. Sie sitzt vor mir und erzählt, dass sie sich selbst nicht mehr kennt.

Auf einmal ist sie mit Gedanken und Gefühlen konfrontiert, die sie sonst einfach „weggeraucht“ hätte. Wie soll sie sich verhalten? Wie geht man ein Problem an? Sie hat es nicht gelernt.

Cannabis ist eine Droge und der Konsum schränkt dich im Alltag ein!

Warum?

Viele Menschen rauchen, wenn ihre Ängste, Gereiztheiten oder Probleme überhandnehmen. Viele junge Leute tun es aus Überforderung oder auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Später dann einfach aus Gewohnheit.

Gerade bei Jugendlichen wird dadurch ihre Persönlichkeitsentwicklung geschädigt. Ihnen fehlt der Antrieb, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Schule oder Ausbildung werden abgebrochen, langfristige Ziele rücken in weite Ferne. Sie haben es schwer, Probleme anzugehen und Lösungen zu finden.

Ben

Ein paar Wochen später sitze ich alleine in der Notaufnahme. Eine Krankenschwester kommt unruhig auf mich zu und sagt:

«Die anstehende Untersuchung muss warten. Dieser Patient ist auf dem Weg zu uns, und wenn er kommt, muss es schnell gehen. Lies schon einmal in seiner Akte – das letzte Mal hat er uns das Inventar zerlegt.»

Wenige Minuten später sitzt Ben vor mir, diesmal begleitet von der Oberärztin. Er erzählt ununterbrochen und unzusammenhängend von Stimmen, die ihn plagen, und dass wir ihm helfen müssen. Er schlägt mit der Faust auf den Tisch, springt auf, setzt sich wieder. Er fragt, ob wir ihm komische Pillen gegeben hätten.

Er weiß nicht mehr, was Halluzination und was Wirklichkeit ist. Er fühlt sich verfolgt und hat fürchterliche Angst.

Er habe nur einen Joint geraucht, aber diesmal sei es Skunk (umgangssprachlich für Cannabis mit hohem THC-Anteil) gewesen.

Er meint, es gehe ihm jedes Mal schlecht, wenn er Skunk rauche, aber er könne es nicht lassen.

Ben leidet an einer akuten, durch Cannabiskonsum ausgelösten Psychose. Der junge, durchtrainierte Mann mit aufbrausendem Temperament ist in ähnlichen Umständen schon mehrfach gewalttätig geworden. Er wird in die geschlossene Psychiatrie aufgenommen, bis sich sein Zustand wieder normalisiert.

In höherer Konzentration kann THC eine Psychose auslösen, die bis zu mehreren Wochen andauern kann. Dies ist eine akute psychiatrische Erkrankung und stellt ein Risiko für den Patienten und seine Umgebung dar.

Bei Personen mit entsprechender Veranlagung kann ein Cannabiskonsum auch zu einer Schizophrenie führen – eine schwerwiegende Geisteskrankheit, die sich vor allem durch Halluzinationen äußert.

Wo stehen Sie?

Wer auf der Psychiatrie arbeitet, begegnet unglaublich viel Leid. Vielen Menschen kann gut geholfen werden. Doch gerade die Menschen, die an einer Abhängigkeit leiden, sind oft am schwersten zu behandeln.

Sie stehen sich selbst im Weg, und wenn es an Motivation mangelt, dann kann der beste Arzt nicht helfen.

Im Gespräch mit Kollegen bricht es mehr als einmal aus uns heraus, wenn wir wieder vom Schicksal eines Patienten betroffen sind:

«Wie dankbar können wir sein, dass wir nie in eine Abhängigkeit geraten sind, nie diese Probleme durchmachen mussten!»

Wer nie einen Joint probiert hat, dem will ich gratulieren – und von ganzem Herzen abraten, es je zu tun.

Rauchen Sie gelegentlich oder regelmäßig Cannabis oder kennen Sie jemanden, der raucht? Dann empfehle ich Ihnen, den Test „Bin ich abhängig?“ zu machen:

Wenn sich zeigt, dass Sie abhängig sind, dann verlieren Sie nicht den Mut.

„Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!“

Ein paar Wochen später begegne ich Ben auf dem Gang. Er erkennt mich nicht mehr. An Szenen aus seiner Psychose kann er sich nur bruchstückhaft erinnern.

Er ist auf dem Weg zur Trainingshalle mit einem anderen Patienten. Die beiden unterhalten sich und lachen. Er hat einer Langzeitbehandlung auf unserer Entzugsstation zugestimmt. Dort erhält er spezifische Unterstützung, um dauerhaft drogenfrei zu bleiben. Er hat die ersten richtigen Schritte gemacht.


Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg – selbst aus der Abhängigkeit.
— Katharina Broegaard
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