Meine Zeit und ich – Zeit zum Leben finden

 

Autor/in: Cornelia Dell’Mour (Lehrerin, Burgdorf, CH)

Ausgabe: März/2017 - Prioritäten

 

Der Wecker klingelt

Es ist 6:00 Uhr. Ich wache mit einer ausführlichen Aufgaben-Liste im Kopf auf und weiß, dass sie nur länger wird, wenn ich noch liegen bleibe. Auf mich warten Unterricht, Sitzungen, Projektplanungen, E-Mails, Gespräche mit Lehrerkollegen, Schülern und der Schulbehörde sowie auch viel Unvorhergesehenes. Ich leite ein kleines Gymnasium mit 90 Schülerinnen und Schülern, und es gibt nichts, was ich mehr brauche als Zeit. Am Ende eines solchen Tages fühle ich meist einfach nur noch eins: Pech. Zeit zum Leben neben ei­nem anspruchsvollen Beruf – ist das überhaupt möglich?

Zehn Jahre später

Es ist nicht der Wecker, der mich wach werden lässt, sondern einer meiner Söhne, der sich sicher ist, dass weder sein Bruder noch seine Eltern weiterschlafen sollten. Es ist 6:00 Uhr. Auf mich warten Kinderkleider, Windeln, Spielzeug, eine Tour für Zweijährige, Stillen und vielleicht – wenn ich sehr viel Glück habe – ein nennenswerter Tag mit einem Baby und einem Kleinkind, Notebook neben der Wickelkommode, das diese Nacht wird beendet. Ein Blick in den Spiegel und der Zustand meiner Wohnung verraten, dass mir die Zeit für ganz alltägliche Dinge fehlt. Zeit zum Leben neben kleinen Kindern - ist das überhaupt möglich?

Zeit als begrenztes, wertvolles Gut

Es sind zwei völlig unterschiedliche Lebenssituationen, und doch stellen und stellten sie mich vor dieselbe Herausforderung: Wie gehe ich um mit meiner Zeit? Um mit der Zeit, die begrenzt ist, weil jeder Tag nur 24 Stunden zählt und mir damals wie heute regelmäßig die Energie ausgeht. Zudem rückt mein 40. Geburtstag näher, und ich werde daran erinnert, dass auch meine Lebenszeit irgendwann ablaufen wird und ich gar nicht wissen kann, wie viel Zeit ich noch zur Verfügung habe.

«Die Zeit ist zugleich unser wertvollster und verderblichster Besitz.» Im Unterschied zu den meisten Dingen, die wir besitzen, kann sie weder angespart noch gelagert werden. Nichts, was wir in unserem Leben tun, ermöglicht es uns, auch nur einen Moment zusätzlicher Zeit zu erhalten, und nichts kann verlorene Zeit zurückbringen. Spätestens wenn es um den Verlust von Lebenszeit geht, wird uns bewusst, dass Zeit wertvoll ist. Wertvoll ist aber nicht die Quantität, sondern die Qualität des Erlebten, die diesen Moment ausmacht. Wie kann ich verhindern, dass meine Lebenszeit einfach nur verrinnt, während ich dabei bin, mein Leben zu leben? Eines meiner Grundsätze, die mir in dieser Hinsicht wichtig geworden sind:

Ich wünsche dir Zeit

Ich wünsche dir nicht alle möglichen Gaben.
Ich wünsche dir nur, was die meisten nicht haben:
Ich wünsche dir Zeit, dich zu freuen und zu lachen,
und wenn du sie nutzt, kannst du etwas daraus machen.
Ich wünsche dir Zeit für dein Tun und dein Denken,
nicht nur für dich selbst, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche dir Zeit – nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit zum Zufrieden-sein-können.
Ich wünsche dir Zeit – nicht nur zum Vertreiben.
Ich wünsche dir, sie möge dir übrig bleiben
als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertrauen,
anstatt nach der Zeit auf der Uhr nur zu schauen.
Ich wünsche dir Zeit, nach den Sternen zu greifen,
und Zeit, um zu wachsen, das heißt, um zu reifen.
Ich wünsche dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.
Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.
Ich wünsche dir Zeit, um zu dir selbst zu finden,
jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.
Ich wünsche dir Zeit, um zu Schuld zu vergeben.
Ich wünsche dir Zeit zu haben zum Leben!

Aus: Elli Michler, Du zuegedacht: Wunschgedichte.
München 2004.

Mut zum Monotasking

Wenn man vieles unter einen Hut bringen möchte, ist man versucht, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen - die E-Mails neben der Arbeit, Tätigkeiten am Computer oder Telefonate mit Freunden neben den Kindern. Ich springe mit meinen Gedanken von diesem zu jenem, und mein Smartphone hilft mir dabei. Ich beginne hier eine Tätigkeit, dort etwas anderes, und während ich es richtig fertig… Meine Tage werden zu einem Puzzle aus vielen kleinen Teilen, die zwar am Ende ein Bild ergeben würden, aber unrund und tiefe Unzufriedenheit hinterlassen. Multitasking macht mich nicht schneller, sondern nur ungenauer. Alle meine Tätigkeiten werden beiläufig und damit belanglos. «Egal, was ich gerade tue, ich tue diese Sache ganz, hingegeben, mit aller Kraft und Aufmerksamkeit, die ich gerade habe», schreibt Hanna Schott in ihrem Buch über Monotasking: «Ein jegliches hat seine Zeit», sagt Salomo im Buch Prediger. So habe ich einem kleinen Zettel bei mir, auf dem ich die Dinge, die mir immer wieder nebenbei einfallen, notiere. Bis zum späten Atelier als von meinen Besorgungen, Anrufen und sonstigen vielen Dingen kann so warten, ohne vergessen zu werden, und ich verpasse nicht, wenn sich die mit meiner Montage mit alter Sohn zum ersten Mal umdreht oder meinem Zweijährigen seine Duplo-Tiefe die Welt erklärt.

Leben findet immer nur in dem Moment statt, in dem ich mich gerade befinde.

Mut zum Nein

Natürlich geht sich bei einem guten Willen und Bemühen nie alles aus, was ich zu tun hätte oder gerne tun würde. Immer wieder darf ich mir jedoch in Er-

innerung rufen, dass das auch nicht notwendig ist. Bei der Frage der Zeitgestaltung ist «weniger oft» gereift. Werte, was sich als dringend präsentiert, ist selten. Überlege dir, warum du dies tust und jenes: Und so muss ich dann auch zu meinen «Nein» wieder im Licht sehen. Hier kommen meine Werte und Prioritäten ins Alltag. Was ist mir – neben den absolut Notwendigkeiten – genug wert, um meine Zeit dafür zu verbringen? Diese Dinge werde ich später nicht bereuen.

Mut zur Stille

Um herauszufinden, was mir wirklich wichtig ist, benötige ich das, was wir alle heutzutage kaum mehr haben – Stille. Momente, in denen nichts passiert, keine Musik meine Stimmung erhellt, kein YouTube-Video mich ablenkt und keine WhatsApp-Nachricht mich in Beschlag nimmt. Als ich jetzt als Mutter begann, mir diese Augenblicke der Stille zu nehmen, schlief ich zunächst meist ein oder wurde so nervös, dass ich gleich wieder aufsprang. Doch mittlerweile sind mir diese Minuten wichtig geworden, weil sie dazu beitragen, dass so manches in meiner Zeit- und Lebensplanung geradegerückt wird. Sie helfen, unnötige Zeitfresser zu identifizieren und mir zu überlegen, ob ich gelebt werde oder lebe.

Mut zum Jetzt

Bei allem Planen der Zukunft und aller Erinnerung an die Vergangenheit kann ich mich weder hier noch dort aufhalten. Das Leben findet immer nur in dem Moment statt, in dem ich mich gerade befinde. Weder ein wehmütiges Erinnern an die Zeit, in der ich Jugendliche unterrichtete und begleitete, noch das Sehnen danach, in einigen Jahren wieder Herr über meine eigene Zeit zu sein, helfen mir, in der Gegenwart ein erfülltes Leben zu leben. Ein weiser Mann wurde einmal gefragt, warum er trotz seiner vielen Beschäftigungen immer so glücklich sein könne. Er sagte: «Wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich liebe, dann liebe ich …» Da fielen ihm die Fragesteller ins Wort und sagten: «Das tun wir auch, aber was machst du darüber hinaus?» Er sagte wieder: «Wenn ich gehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich …» Wieder sagten die Leute: «Aber das tun wir doch auch!» Er aber erwiderte: «Nein – wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.»

Mut zur Unvollkommenheit

Und so bleibt – was mir oft schwerfällt – die Entscheidung, schon zufrieden zu sein, wenn noch nicht alles erledigt ist, weil es immer noch etwas zu tun gäbe. Es bleibt der Wille, nicht die Wäschehaufen und die Unordnung zu sehen, sondern meine spielenden Kinder mitten drin. Mein Leben ist nicht nur im Urlaub lebenswert und nicht erst (!), wenn meine Kinder endlich schlafen. Ich habe jetzt – in diesem Moment – Zeit zum Leben, unabhängig von dem Stapel auf meinem Schreibtisch, der Anzahl der unbeantworteten E-Mails in meinem Posteingang oder dem Chaos, das zum Alltag einer noch unerfahrenen Mutter gehört.

Und wie ich vor zehn Jahren alles liegen und stehen liess, wenn ein Jugendlicher die Tür meines Direktorinbüros klopfte, habe ich das Verfassen dieses Artikels unzählige Male unterbrochen, weil ein kleiner Bub mich am Ärmel gezupft hat, mir etwas zu zeigen, was viel spannender ist als jeder Bildschirm. Denn die Zeit zum Leben findet man nicht neben, sondern bei dem, was man gerade tut.

Die Zeit zum Leben findet man nicht neben, sondern bei dem, was man gerade tut.
Zurück
Zurück

Wie kriege ich mein Zeug erledigt?

Weiter
Weiter

Alter Hut oder frischer Wind?Prioritäten im Wandel