Alter Hut oder frischer Wind?Prioritäten im Wandel

 

Autor/in: Claudia Flieder (Freie Redakteurin und Autorin, Wien, A)

Ausgabe: März/2017 - Prioritäten

 

Frau Elisabeth K. ist von ihrem Partner schwer enttäuscht. Der letzte Streit war heftig, es hat ungerechte Vorwürfe gegeben, und sie fühlt sich nun verletzt und gekränkt. Kein Problem, sie hat ja kürzlich einen interessanten Artikel in einem Modemagazin gelesen. Darin ging es um Rache, genauer gesagt um die Frage: Wie räche ich mich an meinem Mann/meiner Frau möglichst wirkungsvoll? Kreative Ideen wurden ausgetauscht, etwa Vogelfutter auf das Auto des Partners zu streuen oder der Freundin Selbstbräuner in die Gesichtscreme zu mischen.
Frau Elisabeth K. ist sich sicher, dass ihr eine gute Möglichkeit einfällt, es ihrem Mann heimzuzahlen.

Das ICH-Prinzip

Gute Möglichkeit? Natürlich, denn es geht darum, sich nichts gefallen zu lassen. Das ICH hat oberste Priorität. Wichtig ist, was mir gefällt, was meinem Wohlgefühl dient und wie ich am besten weiterkomme.
Frau Elisabeth K. ist kein Einzelfall, sondern ein Beispiel für das Credo unserer Gesellschaft. Doch dies soll kein Vorwurf sein: Warum sollte ich meine Fähigkeiten nicht für mich nutzen? Warum sollte ich mich ständig unterkriegen lassen? Oder noch weiter gefragt: Warum sollte ich nicht glücklich werden? Um diesen Punkt dreht sich heute alles – um das persönliche Glück. Das hat Priorität Nummer 1.

Ein anderes Beispiel: Früher wurde ein Waschmittel damit beworben, dass die Wäsche noch sauberer, heller und duftender wird. Nun verspricht das Waschmittel nicht mehr nur Sauberkeit, sondern Glück! »Es macht glücklich, Suppen, Shampoos, Unterhaltung, Karriere …« So suggeriert es uns die Werbung. Es gibt tatsächlich viele Möglichkeiten, »Glück« zu definieren. Was macht uns glücklich? Viel? Viel Geld in der Tasche bzw. auf dem Konto? Die aktuelle Mode, das neueste Smartphone? Sportliche Leistungen? Eine schöne Frau zu haben/einen attraktiven Mann? Glückliche Kinder?

»Richtig« oder »falsch«?

Stichwort »Kinder«: Beruflicher Erfolg wird meist hart erkämpft. Frauen und Männer wollen sich in der Arbeit verwirklichen. Da hat die Familie manchmal das Nachsehen … Eine Juristin berichtet in einem Interview von ihrer Art, den Tag zu gestalten: In der Früh werden die Kinder zur Schule gebracht, wo sie den ganzen Tag verbringen. Der Hund kommt ins Hundeservice, der Mann verlässt sowieso das Haus, um seiner Arbeit nachzugehen. Alle bemühen sich um ihr Leben. Nur die Mutter ist nie weg. Noch nie war die Frau so sehr mit ihren Leistungen und Fähigkeiten selbst verurteilt worden. Es gibt ja nun einmal objektiv bessere und schlechtere Mütter. Das sind die Maßstäbe, von denen sich »richtig« und »falsch« ableiten. Richtig ist heute, was mir gut tut. «Falsch« ist, was mir Mühe macht. Wir stecken im Widerspruch, und müssen lernen, das zu erklären. Menschen sind so zerrissen wie noch nie. Jeder und jede lebt im Widerspruch. Sie vergeben es – oder nicht.
Wir müssten unsere Prioritäten an die Zeit anpassen, an die Trends. Allen genannten Beispielen ist eines gemeinsam – die Bedeutung unserer menschlichen Bedürfnisse.

Was brauchen wir?

Wir wünschen uns Anerkennung, Wertschätzung, Liebe, Harmonie, Frieden, Erfolg … Die Liste lässt sich beliebig erweitern, doch wir wissen, was wir wollen. Die Frage ist: Wie stellen wir unsere Bedürfnisse? Auch unsere Eltern und Großeltern hatten Sehnsucht nach einem erfüllten Leben – sie hofften es sich in der Familie, im täglichen Auskommen, in der Religion. Heute wählen wir andere Wege, um zu »unserem« zu kommen. Die Bedürfnisse sind gleich geblieben, doch die Prioritäten haben sich verschoben. Das bringt auch den Begriff der »Werte« ins Spiel. Was ist uns wichtig? Dass es den anderen gut geht? Dass es uns gut geht? Welche Werte haben wir von unseren Eltern? Haben wir gelernt, nachzugeben, lieber zurückzustecken? Oder lieber voll gegen den Vorgaben anderer kritische oder Werte vertreten? Was zählt im unserem Leben? Den wöchentlichen Sportverein? Ein gemeinsames Abenteuer? Ein Beispiel: Das Nachbarschaftsfest findet für mich Wert. Daraus, dass ich mein eigenes Bedürfnis für eine Zeit hinten anstelle und stattdessen etwas koche für meinen kranken Nachbarn, tue ich mir, wenn es mir Freude macht, dennoch Gutes. Eine Wohnung aufräumen – das hat nun für mich Vorrang!

Warum sollte ich nicht glücklich werden? Um diesen Punkt dreht sich alles - um das persönliche Glück.

Loslassen macht frei

Auch Werte haben sich dementsprechend Prioritäten gesetzt: immer noch Menschen, allerdings die Gier nach dem Eigenen aufgeben, die eigenen Dinge, die man besitzt, nutzen, das Wohlfried, die Gier aufzugeben, die Dinge, die man besitzt, nutzen, das Wohlfried, die Bequemlichkeit und was auch immer gerade in unserem Leben aktuell ist. Wir verlassen unsere «Komfortzone» und schauen über den Tellerrand unserer Bedürfnisse hinaus. Vorrang hat – um bei unserem Beispiel zu bleiben – nun der kranke Nachbar, weil es mir ein Wert ist, ihm zu helfen.

Viele Menschen kennen aber ihre eigenen Werte nicht mehr oder haben sich nie die Zeit genommen, darüber nachzudenken. So kommt es, dass wir ungefragt unsere Werteliste von anderen bestimmen lassen, von dem, was gerade «in» ist. Psychologen sagen, dass jeder Mensch ca. fünf Werte besitzt, die sein Leben bestimmen. Es ist wichtig, sich darüber Gedanken zu machen. Wie funktioniert das konkret? Wir erkennen und definieren unsere Werte, indem wir uns fragen: Was ist mir im Leben wichtig? Woran will ich mich orientieren? Nun haben wir unsere Werte gefunden. Und diese führen uns durch den Alltag, sind für Entscheidungen maßgeblich und geben die Rangliste vor. Doch halt! So glatt und selbstverständlich läuft das nicht in unserem Leben. Schön, wenn wir unsere Werte kennen und ihnen den ersten Platz in unserem Leben einräumen.

Wichtig oder dringend?

Im wirklichen Leben drängt sich aber oft anderes dazwischen: das «Dringende».
Diese Arbeit muss noch erledigt, diese Aufgabe gemacht, diese Herausforderung gemeistert werden – dann, ja dann erst kann ich mich mit dem «Wichtigen» beschäftigen.
So läuft es im Alltag ab, so hetzen wir von einer Beschäftigung zur nächsten. Ein Hamsterrad, aus dem es kein Entrinnen gibt?

Doch, wenn wir die Ruhe bewahren, tief durchatmen und bei uns selbst bleiben – im Sinn, dass wir uns nicht überrumpeln und mitreißen lassen.
Das braucht Zeit, das braucht Besinnung. Es ist sinnvoll, sich immer wieder an die eigenen Werte zu erinnern und danach die Prioritäten zu setzen.

Mit anderen Worten: Den «roten Faden» durchs Leben zu erkennen und zu behalten. Roy E. Disney (der Neffe von Walt Disney) hat einmal gesagt:
«Es ist nicht schwer, Entscheidungen zu treffen, wenn du deine Werte kennst.»

Anders ausgedrückt: Unsere Werte bestimmen unsere Prioritäten. Und wenn wir diese bewusst setzen, finden wir auch zu einem glücklicheren, harmonischen und erfüllten Leben. Dann werden wir nicht mehr von «Trends» und «Meinungen» getrieben, sondern gestalten unser Leben selbst!


Ein schönes Bild hierzu stammt von Mutter Teresa:

Das LEBEN ist eine CHANCE: Nütze sie.
Das LEBEN ist SCHÖNHEIT: Bewundere sie.
Das LEBEN ist eine PFLICHT: Erfülle sie.
Das LEBEN ist ein SPIEL: Spiele es.
Das LEBEN ist LIEBE: Erfreue dich daran.
Das LEBEN ist ein RÄTSEL: Durchdringe es.
Das LEBEN ist ein KAMPF: Akzeptiere ihn.
Das LEBEN ist eine TRAGÖDIE: Ringe damit.
Das LEBEN ist ein ABENTEUER: Wage es.
Das LEBEN ist GLÜCK: Verdiene es.
Das LEBEN ist das LEBEN: Verteidige es.

Mutter Teresa

Wenn wir lernen, unseren eigenen Werten treu zu bleiben, wenn wir sie Priorität Nr. 1 sein lassen und auch zu einem Lebensstil machen, werden wir nicht nur glücklicher. Dann wird man wieder «Herr/Frau über das eigene Leben», nicht getrieben von Mode und Trends, sondern gestaltend – trotz allem:
Es ist dein Leben selbst!

Es ist nicht schwer, Entscheidungen zu treffen, wenn du deine Werte kennst.
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Meine Zeit und ich – Zeit zum Leben finden

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An der Mutterbrust Vertrauen lernen