Altern - Herausforderung zwischen DEN Sorgen und DEM Sorgen
Autor/in: ROLAND KÜBLER (Heimleitung Altersheim Oberlattmat, Kriens, CH)
Ausgabe: Januar/2017 - Ruhe
Das Leben ist mit Sorgen vollgepackt. Es gibt so viele gute Gründe, sich zu sorgen. Jeder hat damit Bekanntschaft gemacht; wir könnten damit Bücher füllen. Es macht Angst, bedrängt und lähmt. Am Ende machen uns die Sorgen krank, und manch einer stirbt in Sorgen. Und trotzdem sorgt sich jeder.
Selber mache ich mir häufig Sorgen um das Sorgen. Während uns Sorgen krank machen, beruhigt das Sorgenbarometer uns. Wirkt das Sorgenbarometer (z. B. Sorge tragen für jemand) als das Gegenteil. Es beruhigt, nimmt Anteil und verbindet. Jeder mag damit sich – sorgt sich für den anderen. Meine Sorge ist, dass wir das Sorgen verlernen.
Hat in unserem Alltag keinen Platz mehr. Es wird verdrängt: wir haben keine Zeit mehr dafür. Sich Sorgen zu machen ist gesellschaftstauglich, als sich um jemanden zu sorgen. Und wenn wir vor lauter Sorgen nicht mehr sorgen können, folgt die nächste Sorge auf dem Fuß. Die Sorge im Hier und Jetzt verdrängt das Sorgetragen und Vorsorgen für die Zukunft.
Sorgen um die Ruhe
Durch die Industrialisierung, die im 19. Jahrhundert stattfand, profitieren wir heute noch. Was unseren Wohlstand betrifft – den auch heute wir genießen. Eine gute Work-Life-Balance. Geregelte Arbeitszeiten, vorgeschriebene Pausen, Ferien, Urlaub – Erholungsphasen. Eine neue Normalität.
Heute haben wir ein Wohlstandssystem erreicht, das eine hohe Leistungsbereitschaft einfordert. Da hat die Wirtschaft einiges mehr begriffen, als der Bürger in seinem Privatleben umzusetzen vermag. Warum?
Fehlt es nicht an Struktur und Planung bzw. Einteilung unserer Freizeit? Das immense Angebot und die vielfältigen Möglichkeiten lassen uns kaum mehr zur Ruhe kommen. Die Aktivitäten sind längst nicht mehr auf die «Tagesbeize» beschränkt, sondern dehnen sich bis weit in die Nacht aus. Ruhezeiten werden aufs Ärgste missbraucht – die Nacht zum Tag gemacht. Schlafen wird zur modernen Menschheit zur raren Ware gemacht. So kommt der moderne Mensch in seiner Freizeit kaum noch wahr zur Ruhepausen.
Während in einem Orchester die einzelnen Musiker mit verschiedenen Instrumenten wichtiger Pausen einzuhalten haben, werden diese verordneten Pausen im Privatleben oft gänzlich missachtet. Die Musiker jedoch halten diese Pausen ein – sie verraten im Stillen und tun nichts. Trotzdem spielt die Musik weiter. So wäre es auch im täglichen Leben gedacht: Wenn ich Ruhe und aktiv Pausen einlege, bedeutet dies nicht, dass ich leide. Die Ruhe ist Teil vom Leben – aktiv. Aktiv-Pause.
Wie heißt es im biblischen Schöpfungsbericht in 1. Mose 1, 20–2, 2? Dort wird beschrieben, dass nach sechs Tagen Arbeit der 7. Tag folgte. Der siebte Tag – ein heiliger und ein gesegneter Tag. Ruhetag wird er genannt. Er bedeutet: «Erledigt hat das eigene Werk und begonnen – jetzt wurde der ganze richtige Spaß.»
Heute darf die moderne Wissenschaft belegen, dass jeder Watertag eine andere Bedeutung für die Menschheit hat. Er gibt uns einen Ruhetag – so ganz anders als die anderen sechs Tage. Einen Tag zur Ruhe, an welchem wir uns nicht mit Alltagskram beschäftigen müssen. Einen Tag zum Ausruhen und Auftanken. Einfach wundbar! Dementspechend könnte man davon ausgehen, dass das Arbeitsgesetz mit dem verordneten Ruhepausen ein vergessenes Prinzip wieder neu entdeckt und damit im Grund eine dem Schöpfungsprinzip Folge geleistet.
Die Ruhe ist ein Geschenk! Ein Geschenk, das man gerne annimmt, das aber auch gepflegt werden muss.
Die neue Menschen freuen sich auf den geschenkten Ruhetag und dann gehen sie erst aus diesem Attentat plötzlich jegliche Strukturen und Abläufe. Nicht erkennen sie damit eine unterschätzte Krise, eines tatsächliche Lebenskrise, weil es kein «Zurück» in den «normalen» Alltag gibt.
Sorgen um die Gesundheit
Das Sorgetragen um die Gesundheit beginnt hoffentlich vor dem Ruhestand. Leider müssen sich viele Menschen deswegen Sorgen machen, weil sie zu spät dafür Sorge getragen haben.
In meiner Arbeit mit Menschen im Pensionsalter fällt mir in Sachen Gesundheit vor allem ein Punkt auf, dem nicht genügend Rechnung getragen wird, nämlich die Bewegung. Und damit meine ich die körperliche Anstrengung. Viele Menschen im Pensionsalter sind der Meinung, dass Sport vor allem für Jugendliche und geborene Bewegungstypen sei. Darum hat so manches Krankheitssymptom mit Bewegungsmangel zu tun.
Auf folgende drei Punkte sollte auch im Alter geachtet werden:
1. Ausdauertraining für den Herz-Kreislauf-Organismus:
Regelmäßig, vier bis fünf Mal pro Woche, mindestens eine halbe Stunde mit erhöhtem Puls bewegen. Am besten draußen an der frischen Luft oder in einer angenehmen Umgebung wie im Wald, entlang eines Baches oder über einen Höhenweg mit schöner Aussicht. Dies stärkte die Vitalwerte, fördert den Stoffwechsel, stärkt das Herz und den Kreislauf und «durchlüftet» gleichzeitig den Kopf.
2. Krafttraining:
Der Kraftverlust ist im Alter sehr hoch. Darum sollte darauf geachtet werden, die Mobilität zu sichern. Führen Sie deshalb gerade im Alter ein gezieltes Krafttraining durch. Es lohnt sich, finanzielle Mittel in eine Fachperson zu investieren, um sich individuell passende Übungen zusammenstellen zu lassen. Das Training muss nicht zwingend in einem Fitnessstudio erfolgen. Es gibt viele Möglichkeiten, die Übungen in den Alltag einzubauen. Mit der Kraft ist es wie mit dem Strom – sie lässt sich nicht bis auf weiteres speichern. Um rundum fit zu sein und zu bleiben, sind tägliche Übungseinheiten unerlässlich. Gezieltes Krafttraining schützt vor Stürzen, gibt Sicherheit in Bewegung und Stand.
3. Schätzen Sie Ihre Beweglichkeit:
Die Beweglichkeit nimmt bereits mit 50 Jahren etwas ab. Sie hat mit Ausdauer und Kraft zu tun und ist mit den Gehirnaktivitäten eng vernetzt. Beweglichkeit hält Körper und Geist, auch im Alter, das Ziel vor Augen. Sie bleibt nur erhalten, wenn sie immer wieder aufs Neue gefordert wird. Üben Sie, auf einem Bein zu stehen. Schließen Sie dabei erst ein Auge, dann beide Augen. Verharren Sie ruhig in dieser Stellung (diese Übung, wenn nötig, im Beisein von Betreuung ausführen).
Machen Sie Hüpfspiele wie früher als Kinder, z. B. auf einem Betonplattenboden oder zeichnen Sie Felder mit Kreide auf. Gehen Sie auf Bergwegen (eventuell mit Stöcken zur Sicherheit, aber auch zur zusätzlichen Bewegung der Arme). Üben Sie das Jonglieren von Bällen. Machen Sie Ballspiele: Tischtennis, Federball etc. Gleichzeitig zu den Übungen kann die Zahlenreihe rückwärts aufgesagt oder Bäume beim Laufen benannt werden. Dies ist eine Kreuzworträtsel-Lernübung. Ihre Sensorik wird dadurch geschult und Sie können die eigenen kleinen Grenzen spüren.
Wichtig bei diesen drei Punkten ist: Machen Sie es regelmäßig. Versuchen Sie es zu zweit oder in einer Gruppe. Das macht wesentlich mehr Spaß! Drängtes, Regenwetter – gilt nicht als Ausrede!
Sich Sorgen zu machen ist gesellschaftstauglicher, als sich um jemandem zu sorgen.
Sorgen um die Vorsorge
Sehr viele Menschen sind in den Jahren vor der Pension so intensiv mit ihrer momentanen Lebenssituation beschäftigt, dass sie über die bevorstehende Rentezeit keine Gedanken machen. Andere verdrängen das Älterwerden und tun so, als wäre es davon nicht betroffen.
Eine vernünftige Auseinandersetzung mit dem Ruhestand ist der beste Garant dafür, dass der Übergang vom Erwerbsleben in die Rentenzeit reibungslos vonstattengeht.
Stellen Sie sich die Frage ab, ob ein Vorbereitungsprozess auszureichen sollte mit bereits in der Situation befindlichen Menschen.
Für jeden Menschen ist die Lebenssituation vor und nach dem Ruhestand individuell, dank kannerlei genereller Zeitpunkt festgelegt werden. Einzig wichtig ist, dass man damit beginnt!
Mit rund 60 Jahren werden Sie mit der Frage konfrontiert, wie Sie den Pensionsalltag bereichern können. In meiner Arbeit mit Menschen im Pensionsalter fällt mir ein Punkt ganz auf, der nicht genug Rechnung getragen wird, nämlich «Was tun» mit der vielen Zeit.
Einige Fragen nach der Vorbereitung auf den Ruhestand – z. B. Eintritt ins finanzielle Auskommen – beginnen meiner Ansicht nach mit dem Eintritt ins Erwerbsleben. Hier bekommt man Pflicht dafür gelegt, wie man es später gerne einmal hätte. Eine monatelange Routine mit dem Pensum fürs Alter schaffen. So wird eine Situation nachhaltig getragen wollen, ist schlichtweg unmöglich.
Aber es geht ja nicht nur um finanzielle Belange.
Sorgen um die Mitmenschen
Entscheidend ist auch die Beziehungsebene zum Mitmenschen. Studien belegen, dass sich jeder dritte Senior einsam fühlt. Einsamkeit tritt häufig nach größeren persönlichen Veränderungen ein, die das soziale Leben beeinflussen. So zum Beispiel nach dem Umfall oder nach dem Verlust einer geliebten Person. Man braucht Zeit für sich, um den neuen Umstand zu verarbeiten. Doch wenn durch Treffpunkt im Freundes- und Bekanntenkreis fehlt. Das Netz der Kontakte wird grobmaschiger, und man steht mit immer weniger Menschen in Verbindung.
Einsamkeit ist aber ein subjektiver Wahrnehmungsbegriff. Es heißt, kann sich einsamer fühlen als die Nachbarin, die drei Häuser weiter allein lebt.
Einige Vorschläge, die Ihnen Mut machen sollen, der Einsamkeit zu entkommen:
– Interessieren Sie sich für Ihre Mitmenschen
– Pflegen Sie bewusst Kontakte zu jüngeren Generationen
– Vereinbaren Sie in freien Zeiten eine Spaziergänge oder eine sonstige Aktivität
– Laden Sie Nachbarn zum Kaffee ein
– Planen Sie gemeinsame Ausflüge
– Engagieren Sie sich in der freiwilligen Arbeit
etc.
Der Mensch wurde nicht geschaffen, um nur für sich allein zu leben. Haben Sie Mut, auch im Alter noch einen Menschen neu kennen zu lernen. Es sind Geschenke der Begegnungen, die das Leben prägen und für die es sich zu leben lohnt. Jeder Kontakt schenkt neuen Lebenssinn!
Sorgen um den Lebenssinn
Was ist der Sinn im Leben? Ruhepausen, die man durch die Pensionen von einem Tag auf den anderen hinter sich lässt? Ist es der Lebenspartner, sind es die Kinder oder Enkelkinder? Ist es das geliebte Hobby, das nach einer Renovierung mit den Mitmenschen verwirklicht werden kann? Vielleicht schreiben Sie gerade an einem Buch? Oder Sie entdecken und hoffen auf eine Veröffentlichung Ihres Gedichtes.
Je älter der Mensch wird, desto beiderseitiger wird die Frage nach dem Lebenssinn. Was habe ich mit meinem Leben bewirkt? Hinterlasse ich meine Spuren? Die meisten von uns wünschen sich ja nicht um eine Bronzestatue auf dem Dorfplatz, sondern nur eine Straße, die nach mir benannt wurde.
Der Psychologe Abraham Maslow, bekannt geworden durch die «Maslowsche Bedürfnispyramide», sagte, dass die Selbstverwirklichung des Menschen die höchste Stufe darstellt. Für mich ist der Lebenslauf von Maslow imposant. Während er in 1970 die Bedürfnispyramide erweiterte und anstelle «besagter Selbstverwirklichung» eine Pyramide mit der Transzendenz in der Spitze zeichnete. Die Transzendenz bedeutet die Nähe zu sich und der Nähe zu Gott. Am Ende des Lebens brauchen es die Senioren zumindest die Nähe zu sich selbstverwirklicht zu haben, die früheren Leistungen zu feiern such.
Heute kann nach dem Lebenssinn gefragt werden. Im Rentenalter der die Frage erst so richtig gestellt werden, wenn die notwendige Spannungsspanne stellt. Ich wünsche Ihnen dabei viel Zuversicht auf Ihrem persönlichen Weg. Warten Sie nicht auf die perfekte Möglichkeit, sondern Gewinnen Sie Ihre Möglichkeit, mit nur wenig Aufwand, Mut und praktischen Umsetzung zu starten.
Es liegt an uns, die Herausforderungen des Alterwerdens. Das Entscheidende ist, zu überwinden. Es geht nicht nur um die Frage, wie alt man wird, sondern darum, wie man alt werden will. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen wenig Zeit für Sorgen und mehr Zeit fürs Sorgen.
„Es geht nicht nur um die Frage, wie alt man wird, sondern vielmehr darum, wie man alt wird.“