Die letzte Ruhe

 

Autor/in: Ursula Weigert (Logotherapeutische Lebensberaterin, Trauerbegleiterin, Lehrkraft für Deutsch als Fremdsprache, Neufahrn b. Freising, D)

Ausgabe: Januar/2017 - Ruhe

 

Elias H.

Er hieß Elias und war mit Mitte dreißig im besten Alter. Beruflich hatte er es schon weit gebracht. Als Rechnungsprüfer für die Regierung in der syrischen Hauptstadt Damaskus hatte er neben sehr guter Bezahlung noch weitere Annehmlichkeiten wie einen Dienstwagen samt Chauffeur und nebenbei die Möglichkeit zur Promotion bekommen. Er war mit einer bildhübschen Traumfrau verheiratet. Ein Sohn und eine Tochter, beide im Kleinkindalter, hatten das Familienglück perfekt gemacht.

Ein Scharfschütze hatte ihn ohne Vorwarnung ins Visier genommen.

Im Fadenkreuz

Dann kam der Bürgerkrieg bedrohlich näher. Als Elias H. eines Tages in der Mittagspause auf seinem Balkon saß, schlug mitten in der Geschäfts­zeit neben ihm ein. Ein Scharfschütze hatte ihn ohne Vorwarnung ins Visier genommen. Nur dadurch, dass er sofort in Deckung ging und tief gebückt nach hinten hinaus verschwand, blieb der junge Familienvater unverletzt.

Unter Generalverdacht

Als Christen hatte die Familie schon ihre Vorfahren lange unbemerkt mit Muslimen verschiedener Richtungen zusammenleben können. Doch seit den militärischen Aktionen der US-Amerikaner und der Briten, die als Verteidiger des christlichen Abendlandes auftraten und wahrgenommen wurden, gerieten plötzlich christliche Kirchen immer mehr unter Generalverdacht. Das galt auch für Elias H. und seine Familie, zu der er für die Regierung arbeitete, die wiederum für hohe Toleranz gegenüber den Christen im Land bekannt war.

Ausrreise nach Deutschland

Zwei Brüder von Elias hatten schon etliche Jahre zuvor deutsche Frauen geheiratet und lebten mit ihren Familien in Bayern. Mit einer Beurlaubung zur Fertigstellung seiner Doktor-Arbeit in Deutschland und der Erlaubnis, mit finanzieller Bürgschaft seine Familie mitzubringen, übersiedelten die H.s im Frühjahr 2014 in den Dorf nahe Rosenheim und wohnten bei Verwandten in sehr beengten Verhältnissen. Wisam, der knapp vierjährige Sohn, hatte schon mitbekommen, dass in Syrien «böse Männer» am Werk waren und er seine Heimat samt den Freunden dort erst wiedersehen würde, wenn die Bösem alle tot sind. Seine jüngere Schwester Mays reagierte altersentsprech mit häufigem Weinen, Schreien und Aufsässigkeit, vor allem, als die H.s nach unserem halben Jahr weiterzogen, weil sie zu einem Bruder mit Familie im Großraum München. Hier wohnten sie ein Vierteljahr lang zu acht in einer Zwei-Zimmer-Wohnung.

Meine Bekanntschaft mit Familie H.

Hier lernte ich die H.s kennen. Sie besuchten einen sogenannten Integrationskurs, der aus Sprachunterricht und Einführung in das «Leben in Deutschland», wie der zweite Kursteil heißt, besteht. In meiner Klasse fiel mir auf, dass die überdurchschnittlich gebildet waren und die Frau kein Kopftuch trug. Die Schwester schien mit mir die Kinderbetreuung an unserer Schule. Es war ein an Klassengemeinschaft sehr interessiertes jung, und weil sie am selben Ort wohnten wie ich, bot ich ihr nach einiger Zeit meine Mitfahrgelegenheiten an. Zwei Tage später stürmten die Kinder lachend in meinen Polo und riefen: «Danke, danke!» Das war ihr erstes deutsches Wort, und sie freuten es noch viele Male. Natürlich würde ich zu ihnen eingeladen, wie es in dieser Kultur üblich ist, und dabei erfuhr ich von der deutschen Schwägerin, dass Elias seit kurzem die Diagnose «Hirntumor» hatte. Schockiert, wie ich war, verstand ich jetzt aber auch, warum mich seine Frau gebeten hatte, ihn im Unterricht nicht aufzurufen.

Schwere Krankheit

Eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen begann. Unsere Freundschaft wurde immer enger. Bald schon konnte Elias nicht mehr am Unterricht teilnehmen. Stattdessen musste er häufig zur Behandlung in eine Münchner Universitätsklinik gefahren werden. Die Symptome waren schlimm und auch für seine Familie sehr belastend: immer öfter epileptische Anfälle, extreme Reizbarkeit, Übelkeit, Sehstörungen, Veränderung der ganzen Persönlichkeit. Wir kannten das, dass klassische Medikamente auf ihn beruhigend und ausgleichend wirkten. Als es schon dem Ende zuging, ließ ich Elias von seiner Frau mit Wisam und Mays rechts und links neben ihm im Krankenhausbett fotografieren. Der leidlich fröhliche auf dem Bild, das mittlerweile zu einem wichtigen Erinnerungsstück geworden ist.

Der Tod so grausam: Altersmäßig viel zu früh hinterlässt der Verstorbene eine junge Witwe und zwei kleine Halbwaisen.

Tod

Fast ein Jahr nach unserer ersten Begegnung im Deutschkurs starb Elias H. Mitte Oktober 2015. Ich kam gerade von einer Flugreise zurück und wollte einen ganz normalen Besuch machen. An der Haustür empfing mich die Schwägerin: «Ja, weißt du das noch gar nicht? Elias ist vor einer Stunde im Klinikum verstorben.» Seine Frau war bei ihm, und eine Hospizhelferin war mit den Kindern im Auto hingefahren, damit sie sich verabschieden konnten. Als die beiden zurückkamen, stürmten sie voller Freude auf mich los. In dieser Situation und auch später war es für mich hilfreich, eine intensive Fortbildung in Sterbe- und Trauerbegleitung gemacht zu haben. Kinder springen in einer Verlustsituation oft emotional hin und her, und so war es auch hier. Nachdem sie meine Bestürzungshaltung ausgepackt und behauptet hatten, dass Mays müde ins Bett müsse. Wisam später schrieb plötzlich wie am Bändel fest und hielt seinen rechten Zeigfinger hoch, er behauptete, sie tut fest, sich da verletzt zu haben. Nur konnten wir nichts erkennen. Keine tröstenden Worte halfen, kein Pusten und kein Pflaster. Wisam probierte bewusst, dass der Verlustschmerz einen Ausdruck suchte.

Am Grab

Die Beerdigung fand in einem kleinen Ort im Allgäu statt, wo eine Großteil der syrischen Verwandten lebt. Es war bitter wehend. Schon vorher hatte ich mit meiner (erwachsenen) Tochter vereinbart, dass wir uns am Grab um die Kinder kümmern würden, wenn sie das wollten. Tatsächlich nahmen sie unsere Hand und hielten sich während der Zeremonie der Grablegung daran fest, als ihre Mutter und ihre Tante – die beiden überlebenden Schwestern des Verstorbenen – laut klagend und in einem Schmerz hinausschrieen, wie das in ihrer Kultur üblich ist.

Rückblick

Aus dem von Bürgerkrieg geschüttelten Syrien war er geflohen, um sein und seiner Familie Leben zu retten, von einer elementarbedrohlichen Krankheit innerhalb eines Jahres zu erreichen. Bald fiel er und und einhalb Jahre später tot in fremder Erde begraben: Was für ein Schicksal!

«Damit wir klug werden»

Der Tod so grausam ist: Sterben Sie nicht? Gott ist gnädig war, dass die Verstorbenen eine junge Witwe und zwei kleine Halbwüchsige, die nicht wissen, wie sie in ein paar Jahren sein werden.

Es gibt aber die Trost, ermutigt aber, ja manchmal buchstäblich hingegeben wird, getröstet, dass ein Mensch ein hohes Alter erreicht hat und einen festen (im Gemaspeare lebensmüde) Stil. Hilfreich kann es für den sterbenden und die hinterbliebenen Angehörigen sein, wenn sich Dinge noch besprochen, geklärt oder vorbereitet werden können. Das gilt für den Bereich der Beziehung und emotionalen Verbundenheit, wie vielleicht noch eine Aussprache oder ein Wort der Versöhnung ansteht. Aber es kann im praktischen Alltagsbereich sehr hilfreich, wenn konkrete Dinge angesprochen werden, wie zum Beispiel: Wäre es sinnvoll, ein Testament zu machen, oder ist ein eventuelles Erbe auf andere Weise geregelt? Auf welche Weise kann die Bestattung im Sinne des Sterbenden bzw. Verstorbenen durchgeführt werden? Gibt es Vollmachten für Bankkonten, Versicherungen usw.? Welche Abonnemente müssen wo gekündigt werden, wo unter Umständen die Wohnung? Wo sind alle wichtigen Dokumente archiviert?

Im Juni 2015 fand in Stuttgart der Deutsche Evangelische Kirchentag unter dem Motto «Damit wir klug werden» statt. Entnommen ist dieser Halbsatz dem Gebetbuch der Antike, dem Psalm 90,12, wo es im alt-israelitisch-westlicher Weisheit heißt: «…eben wir bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.»

In Anlehnung an dieses uralte Lebenswissen, wie zu Sterben, schrieb Sören Kierkegaard einmal: «Es ist ganz was das, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber debest, was für ein am den anderen Satz, das vorwärts gelebt werden muss.» (In Sören Kierkegaard, Die Tagebücher, deutscher von Theodor Haecker, Brenner Verlag, Innsbruck 1923, S. 203). Seit Leben in der Rückschau zu verstehen, besser zu erkennen, ohne das Leben nachzuvollziehen, das Optionen, uns die Gedanken klärt, um sein Sterblichkeit, Zukunft. Und ist dies nicht die schönste!

Lehren uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.
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