Lass mir meine Ruhe

 

Autor/in: Luise Schneeweiss (Redakteurin und Autorin, Bogenhofen, A)

Ausgabe: Januar/2017 - Ruhe

 

Egoistisch, fremdbestimmt oder frei?

«Schon wieder», denkt sich S., als er abends allein im Büro weit über den Feierabend hinaus arbeitet. K. hatte ihn um Hilfe für ein wichtiges Projekt gebeten. Nur eine kleine Unterstützung, wie es schien, doch daraus waren tatsächlich viele Stunden Extrarbeit erwachsen. Und das erste Mal war es auch nicht! Obwohl beide sonst eigentlich gut zusammenarbeiten, spürt S. den Ärger in sich wachsen. Aber was hätte er tun sollen? Einfach «nein» sagen und K. im Regen stehen lassen?

Obwohl wir alle erwachsene, freie Menschen sind, fühlt man sich in manchen Situationen leicht fremdbestimmt. Wer kennt das nicht? Man fühlt sich wie ferngesteuert. Die eigene Familie und Verwandtschaft, der Arbeitgeber und die Kollegen, die Gesellschaft, unsere Freunde, die Kirchgemeinde und nicht zuletzt man selbst – all das und jeder scheint mit gewissen Ansprüchen an uns heranzutreten. Es sind Ansprüche auf unsere Zeit, unsere Mithilfe, unsere ungeteilte Hingabe, unseren vollen Einsatz. Und obwohl wir alle erwachsene, freie Menschen sind – zumindest theoretisch! – fühlt man sich in solchen Situationen schnell sehr fremdbestimmt und Zwängen unterworfen.

Einfach «nein» sagen?

Eine einfache Patent-Lösung für dieses Alltags-Dilemma gibt es wohl nicht, auch wenn manch einer meint, sie längst gefunden zu haben: Einfach keinerlei Extra-Arbeiten annehmen; nur das zusagen, wozu man wirklich Lust hat; konsequent «nein» sagen und sich abgrenzen und das ganze lästige Aushalten, wenn andere enttäuscht sind. Bedarf an Hilfe? Nichts mein Problem! «Ich muss ja auf mich selbst achten, das ist ehrlicher. In erster Linie?!», wird man sich sagen …

Auch wenn es sein mag, dass der Einzelne dadurch mehr Autonomie erlebt hat, hat diese Haltung eindeutig auch ihre Schattenseiten: Wer radikal egoistisch denkt und lebt, führt langfristig keine guten Beziehungen – und ist nicht besser dran.

Über eigene Grenzen gehen?

Auf der anderen Seite gibt es viele von uns, so dass wir dazu neigen, weit über unsere Grenzen zu gehen. «Ja» zu sagen, obwohl man keine Kraft oder Zeit hat. Sich zu überfordern, aus Pflichtgefühl oder weil man andere nicht enttäuschen will. Die eigenen Bedürfnisse werden hintenangestellt.

Wir lassen uns freilich oft von falschen Schuldgefühlen oder von fragwürdigen Beweggründen leiten wie z. B., es «allen recht machen» zu wollen oder beliebter zu werden. Bei so viel «selbstlosem» Einsatz bleibt etwas auf der Strecke. Wir kommen in ein Fahrwasser des Selbstmitleids, sodass wir anderen damit in den Ohren liegen: «Ich bin überarbeitet, überbeansprucht und gestresst» wird es dann heissen. Der Tenor dabei: Ich habe keine andere Wahl, ich bin gefangen in Ansprüchen und Erwartungen. Wer lange genug so lebt, endet in Verärgerung und seelischem Ungleichgewicht, oft sogar beim verzweifelten Aufschrei eines Burn-out: «Lasst mich endlich in Ruhe! Ich kann nicht mehr.»

Selbstverantwortung

Es scheint, als stünden wir alle in Gefahr, in die eine oder andere Richtung abzudriften.
Und doch muss es eine Alternative geben! Eines steht fest: Die innere Freiheit und Gelassenheit kann und darf uns niemand nehmen. Eine Beziehung, in der ein «Nein» nicht akzeptiert wird, ist nicht gesund. Selbst in der Familie muss es möglich sein, Grenzen zu setzen, ohne dass das als lieblos gilt. (Ich kann dich heute leider nicht anrufen, da ich noch einen Termin habe»; «Es kränkt mich, wenn du dich über mich lustig machst», usw.). Wo das nicht der Fall ist, sollte in aller Liebe das Gespräch darüber gesucht werden.

Auch wenn es um berufliche oder ehrenamtliche Aufgaben geht, sind gesunde Grenzen unerlässlich. Machen wir uns bewusst, dass es tatsächlich in unserer Macht steht, zusätzliche Aufgaben anzunehmen oder abzulehnen. Niemand kann uns zwingen. Wer permanent überfordert ist, muss das Gespräch darüber suchen oder — wenn keine Lösung absehbar ist — über eine berufliche Neuorientierung nachdenken.

Es ist auch nicht unsere Aufgabe, der Unverantwortlichkeit anderer Vorschub zu leisten, indem wir das übernehmen, was sie tun sollten. Wenn ich bei einer Aufgabe zusage, ist es meine bewusste Entscheidung, für die ich auch die Verantwortung übernehme. Damit habe ich kein Recht, dem anderen anschließend böse zu sein, weil er mich um Hilfe gebeten hat. (Wahrscheinlich wäre ich mit manchmal mir selbst gegenüber nicht fairer geblieben, weil meine Kräfte überschätzt habe.) Ich wurde aber nicht zu der Aufgabe bestimmt, sondern es war meine eigene Entscheidung. Wenn wir uns diese Selbstverantwortung erhalten und aktiv leben, statt es unbewusst zu lassen, werden wir feststellen, wie wir wirksamer und motivierter an die Herausforderungen unseres Lebens gehen können.

Entspannte Kommunikation

Wenn ein «Nein» nötig ist, kommt es immer darauf an, wie man es vermittelt, am besten sachlich und mitfühlend: «Ich verstehe gut, dass du jemanden gebraucht hättest. Ich würde wirklich liebend gern helfen können. Leider ist es momentan unmöglich.» Manchmal kann man auch helfen, indem man mit dem Hilfesuchenden gemeinsam überlegt, welche anderen Schritte diese Person sonst noch gehen könnte. Das ist nicht unpersönlich oder ein Ausweichen; im Gegenteil: In einer solchen Lage liegt die Kraft — dieses Sprichwort drückt eine tiefe Wahrheit aus: «Je ernster wir etwas an der Oberfläche brauchen (Hunger auf dafür tragen wir die Verantwortung. Genuß Bewegung, frische Luft, ruhig am eigenen Tisch genießen; Beziehungen pflegen, Zeit für die persönliche «Einheit» … das sind keine Extras, sondern lebensnotwendige Gewohnheiten.

Die Spannung in jeder neuen Situation wieder abwägen zu müssen, kann uns wohl keiner abnehmen. Doch halten wir im Auge, dass wir auch unsere Mittel und Fähigkeiten weise einsetzen müssen, um auf Dauer Einsatz bringen zu können!

Die innere Freiheit und Gelassenheit kann und darf uns niemand nehmen.
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Von “Duftig & Luftig” und anderen Wortspielen