Von “Duftig & Luftig” und anderen Wortspielen
Autor/in: Heidi Albisser (Lebensberaterin, Führungskraft, Sempach, CH)
Ausgabe: Juni/2016 - Luft
Jil und Hugo
Immer der Nase nach bekam sie als Antwort, nachdem sie nach dem Weg gefragt hatte. Geradeaus ging sie, und schon bald war Jil am vereinbarten Treffpunkt. Hugo wartete bereits aufgeregt auf sie. Sie hatten sich zuvor auf einer Geburtstagsparty kennengelernt, und er fand sie sehr sympathisch. Hugo holte tief Luft, so, als wollte er gleichzeitig auch noch ganz viel Mut mit aufnehmen. Aufgeregt und gleichzeitig neugierig hoffend, lud er Jil zu einem Picknick im Park ein. Es sei eine gute Gelegenheit, um sich zu beschnuppern und besser kennenzulernen, dachte er. Hugo hatte wohl den richtigen Riecher mit der Auswahl der Örtlichkeit. Jil war sofort begeistert, fand die Idee toll und sagte zu. Sie liebte es, in der Natur zu sein; sie liebte den Geruch von Gras und Bäumen und vor allem den von Rosen. Hugo hatte alles vorbereitet. Eine Decke war ausgebreitet und verschiedene Leckereien lagen auf Tellern bereit. Hugo war einfallsreich. Es sollte nicht einfach nur ein Picknick sein, nein, Jil sollte das Essen zuerst an seinem Geschmack erkennen. Jil ließ sich auf das Experiment ein. Mit geschlossenen Augen versuchte sie, unterschiedliche Gerüche zu erraten. Pfefferminze war einfach herauszufinden und die Rosenblüten erst recht, denn das war ihr Lieblingsduft. Bei weiteren Duftnoten musste sie raten, und manchmal war es sogar richtig. Oftmals konnte sie den Geruch aber nicht zuordnen.
Hugo hatte noch ein anderes Experiment vorbereitet. Jil sollte sich zur Augenbinde noch eine Nasenklemme anstecken. Sorgfältig legte er ihr ein Stück unbekanntes Etwas in den Mund. Die Konsistenz war ihr bekannt, aber sie konnte nicht erahnen, aus welchem Lebensmittel dieses Stück in ihrem Mund war. Erst als Hugo ihr die Nasenklemme wegnahm, kam der Geruch zum Vorschein und Jil erriet, dass sie ein Stück Pflaume zerkaut hatte. Glücklicherweise war Jil nicht erkältet, sodass sie die Aromen und Geschmacksstoffe wahrnehmen konnte.
Schmecken und Riechen …
… gehören unmittelbar zusammen. Auf der Zunge nehmen wir süß, sauer, salzig, bitter und umami wahr. Alle anderen Geschmacksrichtungen und Aromen erkennen wir jedoch über die Nase. Dort sitzen die Riechzellen, die den Geruch über Nerven zum Riechhirn des Gehirns weiterleiten. (Lesen Sie weitere interessante Details zur Nase auf Seite 38).
Zwei Menschen kamen sich im Park immer näher. Plötzlich blieb eine Szene re stehen, und man erkannte, hier liegt etwas in der Luft. Seit diesem Spätnachmittag im Park wussten die beiden, dass sie gut riechen können. Tatsächlich spielt der Geruchssinn nicht nur bei der Partnerwahl eine entscheidende Rolle. Wenn wir einen neuen Raum betreten oder eine unbekannte Person treffen, ist es in der Regel der Geruchssinn, der uns den ersten Eindruck verschafft. Leute mit einem feinen Näschen merken schnell, wenn irgendwo die Luft ist. Oder sie riechen den Braten. Möglicherweise ist der Geruch aber nicht angenehm, sondern über ist. Dies wünscht man sich eher, diese Geschmacks not raten zu müssen. Dass wir riechen können, ist ein Segen. Stellen Sie sich vor, wir würden an den entsprechenden Stellen nichts riechen. Oder dann, wenn der Brandgeruch in der Küche nicht wahr. Schwarz gewordene Zwiebeln oder die Mich, die gerade über den Topfrand schäumt! Schlimmer noch, wenn ein Feuer im Wohnraum ausbräche.
Beurteilten Sie Ihre Lebensmittel, welche schon einige Tage im Kühlschrank lagern, nur indem Sie an ihnen riechen? Machen Sie das öfter? Sehen die Nahrungsmittel noch genießbar aus, hilft der Geruchssinn bei der letzten Entscheidung.
Eine Minderung oder das völlige Fehlen des Geschmacks- oder Geruchssinns kann irritieren. Die Ursachen der Anosmie sind vielfältig. Sie reichen vom Schnupfen über Traumen der Schädel-Hirn-Region und Infektionskrankheiten bis zu Medikamentennebenwirkungen. Durch immer mehr Erkrankungen erhöht sich zudem der Lebensqualität. Nicht zu vergessen, wenn mit zunehmendem Alter nachlässt. Und wer weiß schon ob das T-Shirt gewaschen wurde, kann schon sehr verunsichern. Grundsätzlich lässt der Geruchssinn mit steigendem Alter nach.
Gerüche verbinden
Jil und Hugo hatten die erste gemeinsame Zeit von Luft und Liebe. Sie bauten eine kleine Luftbrücke. In manchen dieser schönen Geschichten erhalten wir duftende Blüten auf dem Familientisch. Mit den Jahren kann man den kleinen Duftknospen und Erinnerungen nicht entkommen. Doch manche Erinnerungen riecht man schneller als andere. Beim Duft nach Safranblüten steht die kleine Chloe oft schmunzelnd auf ihren Schlitten und winterliche Weihnachten naht.
Jil erzählte von ihrer Mama, sie würde immer einen Orangentee-Trunk mit Zimt kochen und dabei den duftenden Geruch in Erinnerungen schwelgen. Jil und Hugo stellten sich vor, wie manche Motorradtour durch Amerika. Während Jil bei Lavendelduft an die erholsamen Ferien in Südfrankreich dachte, fiel es ihm an langen, blauen Lavendelfeldern, meinte Hugo, dass dies der Geruch der Provence sei, an die man sich noch in den Schränken hängen. Sie meinten, dass sie über die Gerüche verschiedene Vorlieben der beiden erkannt hatten.
Möglichst das ganze Leben lang einen guten “Riecher” zu haben wird leichter und glücklicher durchs Leben gehen.
Jeder mag es anders
Sie hatten auch herausgefunden, dass Gerüche eng mit Emotionen gekoppelt sind. Ein bestimmter Geruch kann Erlebnisse und Gefühle aus der Vergangenheit ins Gedächtnis rufen. Beim Duft von Jasmin wurde Jil erneut an ihr erstes Südlichterlebnis erinnert. Im Park damals, als sie sich lange auf einer Bank mit Hugo unterhalten hatten und eigentlich gar nicht nach Hause wollten, entdeckten sie die Vielfalt der verschiedenen Düfte. In der gemeinsamen Erkenntnis, dass
weiß zu Beginn des Urlaubs kauften sie sich ein neues Parfüm. Zwei Kriterien musste es erfüllen: Es musste ein neuer Duft sein, also einer, den sie noch nicht hatten, und er musste ihnen gefallen. Dieser Duft war nun eng mit den Urlaubserinnerungen verbunden. Immer wenn sie Stress hatten und Entspannung brauchten, trugen sie diesen Duft auf und erlebten die Erinnerungen und Gefühle des jeweiligen Urlaubs. Scherzhaft nannten sie die kleinen Fläschchen die Ferienverlängerer.
Auch beim Duschen hatten die beiden unterschiedliche Vorlieben. Jil duschte mit einem Kokosnussduft. Sie liebte diesen Duft. Unter der Dusche roch es für sie wie in der Karibik. Hugo bevorzugte die Meeresbrise. Er fand
auch beim Zähneputzen die beiden verschiedene Vorlieben hatten. Jil suchte mit einem Kokosnussduft, während Hugo bei frischer Minze blieb. Im Badezimmer stand eine Auswahl an verschiedenen Mitteln, aber die wohlriechenden Parfüms bereits in kleinen Mengen reichten und der andere sie riechen konnte. Ab und zu aßen sie sogar das gleiche Essen, weil sie gemerkt hatten, dass, wenn beide Knoblauch gegessen hatten sie dieser Geruch nicht mehr störte.
Die gemeinsamen Spaziergange durch de Wälder und Wiesen genossen sie sehr.
Sie machten es zu ihrer Lieblingsbeschäftigung, achtsam durch die Welt zu gehen und bewusst die Düfte und Gerüchte einzuatmen. Wie riechen Flieder und Holunder, Harz und Moos und wie Ährenfelder und der See? Immen wieder nahmen sie sich Zeit, um bewusst an den verschiedensten Pflanzen zu riechen.
Bewusst wahrnehmen
Während der Adventszeit duftete es in ihrem Haus fein nach Butter, Zimt und Vanille. Manchmal auch nach Orange, Kardamom, Nelke und Anis. Tannenzäste und Kerzen durften auch nicht fehlen.
Zu den Festtagsvorbereitungen gehörte auch eine saubere Wohnung. Sauberkeit war für Jil mit Zitronenduft verbunden. Zu allen anderen Düften gesellte sich nun auch noch diese Frucht.
Romantisch und feierlich sollte es werden, ein Abend mit vielen Kerzen und einem feinen Essen. Alles war vorbereitet. Jil hatte gekocht, Hugo die Kerzen angezündet, die kleine Chloé freute sich besonders auf den Nachtisch. Die drei genossen ihr Festmahl. Dabei ließen sie es sich nicht nur auf der Zunge zergehen, sondern nahmen die verschiedenen Gerüche auch bewusst über die Nase wahr.
Das Dessert war aufgegessen, und Chloé schlief bereits. Hugo und Jil saßen noch am Tisch und dachten über das fast vergegene Jahr nach. „Immer folgt uns die Nase voran“, meinte Jil. Und zwar meinte sie es so, wie sie es an diesem Abend erlebt hatten: Wie verschiedene Düfte und Gerüche ihren Weg zurück in die Nase fanden. Hugo meinte, dass doch sie es gewesen sei, die so viele Aromen auf dem Tisch haben wollte – dann zusätzlich noch mit diesen Geruchskerzen. Nun begriff Jil – aus Versehen hatte sie Kerzen mit Aroma gekauft. Nun aber schnell das Fenster auf, damit dieses Zuviel an Gerüchen verduften konnte. Als die Luft wieder rein war, nahmen sie sich für das neue Jahr vor, nicht nur beim Spaziergehen die Gerüche bewusst wahrzunehmen, sondern auch zu Hause.
Möglichst das ganze Leben lang einen guten Riecher zu haben, wünschen sich nicht nur Jil und Hugo. Wer seinen Geruchssinn regelmäßig trainiert und seinen Nase sowie den gesunden Menschenverstand walten lässt, wird leichter und glücklicher durchs Leben gehen.
„Sie machten es zu ihrer Lieblingsbeschäftigung, achtsam durch die Welt zu gehen und bewusst die Düfte und Gerüche einzuatmen.“