Leben heißt Vertrauen

 

Autor/in: MATTHIAS MÜLLER (Religionspädagoge (M.A.), TV-Redakteur, Fotojournalist und Marne, D)

Ausgabe: Februar/2017 - Vertrauen

 

Langsam bewegt sich die Schlange voran. Schritt für Schritt rücke ich zum Takt des piependen Bordkartenscanners vor und schaue mich dabei unter den Mitreisenden um. Wer steigt mit ins Flugzeug? Mein Blick bleibt an einer Frau hängen, deren Silhouette unter einem überaus weiten Gewand verborgen ist. Nur das Gesicht lugt aus dem schwarzen Stoff. Verbigt sie etwas unter der Stofffülle? Wie schnell entsteht Misstrauen! Oder gebe ich Vorurteilen Raum?

Vertrauen hinterfragt

Im letzten Jahr kamen viele Flüchtlinge nach Europa. Manche haben die Hilfsbereitschaft der Europäer ausgenutzt, sich mit mehreren identischen finanziellen Leistungen erschlichen – schlimmer noch – haben Anschläge verübt und andere Menschen mit in den Tod gerissen. Ich sehe meine Haltung zu den Inmensen infrage gestellt. Will ich den Schutzbedürftigen, die sich meine Frage tun und sich um den mutigen Entscheidungen kümmern, weiterhin vertrauen?

Staatlich gefördertes Dopung und Korruption bei dem Managen in der Welt des Sports, manipulierte und verfälschte Dielsnotizen arbeiten. Menschen das Vertrauen in Autoritäten.

Im Kampf um den Brexit haben giftenden Politiker Großbritannien das falsche Aussagen getroffen, um die Bevölkerung für ihre Seite zu gewinnen. Sie brauchten nur die Auseinandersetzung in knalligen Parolen ernsthaft wirken zu lassen. Anschließend war die Brexit Mehrheit für viele erreicht. Kann man Politikern noch Vertrauen?

Den Medien vertrauen?

Fake-News sind Teil einer brandgefährlichen Entwicklung. Hat doch Ende des Jahres 2016 der pakistanische Verteidigungsminister hochoffiziell dem Staat Israel mit atomarer Vergeltung gedroht, weil Israel einen Atomschlag vorbereite. Dabei war er auf etwas hereingefallen, was man früher eine «Zeitungs-Ente» nannte und heute Fake-News heißt. Die Berliner Nachrichten-Webseite, die die angebliche Atomschlag-Drohung des israelischen Verteidigungsministers in die Öffentlichkeit gebracht hatte, ist inzwischen von der Bildfläche verschwunden. Die Gefahr liegt nicht nur im Inhalt, sondern auch in der massenweisen Verbreitung solcher Falschmeldungen in den sozialen Medien und in der Leichtgläubigkeit der Leute – Minister eingeschlossen. Zu Recht landete ein Mann hinter Gitterstäben, der unter den Hunderttausenden von Menschen auf der Berliner Festmeile zum Jahreswechsel «Bombe, Bombe!» rief und mit dem frei erfundenen «Fund» leicht eine Massenpanik hätte herbeiführen können. Darum erhebt sich einmal mehr die Frage: Wem kann man noch vertrauen?

Dass die schönen Frauen auf den Titelseiten mancher Hochglanzmagazine nur dank Photoshop – einem weit verbreiteten Grafikprogramm – so schön aussehen, weiß jeder. Dass die Spieleindustrie es jedoch inzwischen geschafft hat, auch bei real gefilmten Menschen die Mimik in Echtzeit zu manipulieren, ist vielen neu. In der Konsequenz bedeutet das, dass man einem Menschen auf dem Bildschirm etwas sagen lassen kann, was er nie gesagt hat. Da man es aber als Video sieht, ist der Normalbürger nicht in der Lage zu erkennen, ob es sich um Wahrheit oder eine Fälschung handelt. Wem vertrauen?

Wahrheit und Vertrauen sind Geschwister. Hat man lange Zeit den Ruf nach «Wahrheit» belächelt, merkt die Gesellschaft plötzlich, dass mit der Wahrheit auch die Glaubwürdigkeit abhandengekommen ist und damit letzten Endes auch das Vertrauen schwinden. Fakten werden ignoriert, bloße Meinungen, Lügen oder nichts Anrüchiges mehr. Dabei hatte schon 2009 der ZDF-Moderator Claus Kleber gesagt: „Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht auf die eigenen Fakten.“ Die Süddeutsche Zeitung hat dies 2016 das Wort «postfaktisch» genannt. Vor zwei Jahren brachte der Spiegel das Titelthema: «Der Rechtsstaat in der Krise». Bundeskanzlerin Angela Merkel: «Es fehlt in reizvollen Themen, es fehlt in politischen Kompromissen. Wohl fehlen die Menschen vor lauter «Ich zuerst!», sich mehr für die Tatsachen, seine logisch fundierten Gefühlslagen.» Und der Schweizer Physiker und Philosoph Eduard Kaeser sieht im postfaktischen Zeitalter die Gefahr einer Demokratie der «Ich-weiß-allen-alles-besser»-Gesellschaft – der Informationsflut in der digitalen Welt. Die zentrale Standards wie Objektivität und Wahrheit erodiere sichtbar. Plötzlich taucht das 9. Gebot wieder auf: «Du sollst nicht falsch Zeugnis reden.» (2. Mose 20,16)

Vertrauen als Starthilfe

Dabei fängt alles so gut an, wenn ein Mensch auf die Welt kommt. Er wird quasi voller Vertrauen ins Dasein geschickt. In seiner Hilfsbedürftigkeit vertraut sich das Baby liebevollen Eltern an, es bleibt ihm gar nichts anderes übrig. Wohlwollende Fürsorge hat es schon im Mutterleib erfahren. Erst im Laufe der Zeit lernen Kinder, dass Erwachsene nicht immer alles so meinen, wie sie es sagen, und nicht alles halten, was sie versprechen. Nach und nach merken die Kleinen, dass man mit seinem Vertrauen vorsichtiger sein muss. Weder gibt es den Weihnachtsmann noch den Osterhasen, und die Babys werden nicht vom Klapperstorch gebracht. Das Leben kann so enttäuschend sein!

Außerdem finden sie heraus, dass man die Wirklichkeit verschieden sehen kann, und zwar nicht nur das berühmte halbvolle oder halbleere Glas, sondern auch die mehreren Seiten, zu denen solche Erfahrungen wie Belohnungen führen, die bei Teil des Ungeprüften, insbesondere des Unbewussten, uns, wenn unsere Welt ist kein Paradies (mehr). Aber Kinder, die man durch schlechte Erfahrungen verunsichert, ist mit jedem potenziellen Vertrauensbruch nur zu schaden. Hinter allem verbirgt sich Böses, jeder will sie ausnutzen, betrügen und Menschen – so die innere Agenda. Jeder noch so nette Einladung, noch einem guten Freund gegenüber, wird hinterfragt und jede Botschaft in die Beziehung übersetzt. Und jedes Lachen nur Hohn für sie, wie Leidenschaften Eifern sucht. Eifern schafft es, auch krankhafte Emotionen und Missstatz in die Gemütsstimmung ist klein. Eine Beziehung kann so gedeihen.

Wem kann man noch Vertrauen?

Ohne Vertrauen geht es nicht

Als Gott vor Jahrtausenden das Gebot «Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten» gab, wollte er uns nicht das Leben schwermachen, sondern das Zusammenleben der Menschen schützen – durch Bewahrung des Vertrauens. Denn unsere Welt kann ohne Vertrauen nicht bestehen. Es ist «die wichtigste Währung für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft». Ich muss dem Busfahrer vertrauen, dass er nichts Böses plant, ich muss dem Piloten vertrauen, dass er alle Passagiere wohlbehalten ans Ziel bringen will. Wie schmerzlich war es, als im März 2015 bekannt wurde, dass ein Pilot genau das nicht getan hatte, sondern ein Flugzeug mit vielen jungen Menschen an Bord absichtlich in den französischen Alpen zum Absturz gebracht hatte! Ich muss dem Kellner vertrauen, dass er mich nicht vergiftet will. Wir können ohne Vertrauen nicht existieren.

Sogar mir selbst muss ich vertrauen, denn ich brauche «Selbstvertrauen» im besten Sinn des Wortes. Ich baue darauf, dass meine Sicht der Welt stimmt, dass ich Situationen und Menschen richtig einschätze. Dabei mache ich auch Fehler. Dennoch vertraue ich meiner Lernfähigkeit, daraus klug zu werden. Mitmenschen können mein Selbstvertrauen schwächen oder durch Ablehnung, Missachtung, Geringschätzung und Kränkung gar zerstören.

Was kann man tun, wenn Vertrauen kaputtgemacht wurde? Wenn ich dem anderen oder gar mir selbst nicht mehr traue? Manche reagieren mit einer Art grundsätzlicher Skepsis: «Wenn ich niemandem mehr traue, kann ich auch nicht enttäuscht werden.» Wer so lebt, wird einsam und verbittert. Keine schöne Aussicht.

Vertrauen ist wie eine Pflanze: Man kann sie nicht aus dem Boden stampfen, sondern sie braucht Zeit zum Wachsen. Wird sie beschädigt, kann sie von Neuem wachsen, wenn wir das wollen und zulassen.

Wer mit List und Winkelzügen etwas erreichen will, mag kurzfristig Erfolg haben. Er trifft heimliche Absprachen, verschafft sich Vorteile auf Kosten anderer, vergelicht seine Stärken gekonnt mit den Schwächen der anderen – Vertrauen wächst so nicht.

Wie wächst Vertrauen?

Mein Selbstvertrauen wächst, wenn ich Erfolge habe und andere mir etwas zutrauen. Im Schwimmunterricht hatte ich zwei Sportlehrer. Der eine beobachtete meine Versuche im Nichtschwimmerbecken und sagte: «Du lernst es nie!» Das ließ meinen Mut sinken, aber rief auch Trotz hervor: «Dann übe ich eben weiter, um der beste Nichtschwimmer der Welt zu sein!» Auch der andere Lehrer schaute mir zu und beorderte mich schließlich in das tiefe Schwimmerbecken. Er traute mir zu, dass ich es schaffe. Ich habe es tatsächlich geschafft und wurde Jahre später sogar Rettungsschwimmer.

Das Grandiose ist, dass es einen Gott gibt, der uns bei unseren «Schwimmversuchen» gewissermaßen zuschaut und sagt: «Du schaffst es! Ich vertraue dir! Ich habe dich mit Kräften, Gaben, Fähigkeiten, Liebe und Mut ausgestattet – du schaffst es!» Wenn so viel Vertrauen von oben entgegenfließt, wird auch dem Mitmenschen Gutes zutrauen.

Im Umgang mit anderen helfen kleine Schritte, um das Vertrauen wieder zu gewinnen. Denn vertrauensbildende Maßnahmen gibt es nicht nur in der Diplomatie, sondern auch in der Firma oder der Familie. Das fängt damit an, dass man andere neben sich gelten lässt, auch wenn sie Ansichten vertreten, die uns wenig gefallen. Es setzt sich über Versprechen fort, die man hält. Eine gute Absicht muss auch wirklich eine gute Absicht sein und nicht nur die Fassade für eine verborgene Agenda. Aufrichtigkeit tut allen gut, auch wenn es um eigenes Versagen geht. Wer Schwächen ehrlich zugeben kann, sorgt dafür, dass auch andere weniger Versagensangst haben. Mit weniger Versagensangst gibt es mehr Erfolg. Dadurch wächst Selbstvertrauen und Vertrauen in andere, die einem den Raum für den Erfolg lassen. Wir haben ein feines Gespür für Menschen, die echt sind, die uns nichts vorspielen, sondern sagen, was sie meinen, wie sie fühlen, und auch noch tun, was sie sagen. Für Bibelleser sind das keine neuen Erkenntnisse. Im Neuen Testament heißt es: «Euer Ja soll ein Ja sein und euer Nein ein Nein.» (Jakobusbrief 5,12, NGÜ)

Es macht Mut, dass die nachwachsende Generation offenbar erkennt, welche Bedeutung Vertrauen hat. «Das größte Vertrauen bringen die Jugendlichen ihren Mitmenschen entgegen. Dies lässt für die Zukunft hoffen. Denn nachwachsende Persönlichkeit wächst mit dem Vertrauen auf die Gemeinschaftsfähigkeit. Das Vertrauen gilt geradezu als die Antriebskraft des sozialen Lebens. Es ist ein soziales Kapital, auf das Politik und Gesellschaft setzen können», so die Einschätzung des Hamburger Zukunftsforschers Horst Opaschowski.

Die christliche Erfolgsautorin Bodie Thoene mit über 35 Millionen verkauften Büchern hat klein angefangen. Als junge Mutter verschrieb sie gemeinsam mit ihrem Mann, mit gelegentlichen Artikeln über die Filmwelt die kleine Familie über Wasser zu halten. Einer dieser Artikel erregte die Aufmerksamkeit von John Wayne, einer bekannten Hollywoodgröße. Er lud das Ehepaar zu sich nach Hause ein, redete mit ihnen, als wären sie alte Freunde, und verhalf ihnen zu Aufträgen. Sie schrieb später: «Wir waren zutiefst gerührt. Hier war dieser [berühmte] Mann, seit 50 Jahren im Filmgeschäft, und er nimmt ein junges Ehepaar mit kleinen Kindern unter seine Fittiche! Einmal fragte ich ihn: Warum machen Sie das? Sie sind so gut zu uns. Er antwortete: Weil das jemand für mich gemacht hat.»

Menschen, die Vertrauen schenken, damit andere wieder vertrauen können und erleben, dass sich Vertrauen lohnt.

Schenken wir Vertrauen, damit andere auch wieder vertrauen können und erleben, dass sich Vertrauen lohnt.
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Altern - Herausforderung zwischen DEN Sorgen und DEM Sorgen