Wenn die Luft «dünn» wird

 

Autor/in: Günther Maurer (Gesundheitsberater, Führungskraft Zürich, CH)

Ausgabe: Juni/2016 - Luft

 

Bloße Redewendungen?

Bei Sauerstoffknappheit geht’s uns, volkstümlich ausgedrückt, an den Kragen. Wir können zwar relativ lange ohne Nahrung, eine ganze Weile ohne Wasser, aber nur wenige Augenblicke ohne Sauerstoff (Über)leben. Mittlerweile gibt es im medizinischen Bereich andere Werte, die allgemeine Gesundheit oder die ganzheitliche Versorgung miteinander auf den Punkt bringen:

«Da muss ich zuerst einmal tief Luft holen!» bedeutet, sich zu weiterem Tun zu rüsten.
«Die Luft anhalten» heißt, erschrocken einem Geschehen gegenüberzustehen.
«Niemanden in Atem halten» meint, einen Menschen nicht zur Ruhe kommen zu lassen.
«Es verschlägt mir den Atem!» ist Ausdruck für «Ich bin sprachlos».
«Mir geht bald die Luft aus!» ist gleichzusetzen mit körperlich / wirtschaftlich am Ende sein.
«Einen kurzen Atem haben!» ist gleichbedeutend mit wenig Durchhaltevermögen.
«Einen langen Atem haben!» meint, Geduld und Ausdauer zu beweisen.
«Die Luft geht aus!» – Vorsicht, eine Explosion steht bevor.

Wer von uns hat nicht schon die eine oder andere Formulierung gesagt, gedacht oder gefühlt? Atmen steht nämlich in einer engen, untrennbaren Wechselbeziehung mit unseren Gefühlen. Wir atmen auf, wenn sich etwas zum Guten wendet, plötzlicher Schreck raubt uns die Luft, und in schweren Lebenssituationen kann unser Atem schwach, gepresst oder verkrampft sein.

Jeder versteht die bedeutungsvollen Worte «Heute herrscht hier dicke Luft» und fühlt augenblicklich jene Anspannung, die das Raumklima und die sich darin befindenden Personen beherrscht.

«Dünne Luft»

Eine Räumlichkeit zu betreten ist es ein Naturgesetz, dass zunehmende Höhenmeter die Aufnahme von Sauerstoff erschweren. Bei einem Aufstieg auf den höchsten Basler Berg (Sichtübung ca. 1445 m.ü.M.) fängt es an: Die Luft wird dünner. Vor Jahren erlitt ich bei einem Aufstieg auf eine Hütte auf knapp 3000 m.ü.M. erstmals Höhenkrankheit. Zu schnell war ich zu hoch gestiegen – und mein Körper reagierte mit lokaler Übelkeit und Schwindel. Sofort blieb ich stehen, mein Knie zitterte, und ich nahm ein überdeutliches Gefühl wahr: Angst und Resignation.

Im Hochseilpark

Zur Verdeutlichung erzähle ich ein persönliches Erlebnis, das mich viel gelehrt hat:
Vor einiger Zeit ging ich mit einer Handvoll auszubildender junger Menschen als Abschluss eines gemeinsamen Jahres in einen Schweizer Hochseilpark. Ich wollte mich, so gut es ging, so für mich das berühmte erste Mal war.

Da ich als Leiter mindestens doppelt so alt wie die übrigen Gruppenmitglieder war, wollte ich mir unter dem Eindruck der bevorstehenden Herausforderungen meine Beklemmungsgefühle nicht anmerken lassen. Die zur Schau getragene Gelassenheit änderte jedoch nichts an meinem angstgeprägten Gefühlen. Ganz im Gegenteil. Als wir den Sicherheitsgurtanzug unter fachlicher Anleitung ordnungsgemäss befestigten, wuchs in mir der Wunsch, mich vorzudrücken, um weiteren Mut für die nächste Etappe zu verdünnen. Ich registrierte die anderen Teilnehmenden, wie sie mutig und geschickter als ich die Hindernisse überwanden. Ich spürte, wie meine Augen wanderten und dabei die verschiedenen Übergänge von Baum zu Baum fixierten, desto eindrückender wurde für mich die Luft, im übertragenen Sinn «knapp».

Heute kann ich dankbar an diesen Tag zurückdenken und mich an so prägtartige Bilder, gemeinschaftliches Miteinander und äusserst wertvolle Gefühle erinnern. Wie kam es dazu? Was veränderte meine prekäre Situation? Was brachte diese Wende?

Je höher meine Augen wanderten und dabei die verschiedenen Übergänge von Baum zu Baum fixierten, desto “dünner” wurde für mich die Luft.

Drei bedeutsame Puzzlestücke

1. Eine vertrauensbildende Einführung, die mir zu einem ermutigenden Gesamtbild verhalf

Da standen wir nun als Gruppe. Jeder hatte seinen Sicherheitsgurt angelegt. Ein Mitarbeiter des Seilparks führte uns zu jenem Platz, wo wir vor zwei Bäumen standen, die mit kurzen Mutseilübergängen verbunden waren. Seine Einführung war kurz, hatte jedoch einen für mich sehr vertrauensaufbauenden und befreienden Ansatz. Er sagte etwa:

«Ich könnte euch jetzt einen Übergang nach dem anderen erklären, aber das wird auch nicht verhindern, dass die Höhe euer Unbehagen womöglich verstärkt, die ihr doch wahrscheinlich bereits nach der dritten Beschreibung nicht mehr an die erste zurückerinnern könntet. Es erscheint meist die Tendenz, dass sich der Blick ausschliesslich auf die Schwierigkeiten bei den unterschiedlichen Übergängen konzentriert und dabei die Wirklich­keit von sensibelndenden Maßnahmen ausgeblendet werden. Daher möchte ich eure Aufmerksamkeit auf zwei beständige Begleiter richten, die jedem Teilnehmer zur Verfügung stehen. Da ist zunächst ein festmontierter Drahtseil, welches euch von Anfang bis zum Ende bei jeder Übergabe zur Seite steht. Der zweite Begleiter ist am selben Ort zu finden: ein außen gut sichtbarer Karabiner, der ausschliesslich dazu da sind, euch mit dem begleitenden Drahtseil zu verbinden.

Wichtig ist, dass es während des Verlaufs keinen Zeitpunkt geben darf, wo nicht zumindest ein Karabiner eingeklinkt ist. Je nach dem jeweiligen Baumkontakt­punkt, bei denen die Karabiner an den anderen Ende fixiert wird, ermöglicht wiederum eine wichtige Orientierung und eindeutige Erklärung.

Diese Erklärung bedarf einer nebligen Ausdrucksweise mit einer leichten Unsicherheit: «Ich will nicht nur für den Klang stehen…» Ihr werdet euch daran erinnern, wie das begleitende Drahtseil euch bis zum Ende des Parcours begleitet wieder.

2. Ein vertrauensbildendes und verlässliches Miteinander als Team

Das zweite Element, das ihr — bildhaft gesprochen — mit in euren Team fokussieren dürft, ist die jungen Männer und Dienstleiter:innen, die euch mit geduldiger Erklärung und verständlicher Sorgfalt im Hochseilparcours begleitet und unterstützt haben. Trotz ihrer körperlichen Sicherung war ihr Blick stets auf euch gerichtet. Die Seilpark­betreuer:innen waren eure verlässlichen und vertrautes Team. Sie halfen euch in Momenten, in welchen es für euer inneres und soziales Netz wichtig war — besonders in Phasen «dünner Luft» gar.

3. Stärkung des Selbstvertrauens — neue Wege zum Vertrauen

Durch den Zuspruch der anderen Teilnehmenden habt ihr schlussendlich einen gewichtigen Schritt zum inneren, personalisierten Vertrauen begegnet. Selbstvertrauen ist nicht nur im Alltag notwendig, sondern auch in sozialen Bereichen und Arbeitsumfeldern.

In einem hohen Bereich der Arbeit, wo wir uns oft auch herausgefordert fühlen und gehemmt fühlen dürfen, ist es ein langer Weg der Beharrlichkeit und innere Einstellung für mehr Selbst­vertrauen zu kassieren. Dies betrifft nicht nur körperliche Standfestigkeit zu Höhen und Stürzen zu bewältigen, sondern auch beim Umsetzen und Planen neuer Projekte.

Dennoch ist Vertrauen eine innere Notwendigkeit — im Alltag, im persönlichen Wachstum und persönlichen Mut, sich immer wieder selbst auszusetzen und den sprichwörtlichen längeren Atem zu trainieren.

Indem unser Herz auch in großen Herausforderungen hinguckt und das Nein der Luft akzeptieren und den Blick dafür öffnet, kann das Ganze unseres Lebens.

Wachsendes Vertrauen zueinander ist ein guter Boden für ein fruchtbringendes Miteinander.
— Ernst Festl, österr. Lehrer und Dichter
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Hurra, ich bin rauchfrei!

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