Wie perfekt muss perfekt sein?

 

Autor/in: Melanie Kluge (Studentin der Psychologie, Murnhard, CH)

Ausgabe: Mai/2016 - Mäßigkeit

 

Bin ich ein Perfektionist?

Perfektionismus betrifft viele – vielleicht bügeln Sie das Hemd keine Stunde lang, damit es auch ja perfekt ist. Sie schreiben keine seitenlangen Listen mit den Dingen, die noch zu erledigen sind. Aber vielleicht sind Sie sehr hart zu sich selbst, wenn Sie einen Termin vergessen haben, oder wollen Ihrem Chef, Ihrem Partner oder Ihren Kindern immer alles recht machen. Oder Sie sind nie zufrieden mit Ihrem Aussehen. Perfektionismus kann verschiedene Formen und Ausprägungen annehmen.

Bei mir zeigt sich der Perfektionismus beispielsweise, wenn wir wegfahren – und damit meine ich nicht nur den Urlaub, sondern auch den Gottesdienst. In der Eile des Aufbruchs gerate ich meist in leichte Panik, etwas vergessen zu haben. Habe ich alles dabei? Ist alles geregelt und organisiert? Nichts untergegangen? Mein Mann muss mich dann regelmäßig auf den Boden der Realität zurückholen und mir sagen, dass die Welt selbst dann nicht untergeht, wenn ich mein Liederbuch nicht dabei habe, und man sogar an Tankstellen einen Ersatz für vergessene Zahnbürsten kaufen kann.

Was ist so schlecht am Perfektionismus?

Wissenschaftler sind sich einig, dass Perfektionismus zahlreiche negative Folgen nach sich ziehen kann – diese reichen von Depressionen über Essstörungen bis zur erhöhten Wahrscheinlichkeit, Selbstmord zu begehen. Auch in geringer Ausprägung macht uns das Streben nach Vollkommenheit oft unglücklich und unzufrieden.

Perfektion ist eine Illusion

Perfektion ist unerreichbar. Man kann sich noch so viel Mühe geben, es könnte immer noch ein klein bisschen perfekter sein. Es wird immer Menschen geben, die noch schönere Torten backen oder noch bessere Sportler sind. Außerdem gibt es Menschen, denen man es prinzipiell nicht recht machen kann. Egal, was man tut, es ist nie gut genug. Die Suppe ist entweder zu kalt oder zu heiß – eine richtige Temperatur scheint es gar nicht zu geben. Und es allen Menschen gleichzeitig recht zu machen, ist sowieso unmöglich. Selbst, wenn man übermenschliche Kräfte und fünfzig Stunden Zeit pro Tag zur Verfügung hätte, gäbe es widersprüchliche Wünsche, die nicht zu erfüllen wären. Wenn sich die Tochter einen Hund wünscht und der Sohn auf keinen Fall einen Vierbeiner in die Familie aufnehmen möchte, ist das schlichtweg nicht vereinbar.

Außerdem ist das Beste in jeder Kleinigkeit vielleicht hinderlich für das Beste insgesamt. Angenommen, Ihr Chef erwartet von Ihnen, ein wichtiges Projekt innerhalb von zwei Wochen fertigzustellen. Wenn Sie unverhältnismäßig lange an bestimmten Details feilen, fehlt Ihnen die Zeit, sich angemessen um alle anderen Teile des Projekts zu kümmern. Unsere Kapazitäten sind nicht unerschöpflich. In solch einem Fall ist es besser, das Projekt als Ganzes im Blick zu behalten und sich nicht bei vergleichsweise unwichtigen Einzelheiten aufzuhalten.

Wie perfekt ist gut genug?

Uns Perfektionisten fällt es oft sehr schwer, zu beurteilen, wann etwas gut genug ist, und an dem Punkt auch einen Schlussstrich zu ziehen und uns anderen Dingen zuzuwenden. Meiner Erfahrung nach ist es sehr hilfreich, andere in so einem Fall um Rückmeldung zu bitten. Fragen Sie Menschen, denen Sie vertrauen und für gute Ratgeber halten, nach ihrer Meinung: «Denkst du, dass ich meinen Vortrag gut genug vorbereitet habe?» oder «Glaubst du, den Enkelkindern wird mein Mittagessen für ihren Aufenthalt bei mir langweilig?» Wenn gerade keine solche Person zur Hand ist, hilft es meist schon, wenn man versucht, die Situation von außen zu betrachten. Was würde ich meiner Freundin sagen, wenn sie dieses Mittagessen zubereitet oder diese Bastelarbeit gemacht hätte? Wäre es dann gut genug? Mit anderen Menschen sind wir oft nicht so kritisch wie mit uns selbst. Durch diese Übung bekommen wir ein besseres Bild von der Wirklichkeit.

Eine wichtige Frage, die wir uns in diesem Zusammenhand stellen sollten, Ist jene nach dem Ziel. Was ist Ziel und Zweck dieser Bastelarbeit? Soll das Ergebnis in elner Kunstausstellung präsentiert werden oder geht es darum, Zeit mit den Kindern zu verbrin-gen? Je nach Antwort wird unterschiedlich viel Perfektion notwendig sein, um das jeweilige Ziel zu erreichen.

Wege zu mehr Ausgewogenheit

In diesem Abschnitt möchte ich auf einige ausgewählte Dinge eingehen, die uns helfen können, unser Streben nach Perfektion in angemessenen Grenzen zu halten und uns mit Nichtperfektem zufriedenzu­geben.

Unvollkommenheit akzeptieren

Wir sollten uns selbst die Erlaubnis geben, unvollkommen zu sein. Niemand ist perfekt, und Sie und ich sind keine Ausnahme, auch wenn wir das manchmal gerne hätten. Wenn wir das unseren Mitmenschen und uns selbst zugestehen, macht das unser Leben wesentlich einfacher.

Wichtig ist auch, unerreichbare Ziele durch erreichbare zu ersetzen. Was nützt es, wenn ich mir laufend Gedanken darüber mache, dass ich keinen Marathon schaffe, und ich damit so beschäftigt und frustriert bin, dass ich nicht einmal zustande bringe, regelmässig 5 km zu joggen? Wäre es nicht viel sinnvoller, sich zuerst einmal einen 10-km-Lauf vorzunehmen und auch tatsächlich auf dieses Ziel hin zu trainieren? Wenn der Berg zu groß und zu hoch erscheint, sinkt die Motivation, und es fällt viel schwerer, es zumindest zu versuchen. Ein realistisches Ziel ist hier viel förderlicher.

Damit will ich nicht sagen, dass es generell schlecht ist, sich hohe Ziele zu setzen. Aber hohe Ansprüche sind nur dann nützlich, wenn sie mit dem Gefühl einhergehen, ihnen auch gerecht werden zu können.

Hohe Ansprüche sind nur dann nützlich, wenn sie mit dem Gefühl einhergehen, ihnen auch gerecht werden zu können.

Schluss mit Schwarz-Weiß-Denken

Typisch für Perfektionisten ist ein gewisser Fatalismus. Ich habe heute das Essen anbrennen lassen, also bin ich eine schlechte Hausfrau. Oder ich habe heute schlecht eingeparkt, also bin ich ein schlechter Autofahrer. Aus kleineren Fehlern wird geschlossen, auf ganzer Linie versagt zu haben. Doch selbst den Profis unterläuft ein Fehler. Aus Kleinigkeiten auf die ganze Person zu schließen, ist schlichtweg unangemessen und unzutreffend. Wenn ich die letzten Jahre meiner Mahlzeiten ein Erfolg war, ist es vollkommen unangebracht, aufgrund eines einzigen angebrannten Gerichts meine gesamten Kochkünste in Frage zu stellen.

Es mag ärgerlich sein, dass das Essen heute versalzen war oder angebrannt ist, aber es hat rein gar nichts mit den Fähigkeiten im Allgemeinen zu tun. Die vielen Mahlzeiten der letzten fünf und der nächsten fünf Jahre verlieren dadurch ja nicht an Geschmack oder Schönheit.

Nicht verallgemeinern

Vermeiden Sie Sätze über sich, die Wörter wie «nie», «immer», «niemand» und «alle» enthalten. Nie mache ich etwas richtig. Ich komme immer zu spät Niemand mag mich. Es denken sowieso alle, dass ich hässlich bin. Sobald Sie Dinge denken, die diese Verallgemeinerungen enthalten, können Sie ziemlich sicher sein, dass sich hier eine gemeine Lüge versteckt. Sehen wir uns den letzten Satz genauer an: Alle denken, dass ich hässlich bin. Erstens liegt Schönheit im Auge des Betrachters, und zweitens ist hier die Frage angebracht, woher man wissen will, dass einen jemand schön findet. Da meine ich nicht, dass es schwierig sein dürfte, einfach danach zu fragen. Meist beruhen solche Annahmen auf «Gedankenlesen». Wir denken, dass die Person X uns hässlich findet, aber das hat sie gar nie gesagt. Niemand von uns kann Gedanken lesen und es ist durchaus wahrscheinlich, dass wir sehr überrascht wären, wie oft wir falsch liegen.

Aus Misserfolg lernen

Nicht erreichte Perfektion muss nicht als Versagen interpretiert werden. Eine Auslegung als Lern-Möglichkeit ist viel gesünder und zielführender. Statt am Boden zerstört zu sein, weil es für die gute Note in Mathe nicht gereicht hat, kann man das Problem analysieren und sich das nächste Mal besser auf die Klassenarbeit vorbereiten. Woran lag es? Zu spät zu lernen angefangen? Falsch gelernt? Nicht genug Übungs­material gehabt? Und beim, was die Vorarbeit anlangt, sind die besten Voraussetzungen dafür geschaffen, dass es das nächste Mal besser klappt. Am Fehler können wir wachsen. Sich selbst herunterzumachen bringt uns nicht weiter.

Keine unfairen Vergleiche

Sich laufend mit anderen zu vergleichen, ist aus den verschiedensten Gründen ungünstig. Im Zusammenhang mit Perfektionismus geht es hier vor allem darum, keine unfairen Vergleiche anzustellen. Ich backe beispielsweise keine so tollen Torten wie du, aber meine Erdnussbutter-Kekse mögen alle lieber. Und wenn ich meine Ergebnisse mit den Toren meiner Konditorei mit zwanzig Jahren Berufserfahrung vergleiche, wird es schwierig. Eine schwere Torte erlernt man nicht in zwei Monaten, das ist völlig in Ordnung. Und das sollte Leben zu beinhalten. Hier sollten wir auch den Menschen, die uns nahe stehen und uns Sorgen haben, von dem es hören müssen. Niemand führt das perfekte Leben.

Geduld

Sehen Sie auf dem Weg zur Ausgewogenheit zwischen dem Streben nach dem Besten und Gelassenheit nicht gleich in erster Linie auf sich selbst. Es geht nicht darum, perfekt zu werden. Es geht darum, sich auf dem Weg zu dieser Ausgewogenheit nicht selbst zu verlieren. Es ist in Ordnung, wenn einmal «Fehler» passieren. Ziemlich perfekt, oder?

Kontinuität ist wichtiger als perfektionismus!
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