Ich sehe dich - Über den Weg persönlicher Veränderung
Autor/in: Klaus Popa (Geschäftsführer STIMME DER HOFFNUNG, Alsbach-Hähnlein, D)
Ausgabe: Leben und Gesundheit, Mai/2015 - Integrität
Je länger es dauerte, desto unruhiger wurde ich. «Ich bin nicht hier, um einen Test in geduldigem Warten zu bestehen, sondern um meine Haare geschnitten zu bekommen», dachte ich mir. Ich nahm mir vor, beim nächsten Mal einen Termin auszumachen. Dafür war es nun zu spät. Ich musste warten. Etwas gelangweilt nahm ich eine der Zeitschriften zur Hand, die auf dem Tisch vor mir lagen, und blätterte lustlos darin. Viel zu lesen gab es nicht, denn gefühlt bestand die Zeitschrift nur aus Bildern – aus großformatigen Hochglanzanzeigen und Bildergeschichten von Stars und Sternchen oder solchen, die es gerne sein möchten. Da ich immer noch nicht dran kam, blätterte ich mich auch durch die zweite, dritte und vierte Zeitschrift. Obwohl sie unterschiedlich hießen, waren sie alle gleich. Faszinierende Bilderwelten voller gut aussehender Menschen, die mir versprachen, dass ich ebenso gut aussehen und mich ebenso gut fühlen könnte, wenn ich nur dieses oder jenes Produkt kaufen würde. Und dann war da das aufregende Leben der Schauspieler, Sänger und Topmodels, ihrer königlichen Familien und der erfolgreichen und glücklichen Menschen aus der High Society.
Ein Schrei
Am Ende dieses Bildermarathons blieb ich in einem Gefühl zurück, das ich oft empfand, wenn ich die bunte Traumwelt der Werbung und den im Alltag allgegenwärtigen Schein mit der Realität verglich – in einem Gefühl der Leere, der Trauer und der Minderwertigkeit. Ein Wunder, denn es leben doch Menschen aus der Welt der Werbung scheinbar viel besser aus und wirken glücklicher als ich, und ihr Leben scheint viel spannender und interessanter zu sein. Kurzum – sie hatten, als ich und der Rest der Menschheit, mich eingeschlossen, träumte. An jenem Tag vernahm ich aus diesem Mosaik perfekt durchgestylter und ausgeleuchteter Bilder aber noch etwas anderes. Ich hörte einen stummen Schrei danach, «gesehen zu werden». Mir schien, als würden die Menschen auf den Seiten dieser Zeitschriften aus der Tiefe und dem Dunkel der menschlichen Existenz in die Welt hinausschreien: Ich will gesehen werden. SIEHST DU MICH?
Ungestillte Sehnsucht
Die Intensität dieses Schreis machte mir klar, dass es dabei nicht darum ging, dass andere sehen, wie schön, erfolgreich oder begehrenswert man ist. Es ging auch nicht um die Bewunderer in zur meisterhafter Perfektion zur Schau gestellten Äußerlichkeiten. Und es ging nicht um eine oberflächliche, menschliche Eitelkeit. Ganz im Gegenteil. Gesehen zu werden, wäre dieser Schrei nicht notwendig gewesen. Denn all das war in dieser Welt längst im Überfluss vorhanden. Aber Glanz, Glamour und Glorie in ihrer Fülle und Pracht scheinen nicht auszureichen. Schönheit, Erfolg und Reichtum bringen nicht die gewünschte Erfüllung und auch nicht den notwendigen Frieden. Zurück blieb eine starke, ungestillte Sehnsucht im Menschen, die durch die Risse der Glitzer- und Traumwelten hindurchragt: Ist jemand da draußen, der mich sieht?
Kein Unterschied
Mit einem Mal hörte ich diesen Schrei auch in meinem Inneren. Nicht nur die anderen trugen diesen Wunsch und diese Hoffnung in sich, sondern auch ich war davon durchdrungen. Es gab keinen Unterschied zwischen den Menschen in den Hochglanzmagazinen und mir. In dem Augenblick ahnte ich, dass diese Sehnsucht allen Menschen gleich ist. Sie ist tief in uns verankert. Alle Menschen …
Am Anfang
Im darauffolgenden Jahrzeit machte ich mich daran, diese Sehnsucht besser zu verstehen und zu erfassen. «Was war denn, wonach ich mich wirklich sehnte?» Meine Suche führte mich nicht zu den Seiten schrieben, dass Gott das erste Menschenpaar nackt erschuf und sich Mann und Frau trotz ihrer Nacktheit nicht voreinander schämten.² Sowohl der Mann als auch die Frau waren gänzlich offen und gänzlich sichtbar. Es gab nichts, was sie zurückhielten und voreinander versteckten. Der Mann nahm seine Frau so an, wie sie war, und sie nahm ihn so an, wie er war. Beide fühlten sich beim anderen geborgen und sicher. Sie hatten keine Angst, dass sich ihr Gegenüber abwenden könnte. Sie konnten sich aufeinander verlassen. Der Mensch war, was er war, nicht mehr und nicht weniger. Körperlich, geistig und seelisch war er vor dem anderen offen und schämte sich nicht – er war nackt.
Die Sehnsucht der Menschen
Das war es. Das musste mit «gesehen werden» gemeint sein. Ich konnte es nicht fassen. In dieser Jahrtausende alten Geschichte wurden meine Sehnsucht und die Sehnsucht der Menschen um mich herum beschrieben. Wir sehnen uns doch alle nach einer Welt, in der wir andere und uns selbst nichts vorzumachen brauchen, um angenommen und geliebt zu werden – nach einer Welt, in der wir so sein können, wie wir sind, und in der nicht unser Erfolg, unsere Leistung, unser Reichtum, unsere Schönheit und unser makelloser Körper über unseren Wert entscheiden. Wir sehnen uns nach Beziehungen – in der Familie, in der Ehe oder am Arbeitsplatz, in der Freizeit und in der Nachbarschaft –, nach Beziehungen, in denen wir uns gänzlich öffnen sein können, ohne befürchten zu müssen, dass sich die Menschen abwenden und uns zurückweisen.
In dieser Geschichte wurde von einer Welt gesprochen, in der Menschen einander wirklich sehnen und deswegen einander auch wirklich nahe sein konnten. Je länger ich mich mit dieser Welt beschäftigte und mich darin vertiefte, desto stärker wurde meine Sehnsucht nach dieser Welt.
Nähe und Distanz
Die Geschichte der Erschaffung des Menschen verdeutlicht, dass sich der Mensch öffnen muss, wenn er gesehen werden will. Die Nähe, nach der sich Menschen sehnen, können sie nur erleben, wenn sie sich sichtbar und damit auch verwundbar machen. Es gibt keinen anderen Weg zu echter Begegnung, als sich nackt zu machen. Nähe kann nicht aus der Distanz erlebt werden. Jeder wird das bejahen, doch die Erfahrung zeigt, dass wir nur allzu oft versuchen, Beziehungen aus einer sicheren Distanz heraus zu leben, und das gilt für alle Arten von Beziehungen – Ehe und Familie, zu Freundschaften usw. Gleichzeitig erahne ich, was wir verloren haben. Wir hätten in unseren Beziehungen nicht die Tiefe, Nähe und Fürsorge erleben, nach denen wir uns sehnen und die wir auch brauchen, um zu heilen.
Heilung in Beziehungen
Innere Heilung geschieht in Beziehungen. Sich in echten, liebevollen Beziehungen zu öffnen und angenommen zu werden und Schlüsselerfahrungen der Heilung. Unser Gegenüber kann aber nur das annehmen, was wir ihm geben. In der Welt der Bilder gelingt es uns nicht schneller, uns richtig wahrzunehmen und nachzuvollziehen, was tief in uns bewegt. Nehmen wir den Apfel von mir nur annehmen, wenn ich ihn gebe. Es sei denn, er steht direkt auf der gegenüberliegenden Seite und weiß nicht einmal, dass ich ihn in der Hand halte.
In Bezug auf unsere inneren Beziehungen hatten wir uns der Angst untergeordnet. Die meisten würden gerne helfen, ohne dass wir es erzählen. Die Angst, autonom sein zu müssen und dennoch abhängig zu bleiben, kann uns daran hindern, von unseren Mitmenschen wirklich verstanden zu werden. Wir können uns zurückhalten oder zu verstecken suchen, indem wir unter vielen Masken verbergen – vorzeitig nicht ganz erkannt zu werden. Wir möchten nicht ganz wahrgenommen oder erkannt werden. Wir möchten zurückhalten, nicht ganz erkannt und wiederholt werden. Mich tragen dieser uns annehmende Scham und Ehrlichkeit von den beiden Menschen, die sich gegenseitig nicht nur angesehen hätten, sondern die sich erblickt hätten im vollen Sinne.²
Trotz Verletzungen
«Kein Wunder, dass es uns nicht leichtfällt, uns zu öffnen», werden viele anmerken. Schließlich haben wir erlebt, dass sich “sich verwundbar machen” nur allzu oft bedeutet, verletzt zu werden. Deswegen haben sich viele über Jahre und manchmal sogar über Jahrzehnte hinweg einen Beziehungshorizont hingelegt, der eher von Selbstschutz als von Hingabe geprägt ist. Wir lassen andere Menschen nur schwer an uns herankommen, fühlen uns gleichzeitig aber nicht wahrgenommen und wundern uns zunehmend traurig darüber, dass wir innerlich vereinsamen und austrocknen. Unsere Verletzungen und schlechten Erfahrungen ändern nichts an der Tatsache, dass wir Nähe, Annahme und Heilung tief in uns nur dann erleben, wenn wir uns in Beziehungen verletzlich machen und öffnen. Das ist nicht nur für uns wichtig, sondern ebenso für einander. Aber es geht auch hier voran vorbei.
Jeden Tag bieten sich unzählige Möglichkeiten, uns darin zu üben, verwundbar zu sein und voller Hingabe zu leben – Veränderungen brauchen Zeit und viel Übung.
Erste Schritte
Welche Schritte sind notwendig? Zunächst einmal bedarf es einer bewussten und mutigen Entscheidung. Und diese Entscheidung muss immer wieder neu getroffen werden, wenn wir aus Selbstschutz auf Distanz gehen. Wenn uns Menschen verletzen, ist die natürliche Reaktion, sich zu distanzieren und zu schützen. Führt dies aber dazu, dass wir in Beziehungen Angst entwickeln oder in einem solchen zurückfallen, die Menschen nur noch teilweise an uns heranlassen, dann ist es Zeit, sich erneut zu entscheiden. Ich kam auch komme manchmal an den Punkt, dass ich mich frage, ob sich der Weg der Verwundbarkeit lohnt. In solchen Augenblicken erinnere ich mich daran, dass auch Distanz zu gehen letztlich dazu führt, sich selbst und die Menschen, die man liebt, zu verlieren. Es ist ein Pfad der Einsamkeit und Abschottung. In letzter Konsequenz führt er zum Selbstschutz und dazu, dass wir das, was das Leben im Kern ausmacht, nämlich Begegnung und Nähe, nicht mehr erleben.
Üben, üben, üben
Ferner braucht es Mut und Ausdauer, sich auf dieses lebenslange Abenteuer der Veränderung einzulassen. Denn unser Beziehungssinn wird sich bis zu unserem Lebensende weiterentwickeln. Unsere Art, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten, und unsere Lebensgeschichte werden einzigartig und einmalig sein. Jeden Tag bieten sich unzählige Möglichkeiten, uns darin zu üben, verwundbar und voller Hingabe zu leben. Und das ist auch gut so, denn es braucht viel, viel Übung. Unsere Beziehungssicht können wir nicht wie ein Kleidungsstück an- und ausziehen. Veränderungen brauchen Zeit, und wir sollten nicht enttäuscht sein, wenn sie sich nicht so schnell einstellen, wie wir es uns wünschen. Schließlich geht es um die Gesamtheit des Menschen.
Bedürfnisse und Grenzen
Entscheidend für den Prozess der Veränderung ist das Hinhören. Wir müssen unsere Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer wahrnehmen und uns im Konfliktfall nicht abwenden, sondern aktiv für konstruktive Lösungen einsetzen. Außerdem ist es wichtig, die eigenen Grenzen und die Grenzen anderer zu erkennen, anzunehmen und sie, wenn notwendig, auch zu verteidigen. Dazu gehört, ja und nein sagen zu können und auch das Ja und Nein anderer zu akzeptieren. Gesundes persönliches Grenzen-zu-entwickeln führt zu einem Leben im Mut und in Freiheit. Auch der Umgang mit den eigenen Ängsten und Unsicherheiten ist einer der Schlüssel zur Veränderung. Erfolg hierbei findet nicht vor unseren Ängsten weg, sondern durch unsere Ängste hindurch. Die Autoren der in der Box aufgeführten Bücher haben mich durch ihre hilfreichen Tipps unheimlich weitergebracht. Wer in diesen Bereichen weiterkommen will, dem kann ich diese Bücher sehr empfehlen.
Aus Gnade
Eines möchte ich zum Schluss noch anmerken. Ich glaube, dass wir diesem Weg durch die Liebe und Barmherzigkeit dessen gehen können, der das erste Menschenpaar geschaffen hat. Durch ihn erleben Menschen eine echte Veränderung. Nichts hat mich so gestärkt und mir Mut und Kraft zur Veränderung verliehen wie das Ruhen in seiner Barmherzigkeit. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen alles Gute auf Ihrem persönlichen Weg.
Buchtipps
• Titel: Vier Schritte in eine gesunde Zukunft (engl. Originaltitel: Changes that heal)
Untertitel: Heilung von seelischen Schmerzen
Autor: Henry Cloud
• Titel: Nein sagen ohne Schuldgefühle (engl. Originaltitel: Boundaries)
Untertitel: Gesunde Grenzen setzen
Autoren: Henry Cloud und John Townsend
• Titel: Von innen nach außen (engl. Originaltitel: Inside out)
Autor: Lawrence J. Crabb
„Gesunde Grenzen zu entwickeln bedeutet Mut und Freiheit – erst wenn wir unsere eigenen Grenzen erkennen und anerkennen, können wir echte Veränderung leben.“