Integrität - Die Treue zu mir selbst
Autor/in: Gabriele Stangl (Krankenhausseelsorgerin, Berlin, D)
Ausgabe: Leben und Gesundheit, Mai/2015 - Integrität
Wie komme ich dazu, Integrität lernen zu wollen?
Vielleicht darf ich mich heute meinen Lesern ein bisschen mehr vorstellen, als es sonst das kleine Kästchen mit Foto und Kurzbeschreibung am Anfang oder Ende eines Artikels tut: Ich heiße Gabriele Stangl, bin von Beruf Pastorin, Pädagogin, Mediatorin und Psychoonkologin in einem kleinen Krankenhaus in Berlin und 54 Jahre alt. Ich liebe meinen Beruf, meine kleine Familie, meine Freunde. Ich denke, ich bin eine ganz gewöhnliche, in die besten Jahre gekommene Frau, die meistens weiß, was sie tut, denkt und was man von ihr erwartet.
Aber ist das wirklich das, was mich ausmacht? Ganz sicher nicht. In so wenigen Sätzen kann keiner erfahren, welche Kämpfe ich, wie wir alle, an jedem Tag mit mir selbst führe, welche Zweifel an mir nagen, was das Glück mit mir tut und worunter ich leide. Solche Aussagen erklären nicht, wie unsere Wertvorstellungen in uns Raum nehmen und unser Tun beeinflussen. Sie sagen nichts darüber aus, wie wir über viele Jahre hinweg erfahren haben, wer wir wirklich sind, wie wir sein wollen und wie wir uns anstrengen müssen, um das zu werden, was man eine gefestigte Persönlichkeit nennt. Nichts davon sagt etwas darüber aus, wie uns unsere Umgebung wahrnimmt (und umgekehrt) und wie wir uns an unserem Umfeld orientieren und uns darin einbringen.
Von klein auf prägten mich die Menschen, die mich umgaben, bis hin zu den Jahren, in denen ich selbst anfing, darüber nachzudenken, wer und was ich bin und sein möchte. Damals begann nicht nur mein Leben, es begannen auch meine Probleme. Auf mehr oder weniger elegante Weise rieb ich mich an den Vorstellungen anderer, steckte den Kopf ein, ließ so manches über mich ergehen – oder aber ich begehrte auf. Alles ziemlich leidvoll! Und auch als ich und andere dachten, ich sei schon erwachsen, war ich mir dieser Zustände gar nicht so sicher. Wer war ich? Warum noch so wenig innerer Halt, wenn ich doch schon als «erwachsen» galt? Wieso so viele schmerzhafte Irrungen und Wirrungen?
Ich hatte mir so viel Mühe gegeben, so zu sein und so zu denken, wie man es von mir erwartete – aber war das ICH?
Die darauf folgenden Jahre der Selbstreflexion waren die wichtigste Zeit meines Lebens. Ich wollte mich selbst erkennen, selbst erleben, über meine Reaktionen nachdenken und daraus für die Zukunft lernen. Ich wollte die Werte, die mich über Jahre geprägt hatten, überprüfen und prüfen, wollte meine inneren Überzeugungen festhalten oder – wenn nötig – verändern. Sehr schnell wurde mir dabei auch bewusst, dass ich mir nur dann selbst treu sein kann, wenn ich auch bereit bin, meine Meinung, falls nötig, zu ändern. Es war der Beginn einer ganz neuen Lebenserfahrung.
Unbestechlich, standhaft und aufrichtig – eine integre Person
Laut Wikipedia ist «persönliche Integrität» als Treue zu sich selbst gekennzeichnet worden. — Integrität ist etwas, wofür eine Person einerseits selbst verantwortlich ist. Andererseits hängt Integrität auch vom Verhalten der Mitmenschen und von den gesellschaftlichen Lebensbedingungen ab. … Die Aussage über einzelne Menschen – sie seien integer – bedeutet, dass diese Personen unbestechlich seien und festen, tief verankerten, ihren wesensgemäßen Werten anhängen, zu denen sie dauerhaft stehen und von denen sie sich nicht abbringen lassen.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie jetzt schon erahnen können, in welches Spannungsfeld wir uns begeben! Denn mein beruflicher Alltag daraus besteht, mit Menschen über das Mensch-Sein im Allgemeinen und im Besonderen zu sprechen, brauchen ich nicht nur auf meine eigenen Erfahrungen zurückzugreifen. Das Leben bietet uns unbegrenzten Stoff.
Unser Leben so zu leben, dass wir jederzeit in den Spiegel schauen können, ist von unschätzbarem Wert.
Den Werten gerecht werden – Ent-Täuschung und positive Entwicklung!
Was sind meine Werte im Leben? Werte sind Prinzipien und wünschenswerte Vorstellungen, die uns vorwärtsbringen und zu einem «besseren» Menschen machen. Ich suchte nach Werten, denen ich vertrauen konnte, und die mich gut und sicher an mein Ziel führen sollten, das ich mir gesteckt hatte.
Wenn wir anfangen, uns in diesem «Spiegel» der Werte, die unverrückbar, richtig und gut erscheinen, zu betrachten, bleibt es nicht aus, dass wir oftmals enttäuscht sind über das, was wir selbst sind, denken und tun. Wie und wofür spreche ich? Lasse ich mich dazu hinreißen, mit Kollegen oder Freunden über jemanden zu spotten oder gar Halbwahrheiten zu erzählen? Setze ich mich für das, was ich für gut und richtig halte, ein, oder schweige ich, vielleicht sogar dann, wenn ich das Zünglein an der Waage bin? Oder bin ich bereit, auch zu dem geradezustehen, was man für richtig hält, auch wenn es nicht der momentanen gesellschaftlichen Lebensweise entspricht? Eine große Herausforderung!
Eine Dame erzählte mir einmal auf ihrem Krankenlager, dass sie sich nicht viel vorzuwerfen habe, AUSSER einer Sache, dass sie sich damals, vor vielen Jahren, nicht gegen ihren Mann stellte, als er die unverheiratete schwangere Tochter aus dem Haus warf. «Die Zeiten waren damals so», hätte sie sich immer wieder zu entschuldigen und zu trösten versucht. Es sei in ihrer Gesellschaft undenkbar gewesen, ein uneheliches Kind im Haus zu haben. Aber sie hatte darüber nie ihren Frieden gefunden. Ihre Tochter wolle niemals wieder etwas von ihren Eltern wissen. Hätte sie doch «auf ihr Herz gehört»…! Ihr Mann schien völlig im Recht zu sein – sein Umfeld hatte ihn in seiner Haltung und seinem Handeln unterstützt – aber war es richtig? «Wer nur auf sein Recht pocht; mag sich in dieser Welt durchsetzen, doch der Friede wird ihm ewig fern sein.» (Thomas Browne)
Integrität und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit (Integration?)
Wir alle wünschen uns, dass wir von unseren Mitmenschen als gute Menschen mit ehrbaren Absichten, tadellosem Benehmen und lobenswerten Taten beurteilt werden! So beugen wir uns manches Mal den Beschlüssen anderer oder passen uns an, auch wenn es uns noch so schwerfällt und wir eigentlich ganz anders zu einer Sache stehen. Wir wollen dazugehören, nicht auffallen. Wir wollen Teil vom Ganzen sein.
Integrität hat nicht mit Streitlust zu tun. Sie bedeutet nicht, dass man rechthaberisch auftritt. Sie heißt, Treue zu sich selbst und den eigenen, geprüften Werten zu bewahren, klar und respektvoll zu handeln – auch dann, wenn Gegenwind kommt und gängige gesellschaftliche Maßstäbe dagegenstehen. Treue zu sich selbst, zu dem, was das eigene Herz und das Gewissen sagen, trägt dazu bei, Frieden mit sich und seinem Leben zu haben. Natürlich wird es Situationen geben, in denen wir mit dieser Haltung anecken. Wenn wir uns selbst treu bleiben wollen, werden wir die Wertvorstellungen einer Gesellschaft nicht unbedacht übernehmen – mit der Folge, dass man uns nicht versteht und unsere Meinung oder unser Verhalten unpopulär sein können.
Jeder von uns weiß, gegen den Strom zu schwimmen kostet Kraft und macht Mühe. Die Angst, als Außenseiter dazustehen, ist nicht schön. Und doch: Wer autonom bleiben will, muss aushalten, dass er nicht allen gefällt – und trotzdem rechtschaffen, aufrichtig, ehrlich, einfühlsam und standhaft handelt.
Randzitat:
Unser Leben so zu leben, dass wir jederzeit in den Spiegel schauen können und uns nicht schämen müssen, feige gewesen zu sein oder das Richtige nicht unterstützt zu haben, ist ein unschätzbarer Wert.
Integrität: ein hohes Gut
… man kann es verlieren, aber wiedererlangen. Ich erinnere mich, dass. ich. als kleines Mädchen meinen jüngsten Bruder dazu anstachelte, unserer Nachbarin - einer Älteren Dame, die mein Vater nicht leiden konnte – ein sehr übles Schimpfwort nachzurufen. Meine Mutter rettete ihn damals davor, von ihr geschlagen zu werden. Selbstverständlich konnte ich nicht zugeben, dass er nur geraten hatte, wozu ich ihn aufgefordert hatte. Aber ER wusste es nur zu genau! Viele, viele Jahre vergingen, und irgendwie löste jener ungeklärte Vorfall immer wieder zwischen uns. Bis ich eines Tages, ohne ersichtlichen Zusammenhang, zu ihm sagte: «Du hattest Recht: Ich habe es dir aufgetragen.» Ein jubelnder Freudenschrei, der sich diesbezüglich freute, war der eine Lohn. Die größere Freude aber erlebte ich, weil ich einen «Mut» gefunden hatte, nach meinem Gewissen die ganze Sache auch nach Jahren noch in Ordnung gebracht zu haben. Kleine Ursachen können eine große Wirkung haben! Es lohnt sich immer, das zu tun, was man tun muss!
Integrität – eine Lebensaufgabe
Die Jahre der Selbsterforschung mit all den dazugehörigen Korrekturen und neuen Erkenntnissen in meinem Leben haben nicht aufgehört. Sie dürfen auch nicht aufhören! Bedeutsam ist doch lebenswegs Wachstum in einem Leben, das Sinn macht. Die Kraft, die Integrität kostet, die Angst, die manches Mal damit verbunden ist, die Frustration, die uns überfällt, wenn wir von uns oder anderen enttäuscht werden, werden überwunden von den Freuden und die Freude übertroffen, die wir jedes Mal spüren, wenn wir uns und unserer Erkenntnis entsprechend gehandelt haben.
Integare Männer und Frauen sind nicht selten die Helden der Geschichte, wenn es darum geht, sich für das Bessere eingesetzt zu haben. Aber sie sind auf alle Fälle das, was man als «Salz der Erde» nennt – für all jene, die mit ihnen leben und sie zu schätzen wissen. Unser Leben so zu leben, dass wir jederzeit in den Spiegel schauen können und uns nicht schämen müssen, feige gewesen zu sein oder das Richtige nicht unterstützt zu haben, ist von un-schätzbarem Wert. Sich vom Applaus der Menschen um uns herum nicht abhängig zu machen, sondern aufrecht auch einmal alleine zu stehen in dem Bewusstsein, dass man so und nicht anders handeln konnte, diese Freiheit wollen wir uns schenken!
„Kleine Ursachen können eine große Wirkung haben! Es lohnt sich immer, das zu tun, was man tun muss.“