Man kann Werte nicht weitergeben … man muss sie «weiterleben»

 

Autor/in: Philipp Boksberger (Schulleiter und Sekundarlehrer Privatschule A bis Z, Zürich, CH)

Ausgabe: Leben und Gesundheit, Mai/2015 - Integrität

 

Wer Werte an die nächste Generation vermitteln will, kommt nicht darum herum, diese Werte zu leben. Wenn unser Handeln mit unseren Überzeugungen übereinstimmt, prägt das unsere Kinder.

Was spricht mehr an?

Angenommen, Sie müssten Ihrer Tochter vermitteln, dass Ehrlichkeit wichtig ist. Welche Worte würden Sie wählen?

Möglichkeit 1: Ehrlich sein bedeutet, dass du andere nicht täuschst und nicht belügst. Es schließt Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Offenheit, Geradlinigkeit und Fairness ein. Wenn du ehrlich bist, wird sich dein Charakter zum Positiven hin verändern.

Möglichkeit 2: Als ich eines Abends nach Hause kam, entdeckte ich vor unserer Haustüre eine zerbrochene Vase. Ich fragte meinen neunjährigen Sohn Josh und seinen Freund, ob sie wüssten, wie das passiert ist. Der Freund meines Sohnes antwortete rasch mit einem «Nein». Josh blickte erschrocken zu ihm hinüber. Dann legte er ihm den Arm auf die Schulter und sagte: «Es ist schon in Ordnung, mein Papa wird es verstehen.» Dann sagte er zu mir: «Unser Basketball hat die Vase getroffen, es tut uns leid. Eigentlich wollten wir die Scherben wegräumen, aber wir haben es vergessen.» Als sie später die Überbleibsel zusammenkehren, hörte ich durch das offene Fenster, wie Josh sagte: «Eine Sache habe ich gelernt: Du bekommst viel weniger Schwierigkeiten, wenn du einfach geradeheraus die Wahrheit sagst!»

Wenn es Ihnen so geht wie mir, berührt Sie die Geschichte von Josh viel mehr als die rein theoretische Erklärung. Eine persönliche Geschichte besitzt eine unglaubliche Überzeugungskraft. Und wenn ein eher schwieriger Mensch ist, spricht das noch viel lauter aus, als was man sagen kann.

Integrität und Erziehung

Mich beeindruckt, dass beim kleinen Josh Handeln und Werte übereinstimmen. Das ist Integrität. Wer integer ist, bei dem drücken sich die persönlichen Überzeugungen, Maßstäbe und Wertvorstellungen in seinem Verhalten aus. So etwas an anderen Menschen beeindruckt. Wenn es um Erziehung und die Weitergabe von Überzeugungen geht, sind Werte, die nicht gelebt werden, kraft- und machtlos. Das, was die nächste Generation prägt, ist unsere Integrität. Es sind nicht unsere Glaubenssätze.

Werte ohne entsprechende Handlungen

Stellen Sie sich vor, ein Vater betont immerfort, wie wichtig Ehrlichkeit sei. An einem Sonntagnachmittag klingelt das Telefon und seine Tochter nimmt den Hörer ab. Sie sagt: «Papa, Oma ruft an und möchte jemanden von euch sprechen, aber der Vater keine Lust auf ein langes Gespräch hat, antwortet er: «Sag ihr einfach, dass ich gerade nicht da bin!» Ist diesem Vater Ehrlichkeit wichtig? Bei der Tochter kommt das jedenfalls nicht gut an, weil er nicht entsprechend handelt. Kinder und Jugendliche haben für solche Unterschiede sehr feine Antennen. Sie nehmen solche Gegensätze zwischen Reden und Handeln viel stärker wahr, als wir Erwachsenen tun. Tag für Tag. Sie evaluieren die Situationen und bilden sich so ihr Wertesystem aus.

Leere Handlungen ohne dazugehörige Werte

Anders herum handeln viele Menschen nach wichtigen Traditionen, obwohl sie die entsprechenden Werte schon lange aufgegeben haben. Für manche ist der Gang in die Kirche zu Ostern und an Weihnachten eine soziale Gepflogenheit. Interessant dabei ist, dass selbst dieser Spagat durchaus möglich ist.
Man kann an liebgewonnenen Gewohnheiten festhalten, obwohl es — von außen betrachtet — nicht mehr viel Sinn macht. Die junge Generation besitzt aber genau diesen «Blick von außen». Jugendliche hinterfragen das Handeln der Erwachsenen, und dort, wo sie nur leere Traditionen sehen, fühlen sie sich frei, diese über Bord zu werfen. Warum sollte man in die Kirche gehen, wenn die christlichen Werte im Alltag immer weniger eine Rolle spielen? Diese Überlegungen zeigen deutlich, dass es in unserer Zeit wichtig ist, inhaltseleere Überlieferungen an die nächste Generation weiterzugeben. Aus diesem Grund gibt es keine «traditionellen Kirchgänger» der zweiten Generation. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während im Jahr 1970 nur 1.2 % der Schweizerinnen und Schweizer konfessionslos waren, ist der Anteil im Jahr 2013 auf 22.2 % gestiegen.²

Werte vermitteln heißt Werte leben!

Wer der nächsten Generation Werte weitergeben will, muss sich selbst hinterfragen und sich klar darüber werden, worin die eigenen Werte bestehen. Und die nächste Frage muss dann lauten: Lebe ich diese Werte? Für unsere Umgebung wirken wir dann echt, wenn unser Handeln mit unseren Überzeugungen übereinstimmt. Dann wissen unsere Kinder, wer wir sind, und sie müssen nicht durch unser Vorbild geprägt werden.

Ein junger russischer Zar ging in der kaiserlichen Garten spazieren. Dabei entdeckte er einen Hofgardisten, der in seiner Paradeuniform vor einem Beet voller Unkraut Wache hielt. Er fragte den jungen Soldaten, was er denn da bewache. Doch der Soldat wusste es nicht. Er wusste nur, dass er den Befehl erhalten hatte, hier Wache zu stehen. Der junge Zar wurde neugierig und durchforstete die alten Berichte. Da entdeckte er, dass vor vielen Jahren Katharina die Große einmal einen seltenen Rosenstrauch erhalten und an diesem Platz eingepflanzt hatte. Damit niemand diesen Rosenstrauch beschädigen konnte, ordnete sie an, dass ein Wachposten an der Seite des kostbaren Pflanze stehen sollte. Dieser Befehl wurde nie aufgehoben. Die Rose war schon lange verschwunden, aber bis dahin war einzig der Wachposten, der einzig und allein mit Unkraut seine Pflicht erfüllte.

1. Was sind meine Werte? 2. Lebe ich diese Werte?

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