«Sprengkraft Wasser» – Eindrücke aus Wüstenreisen
Autor/in: GÜNTHER MAURER (Gesundheitsberater, Pastor und Seelsorger, Zürich, CH)
Ausgabe: März/2018 - Wasser
In der Wüste
Wüsten faszinieren mich enorm. Die Formen und Farben, die Vielfalt in der Kargheit, das Lebendige im scheinbar Toten. Der Besuch bei Beduinen in ihren Oasen oder mitten von reixvolllen Felsformationen hat mich jedes Mal beeindruckt. Die Kunst des Lebens von Menschen und Tieren in für uns so «unlebenswerten» Gebieten zu beobachten und dabei auch ganz krass zu empfinden, was zum Leben unbedingt nötig ist, und zu vergleichen, was wir oft als unbedingt notwendig erachten, können oft nicht gegensätzlicher sein.
Grundbedürfnis
Aber: Wie unterschiedlich die Lagerplätze der Wüstenbewohner auch waren – eins hatten sie als Grundvoraussetzung gemein: Wasser. Manchmal überraschend reichhaltig und sprudelnd, ein andermal sehr dürftig – dafür jedoch gehegt und gepflegt. Wasser hat einen unbeschreiblichen Wert für alles, was lebt.
Die Wüste blüht
Eine Wüstenbegebenheit unter vielen hat mich zutiefst beeindruckt. Schon oft hatte ich gehört, dass die Wüste blühen kann, und so manche Bilder haben dies auch farbenfroh dokumentiert. Dennoch – wenn du selbst mitten in einer Wüste stehst und hauptsächlich von Sand, Geröll oder Steinen umgeben bist und diese Oasen nicht blühendes ausmachen, klingt es sehr unglaublich.
Damals war ich mit einer Gruppe in der Wüste Rum in Jordanien. Faszination pur, wohin auch immer die Augen blicken. Bei diesem Unterwegssein tauchte ich oft Gedanken mit unserem Reisebegleiter aus, der beduinischer Herkunft war. Plötzlich bückte er sich und hob einige für mich unscheinbare kleine Stücke auf. Später gab er diese in einen Becher und bat einen aus der Gruppe, doch ein klein wenig Wasser in diesen zu gießen. Danach stellte er das Gefäß ab. Nachdem er uns viel über die beeindruckende Wüste Rum vermittelt hatte und wir auch mit Jeeps so manchen der besonderen Plätze aufgesucht hatten, fing er plötzlich an zu schwärmen, wie etliche Bereiche in der Wüste nach einem Regen wunderbar blühen. Dann stellte er ganz unerwartet die Frage, ob jemand eine blühende Wüstenblume sehen möchte. Natürlich war jeder daran interessiert. Er nahm den Becher, den er vorher mit den unscheinbaren Stückchen ausgestattet hatte und anschließend mit Wasser hatte begießen lassen, zur Hand und lud jeden ein, hineinzuschauen.
Es war echt staunenswert – ein kleines Wunder. Wir konnten erkennen, wie bereits ganz zarte Blütenansätze sichtbar waren. Solche Samen können oftmals über lange Zeiträume hinweg völlig ausgetrocknet in der Wüste liegen. Erhält dieser jedoch genügend Feuchtigkeit, wird die Trockenheit ausgesperrt, und Leben in vielfältiger Blütenpracht erblüht. Es liegt eine positive Sprengkraft im Wasser, aus manchem Klein in seiner unterschiedlichen Art beiträgt.
Folge von Konflikten
Aber umgekehrt ist Wasser auch eine Sprengkraft, die rasch zu Konflikten und tragischen Auseinandersetzungen beitragen kann. Immer häufiger werden wir mit dem Gedanken konfrontiert, dass der Krieg um Wasser sehr leicht entzündbar ist. Um Rohstoffe wird schon immer gestritten. Da geht es meist um seltene oder sehr begehrte Rohstoffe. Wasser spielte dabei als Rohstoff eine untergeordnete Rolle. Aber immer mehr wird auf die Gefahr von Wasserkriegen hingewiesen, Bevölkerungswachstum und Klimawandel lassen das immer deutlicher zum Vorschein treten. Wasser nimmt merklich an Wert zu. Internationale Verträge versuchen, die Wasserverteilung in bestimmten und gefährdeten Weltgebieten gerecht zu regeln. Aber sobald Pläne für Flussstaudämme, Flusskraftwerke oder Flussableitungen angedacht werden, sind Kriegsszenarien unausweichlich.
Die Wortwahl wird bedrohlich. In gar nicht so wenigen Flüssen der Welt geht es flussabwärts mit dem Leben bergab. Sei es wegen der vermehrten Wasserentnahme im oberen Flusslauf oder durch Gewässerverschmutzung. Krisenforscher warnen davor. Im Wasser liegt Sprengkraft. Ohne Wasser kein Leben.
Dann stellte er ganz unerwartet die Frage, ob jemand eine blühende Wüstenblume sehen möchte.
Wird das Trinkwasser knapp?
Obwohl das für das Leben auf der Erde entscheidende Süßwasser weniger als 3 % der globalen Wasserservoir ausmacht, wäre dennoch ausreichend davon vorhanden. Das Problem liegt eher in der ungleichmäßigen Verteilung, im verschwenderischen Umgang des Menschen sowie in der sich ausbreitenden Verschmutzung. Wasser ist ein schützenswertes Gut. Es wird nur allzu leichtfertig damit umgegangen. Untersuchungen belegen, dass die Menschheit heute 45 Mal so viel Wasser verbraucht wie noch vor 300 Jahren. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation haben weltweit etwa 1.1 Milliarden Menschen keine verlässliche Versorgung mit sauberem Wasser. Millionen Menschen sterben wegen Wasserverschmutzung – vor allem in Entwicklungsländern.
In Fachzeitschriften werden Begriffe verwendet, die früher niemand mit Wasser in Verbindung gebracht hätte: «Wassersstress» oder «Wasser-Fußabdruck».
Ja, im Wasser liegt immer eine Sprengkraft für die gesamte Welt. Ein verantwortlicher Umgang und eine bewusste Wertschätzung des Trinkwassers sind ein Gebot der Stunde.
Wir sind heute eine Gesellschaft, die sehr viel unterwegs ist. Wo immer wir hinkommen, nehmen wir meist unsere Gewohnheiten mit. Auch in Bezug auf die Verwendung bzw. Verschwendung von Wasser. Ich habe mir angewöhnt – abgesehen vom Trinkwasser – mich der normalen Wasserverbrauchsnorm eines Landes, soweit es nur möglich ist, anzupassen.
Wasser und Leben gehören zusammen. Ich möchte auf beides acht haben.
Lebenselixier Wasser
Frisches Wasser ist wie ein Labsal, das die Lebensgeister weckt – genauso wie ein erfrischendes und aufbauendes Gespräch eine Wohltat für Körper, Seele und Geist ist und auch so manches «Vertrocknete» wieder aufspringen und zum Blühen bringen kann.
Wie wahr ist doch das Wort, das Jeremias Gotthelf zutreffend zum Ausdruck brachte: «Ein einiger Mensch, der einem hört, der ein freundliches Wort zu einem spricht, der eine andere Seite in uns anschlägt, eine andere Gedankenerie in uns heraufführt oder nur andere Farben aufträgt statt der schwarzen, welche wir allein noch in Besitz haben, so ein Mensch wird uns zum Engel in der Wüste.»
– Jeremias Gotthelf (1797–1854) war das Pseudonym des Schweizer Schriftstellers und Pfarrers Albert Bitzius.
„Ein verantwortlicher Umgang und eine bewusste Wertschätzung des Trinkwassers sind ein Gebot der Stunde.“