Die heilende Wirkung von Wasser - Anwendungen

 

Autor/in: DR. MED. ACHIM NOLTEZ (Orthopädie und Unfallchirurgie, Chefarzt Sankt Rochus Kliniken, Bad Schönborn, D)

Ausgabe: März/2018 - Wasser

 

Fast jeder hat sich schon einmal einen Finger, den er sich verbrannt hat, mit kaltem, fließendem Wasser gekühlt. Hingegen wärmen wir uns im Winter, wenn es kalt ist, unsere Hände manchmal auch unter fließendem warmen Wasser auf. Aber was hat es eigentlich mit der sprichwörtlichen «kalten Dusche» auf sich? Wie wirkt Wasser, wenn es äußerlich angewendet wird?

Aus Erfahrung

Die Wirkung von Wasser auf unseren Körper ist seit der Erschaffung unseres Planeten ein Bestandteil des Erfahrungswissens von uns Menschen. Bestehend doch unser Planet und unser Körper zu großen Teilen aus Wasser! Schon 2000 v. Chr. gab es Mitteilungen über therapeutische Anwendungen von Wasser und Bädern in Indien, später auch in Griechenland und im antiken Rom. Lange Zeit war Therapie jedoch in Vergessenheit geraten.
Der schlesische Bauernsohn Vinzenz Prießnitz und der schwäbische Pfarrer Sebastian Kneipp entdeckten im 19. Jahrhundert in Europa wieder die Wasseranwendung zu therapeutischen Zwecken, auch Hydrotherapie genannt. Die Faszination dieser Therapieform lag darin, dass man beobachten und erfahren konnte, wie die Anwendung von Wasser mit verschiedenen Temperaturen zu Erfolgen führte. Inzwischen ist die Hydrotherapie anerkannter Bestandteil der modernen Schulmedizin und eine Domäne der physikalischen und rehabilitativen Medizin. Sie hat in den letzten Jahrzehnten im Rahmen der Wellness- und Lifestyle-Welle zunehmend an Beliebtheit gewonnen – auch vor dem Hintergrund, dass unsere Lebenswelten immer mehr Bedingungen schaffen, die für den physiologischen nicht angepasst sind und die uns krank machen.

Wirksame Faktoren

Die Wirkfaktoren der Hydrotherapie sind die Temperatur des Wassers, der hydrostatische Druck, die Auftriebskraft des Wassers sowie dessen Reizveränderstand. Hinzu kommen mechanische Wirkungen (z. B. eines Wasserstrahles) und chemische Wirkungen von Substanzen, die im Wasser natürlich vorkommen oder hinzugefügt werden. Die wesentliche Wirkung von Wasser entsteht durch die Einwirkung von Wärme oder Kälte auf unseren Körper. Wasser hat gegenüber Luft eine um das 1000fache höhere Wärmeleitung und übt dadurch eine viel schnellere und unmittelbarere Wirkung auf unseren Körper aus. Dabei hat die Temperatur des Wassers über die Thermoregulation des Körpers und die damit verbundene Blutumverteilung einen erheblichen Einfluss auf unser Herz-Kreislauf-System. Aber auch der hydrostatische Druck, der beim Eintauchen des Körpers ins Wasser wirksam wird, verursacht eine Verminderung des Blutvolumens.

Thermoregulation

Der Mensch ist ein «Warmblüter», d. h. der reguläre Ablauf seiner Lebensvorgänge ist daran gebunden, dass die Körpertemperatur der Kernbereiche des Körpers innerhalb enger Grenzen von +/- 0,6°C konstant gehalten wird. Durch Mechanismen der Thermoregulation ist der Mensch zur Aufrechterhaltung dieser Kerntemperatur bei einer Umgebungstemperatur der Luft zwischen +3°C und 60°C in der Lage. Im Wasser sind dieser Bereich sehr viel kleiner. So wird Wasser zwischen 34 und 35°C als angenehm empfunden. Die Regulationsmechanismen umfassen die Steuerung der Hautdurchblutung, die Schweißabsonderung und die Wärmebildung, z. B. durch Muskelarbeit. Sie werden im Gehirn durch die Verarbeitung von Informationen der Thermosensoren in unseren Körper gesteuert. Dabei ist die Regulierung der Hautdurchblutung der effektivste Mechanismus und der meist schnell regulierbar Wärmetauscher. Sie kann z. B. beim Übergang von sehr kalter auf sehr warme Umgebungstemperatur um das 20fache ansteigen und bis zu 7-8 Liter bzw. 50-70 % des Herzminutenvolumens betragen. Die Regulierung erfolgt durch den sympathischen Nervensystem gesteuerte Gefäßerweiterung oder -verengung. Die durch Kälte ausgelöste Verengung der Hautgefäße und – läuft im Wasser im für die hier höheren Wärmeleitung gegenüber Luft sehr viel schneller ab. Das gilt ebenso für die Wärmeabgabe, die im Wasser praktisch ausschließlich über Wärmeleitung erfolgt. Die Schweißsekretion ist nur bei nicht im Wasser eingeführte Körperflächen möglich.

Reaktion des Körpers auf kaltes und warmes Wasser

Die Reaktionen des Körpers auf das Eintauchen in kaltes Wasser sind eine schnelle Atmung, die maximale Engstellung der Hautgefäße und ein deutlicher Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz sowie die Konzentration des Blutes auf den zentralen Kreislauf mit vermehrter Volumenbelastung. Beim Eintauchen in Wasser, das wärmer als unser Körper ist, kommt es zur Verschiebung der Blutumverteilung zugunsten der Hautdurchblutung durch Erweiterung der Hautgefäße. Das Schlagvolumen und die Auswurfleistung des Herzens nehmen zu, die Herzfrequenz steigt an, der periphere Gefäßwiderstand nimmt ab. Zusätzlich wirkt der hydrostatische Druck auf den Körper, der zu einer Umverteilung des Blutes von den Beinen in den Oberkörper führt. Das Herzschlagvolumen nimmt um ca. 40 % zu, und die Durchblutung der Organe steigt. Durch die gesteigerte Nierenfunktion muss man auch nach einem Besuch im Schwimmbad vermehrt Wasser lassen. Der Mechanismus der Thermoregulation steht an der Spitze einer komplexen Regelung des Herz-Kreislauf-Systems. In Konkurrenzsituationen dominieren die gefäßerweiternden Mechanismen der Thermoregulation über die Aufrechterhaltung des Blutkreislaufes.

Die wesentliche Wirkung von Wasser entsteht durch die Einwirkung von Wärme oder Kälte auf unseren Körper.

Kurz- und Langzeiteffekte

Der Körper reagiert auf äußere Reize kurzfristig mit einer Gegenregulation. Die thermischen Reize durch Wasser wirken dabei durch die hohe Wärmeleitung des Wassers unmittelbar und schnell. Nach Abklingen eines Kältereizes kommt es nach akuter Gefäßverengung reaktiv zu einer Gefäßerweiterung und einer vermehrten Durchblutung des betreffenden Areals, was sich in einer vermehrten Rötung der Haut äußern kann. Diese Hautrötung kann auch zu einer Umverteilung des Blutvolumens führen. Dabei können die Reize bei der Wasseranwendung und damit die Gegenregulation des Körpers sehr gut dosiert werden. Zum einen ist die gewählte Temperatur beziehungsweise der Temperaturunterschied sehr differenziert in einem großen Bereich einstellbar, zum anderen ist die Lage und Größe der exponierten Körperoberfläche wählbar. Darum sind aufgrund des oben beschriebenen Reaktions-Mechanismus Kaltwasseranwendungen im Bereich des Oberkörpers eher anregend, im Bereich der Beine eher entspannend.

Ein wesentlicher Effekt der Wasseranwendungen liegt in der Langzeitwirkung. Auf wiederholte Reize reagiert der Körper langfristig mit Anpassungen. Ihr Sinn ist es, die Toleranz gegenüber neu aufgetretenen Reizen zu steigen. Bereits innerhalb weniger Wochen wird ein Anpassungsprozess verschiedener vegetativ gesteuerter Funktionen (z. B. Blutdruck und Thermoregulation) ausgelöst, der zu einer Normalisierung der Funktionen führt. So wird durch eine bessere Versorgung der peripheren Durchblutung und damit durch eine verminderte Herzbelastung der Blutdruck gesenkt. Aber auch durch das Training des Regulationssystems der Gefäßkontraktionen findet eine Normalisierung des Blutdruckes statt. Das heißt, zu hohe Blutdruckwerte fallen, zu niedrige steigen an. Diese Normalisierung ist der Grund für eine das Therapieende überdauernde Stabilität der Behandlungsergebnisse. So sind Therapieeffekte nachgewiesen, die das Therapieende zwei Jahre überdauern. Aber auch Adaptationen nicht unmittelbar gereizter Funktionssysteme wie des Magen-Darm-Systems oder des Immunsystems werden über die Nebennieren-Hormone ausgelöst. Auch hier finden über das Einüben von vegetativen Reflexen eine Normalisierung des vegetativen Nervensystems sowie eine Anregung und Aktivierung des Immunsystems statt. Nachgewiesen ist, dass wiederholte Wasseranwendungen auch zu relevanten Veränderungen von psychischen Faktoren, wie z. B. Depressivität und Angst, führen können. Der Mechanismus dieser psychischen Wirkungen ist noch nicht vollständig aufgeklärt. Vermutlich spielen aber Normalisierungen der vegetativen Tonuslage (Spannungszustand des Nervensystems) eine Rolle.
Weitere Langzeiteffekte sind die Verbesserung des Hauttönus und der Hautelastizität, eine muskuläre Entspannung mit Linderung von Gelenksbeschwerden (vor allem bei Wasseranwendungen über 36°C) und eine Entspannung der Bronchialmuskulatur (vor allem bei spastischen Bronchialerkrankungen).

Weitere Vorteile

Gerade bei Gelenkerkrankungen oder nach Operationen an Gelenken, Knochen oder Muskeln ist ein Bewegungstraining im Wasser ideal. Durch den Wasserauftrieb wird das Gewicht des Körpers um bis zu 90 % reduziert. Es ist sozusagen ein Training im fast schwebelosen Zustand möglich. Das entlastet vor allem die Gelenke der Beine. Darüber hinaus kann der Wasserwiderstand im Zuge der Durchführung einer aktiven Übungsbehandlung ausgenutzt werden.

Zusammenfassend

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass bereits durch einfache Wasseranwendungen Langzeitwirkungen auch bei internistischen Erkrankungen (z. B. Bluthochdruck) belegt sind. Einsparungen von Medikamenten sind möglich. Aber auch im Bereich orthopädischer Erkrankungen, speziell an den Gelenken, haben sie ihren Stellenwert. Natürlich sind immer auch mögliche Nebenwirkungen zu beachten, die aber recht präzise eingeschätzt werden können. In der Regel gibt es keine Wasserunverträglichkeiten. Insbesondere die Langzeitwirkung auf das Immunsystem und das vegetative System mit möglicher positiver Beeinflussung von psychischen Faktoren lassen auch ein breiteres Spektrum der Wasseranwendungen zu. Nicht zuletzt ist die Hydrotherapie eine im Vergleich zu anderen Verfahren kostengünstige Therapiealternative oder -ergänzung, die zudem im europäischen Raum fast jederzeit und an allen Orten verfügbar ist.

Nachgewiesen ist, dass wiederholte Wasseranwendungen auch zu relevanten Veränderungen von psychischen Faktoren, wie z. B. Deprissivität und Angst, führen können.
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«Sprengkraft Wasser» – Eindrücke aus Wüstenreisen

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