Vom Umgang mit permanenten körperlichen Einschränkungen
Autor/in: Simon Benz (Dipl. Physiotherapeut FH, eigene Praxis (physiotherapie-benz.ch), Küttigen, CH)
Ausgabe: Februar/2018 - Bewegung
Zu erleben, dass man permanent nicht mehr tun kann, was man zu tun gewohnt war, ist eine einschneidende Erfahrung im Leben und fordert uns heraus. Wenn Funktionen des Körpers nicht mehr möglich sind, betrifft dies den ganzen Menschen, und die Reaktionen der Betroffenen sind oftmals sehr unterschiedlich.
Alterung
Es ist ein natürlicher Vorgang, dass die Leistungsfähigkeit im Leben abnimmt und nicht mehr alle Körperfunktionen optimal ablaufen. Der Alterungsprozess ist normal, kann sich aber ganz verschieden äussern, besonders wenn eine Erkrankung hinzukommt. Bei einem gesunden Lebensstil stehen die Chancen viel besser, länger leistungsfähig und krankheitsfrei zu bleiben. Das Alter ist jedoch nur ein kleiner Bestandteil von Faktoren, die da hineinspielen. Oft sind es Unfälle oder Krankheiten, die zu einer dauerhaften körperlichen Einschränkung führen.
Das Beispiel einer Hüftarthrose
Herr S., 55-jährig, Ingenieur von Beruf und sportlich aktiv (v.a. Langlaufen) bemerkt morgens, wie schwer es ihm fällt, die Socken anzuziehen. Er verspürt dabei Schmerzen in der Leiste. Die erste Stunde am Morgen fühlt sich steif und schmerzhaft an. Längeres Sitzen von mehr als eineinhalb Stunden während der Arbeit tut weh, ebenso das Aufstehen danach. Ein Stehplult hilft ihm, im Beruf leistungsfähig zu bleiben. Beim Spazierengehen beginnt es nach ein bis zwei Stunden in der Hüftgegend zu schmerzen, und Langlaufen ist keine zehn Minuten mehr möglich, sodass er damit pausiert. Viele erkennen erst in ihren eingeschränkten Aktivitäten, dass da wohl etwas mit der Hüfte nicht mehr stimmt.
Die Arthrose…
gehört zu den rheumatologischen Erkrankungen, wobei der Gelenkknorpel abgenutzt wird, bis einmal nur noch Knochen auf Knochen reibt. Dies kann unterschiedlich schnell gehen. Die Symptome entwickeln sich aber gewöhnlich schleichend und äußern sich diffus. Im Verlauf werden die Symptome deutlicher. Anlaufsbeschwerden morgens und belastungsabhängige Beschwerden nehmen zu, und spätestens in der Untersuchung beim Arzt zeigen sich Beweglichkeitseinschränkungen. Im Verlauf steigern sich die Symptome, und die fehlende Flexibilität wird beim Gehen sichtbar, indem sich die betroffene Person mehr nach vorne neigt, was sich wiederum zu Rückenbeschwerden weiterentwickeln kann. Durch die Schmerzen und Schonhaltungen entstehen muskuläre Schwächen, was sich spätestens im Hinken äußert. Durch Schonverhalten kann sich die Leistungsfähigkeit dramatisch reduzieren (Dekompensation), was sich wiederum negativ auf Herz und Lunge auswirken kann. Die Einschränkungen nehmen somit progressiv zu.
Was ist zu tun?
Je nach Verlauf, Alter und eigenen Ansprüchen kann eine konservative Therapie (Physiotherapie, Medikamente) oder eine operative Versorgung in Frage kommen. Hüftbeschwerden aufgrund einer schweren Arthrose können durch die Weiterentwicklung der Hüftprothetik und deren schonender Operation (minimal invasiv) bei optimalem Verlauf bereits sehr gut behandelt werden und schränken die Patienten nicht mehr so stark ein, wie dies noch vor 50 Jahren der Fall war, als man mit den ersten Hüftprothesenoperationen begann.
Auswirkungen auf das tägliche Leben
Beschädigte Strukturen beeinträchtigen Körperfunktionen wie die Beugung und Streckung der Knie. Dies hat wiederum Einfluss auf unsere Aktivitäten, wenn wir vom Stuhl aufstehen, uns hinsetzen oder von A nach B gehen. Werden wir in unserem Alltag auf diese Weise eingeschränkt, leidet automatisch unser Leben in der Gesellschaft und Umwelt (Partizipation). Dies kann sich im Berufsleben, bei der Ausübung von Hobbys oder sonst im sozialen Leben negativ auswirken. Erkennt man, dass sich eine Körperfunktion nicht mehr vollständig zurückgewinnen lässt, tauchen unweigerlich Ängste auf. Die Veränderungen können eine schwere Belastung darstellen. Der Begriff, der sich bei solch einem Geschehen aufdrängt, ist die Lebensqualität.
Durch Schonverhalten kann sich die Leistungsfähigkeit dramatisch reduzieren (Dekompensation), was sich wiederum negativ auf Herz und Lunge auswirken kann.
Was ist Lebensqualität?
Leistung und Funktion sind das eine, Lebensqualität ist das andere. Wenn es darum geht, nachzuvollziehen, wie stark jemand eingeschränkt ist, macht es nicht viel Sinn zu fragen, welche Körperstruktur beschädigt ist. Denn von einer beschädigten Struktur kann nicht immer auf die Stärke der Einschränkung geschlossen werden. Im Gegenteil, es kann sogar zu Fehldeutungen und Verunsicherung führen. Es konnten z. B. bei 20-jährigen Rekruten, die keine Beschwerden hatten, degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule nachgewiesen werden. Auch Patienten mit Meniskusschäden oder gerissenen Kreuzbändern können unter Umständen ohne Operation wieder normal ihren Beschäftigungen nachgehen. Der Körper vermag oft sogar strukturelle Schäden auszugleichen, ohne dass wir uns der Schäden bewusst sind. Nach Verletzungen kann zum Teil mit angemessener Übung die Funktion aktiv wiedererlangt werden.
Wir müssen also nicht von der Struktur, sondern von den eingeschränkten Aktivitäten und der Partizipation ausgehen, um einen Eindruck davon zu erhalten, inwiefern jemand eingeschränkt ist. Sogar aus medizinischer Perspektive kann es manchmal schwerfallen, nachzuvollziehen, weshalb jemand unter einer leichten Einschränkung leidet und andere mit größeren und einschneidenden Einschränkungen zufrieden sind. Dies hat damit zu tun, dass Lebensqualität ein subjektiv empfundenes Gefühl darstellt und individuell unterschiedlich empfunden werden kann. Sie hat mit dem körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefinden zu tun und wird weniger von materiellen Wohlstand als von immateriellen Faktoren wie Glück und Zufriedenheit geprägt.
Somit sollte unser Verständnis größer sein, wenn wir es mit unterschiedlichen Verhaltensweisen von Menschen aus unserem Umfeld zu tun haben. Pauschale Beurteilungen sollten vermieden werden wie zum Beispiel: «Herr B. hat ja nur …», «wie ist er sicherlich arbeitsfähig denn …», «ich kenne jemanden, der das Gleiche hatte und da geht es schließlich auch …», «es ist ja nicht so schlimm …», «es könnte ja noch schlimmer sein …».
Praktische Umsetzung:
1. Realistische Ziele setzen
Nur wer sich Ziele setzt, kann diese auch erreichen. Formulieren Sie sich Ihre Ziele schriftlich und überprüfen Sie sich zur Zeit. Ihre Einschränkungen müssen Sie annehmen können, doch auch die Motivation in sich finden, das volle Potenzial von dem, was noch möglich ist, auszuschöpfen. Z. B.: Was ist Ihre aktuelle Gehstrecke? Wie weit möchten Sie in drei Monaten gehen können?
2. Heimprogramm durchführen
Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit, um aktiv zu üben. Üben Sie die Körperfunktionen (z. B. Beweglichkeit der Schultern, Kraft der Beine), aber auch die Aktivitäten (z. B. Haare zusammenbinden), ausgehend. Machen Sie Ihr Heimprogramm zur Gewohnheit und versuchen Sie, unterstützende Tätigkeiten ebenfalls in den Alltag einzubauen (z. B. Treppensteigen). Lassen Sie sich nicht entmutigen und bleiben Sie realistisch, wodurch Sie noch mehr eingeschränkt werden (z. B. verstärkte Muskelschmerzen).
3. Partizipation fördern
Seien Sie mutig. Soweit wie möglich, am sozialen Leben teil. Machen Sie Dinge, die Ihnen Freude bereiten. Planen Sie diese Dinge aktiv.
4. Agieren statt nur reagieren
Bestimmen Sie aktiv Ihr Leben und lassen Sie nicht die Krankheit Ihr komplettes Leben bestimmen. Lassen Sie sich nicht in die Opferrolle hineindrängen, sondern schauen Sie auf die Dinge, die Sie können und bei denen Sie Fortschritte erzielen.
5. Positive Gedanken pflegen
Achten Sie auf Ihre Gedankenwelt. Beschäftigen Sie sich mit Dingen, die Ihrer Gedanken positiv beeinflussen und Ihnen Zuversicht schenken. Pflegen Sie Dankbarkeit und Wertschätzung! Auf diese Weise können Sie gerade wegen der Einschränkungen eine Ermutigung und ein Vorbild für andere sein.
„Der Körper vermag oft sogar strukturelle Schäden auszugleichen, ohne dass wir uns der Schäden bewusst sind.“