Die Egoismus-FalleMacht Nächstenliebe krank?
Autor/in: Luise Schneeweiss (Redakteurin und Autorin, Bogenhofen, A)
Ausgabe: Juni/2017 - Beziehungen
«Liebe deinen Nächsten wie dich selbst».
Man sollte meinen, dieser Vers aus der Bibel, der zu den bekanntesten Lebensweisheiten der Welt gehört, sei überaus bekannt und eigentlich auch selbsterklärend. Und doch löst er oft Diskussionen aus.
Ist doch jeder «sich selbst der Nächste»?
Im österreichischen Wahlkampf propagierte ein rechtsnationaler Politiker auf seinen Wahlplakaten: «Liebe deine Nächsten!» – für mich sind das unsere Österreicher. Ein absurder und peinlicher Missbrauch dieses Textes hätte kaum geschehen können. Das Zitat kommt schließlich aus dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter, in dem es darum geht, nicht nur seinem Landsmann, sondern einem Fremdling und Feind zu helfen! Da hätte man wohl besser noch einmal nachgelesen! (Lukasevangelium Kap. 10, Verse 25–37)
Andere leiten aus dem bekannten Motto die folgende, recht modern klingende Botschaft ab: Es geht nicht nur um Nächstenliebe, sondern auch um Selbstliebe («… wie dich selbst»). Bevor du andere lieben kannst, musst du erst einmal lernen, dich selbst zu lieben. Also kümmere dich zuerst um deine Bedürfnisse, und dann kannst du aus dem Überfluss deines Wohlbefindens auch anderen etwas Gutes tun. (Natürlich nur, solange es dir selbst gut tut). Schließlich willst du doch nicht als Burn-out-Fall enden, weil du nur an andere und nicht an dich gedacht hast! Der Grundsatz lautet: «Ich muss zuerst auf mich schauen.» Wer es mit der Nächstenliebe übertreibt, wird krank! Klingt schlüssig – aber stimmt das auch?
Die beiden Beispiele zeigen, wie es uns recht gut gelingt, einen Grundsatz so lange zu biegen, bis er in unser heutiges Weltbild passt und all seine Radikalität verliert. Wenn wir unsere Gesellschaft genau betrachten, findet sich wohl eher eine dramatische Zunahme des Egoismus als der Selbstlosigkeit. Die meisten scheinen keinen Nachhilfeunterricht dabei zu benötigen, ihren eigenen Vorteil im Auge zu behalten. Immer weniger Menschen sind dazu bereit, sich für das Gemeinwohl einzusetzen, für Kinder, Alte oder Kranke zu sorgen, Zeit in Menschen zu investieren statt in die Karriere oder vom eigenen Wohlstand etwas abzugeben. Aufgrund der vorherrschenden Sicht wird diese Abgrenzung als das einzig richtige und vernünftige Verhalten gesehen. Am Ende ist sich eben doch «jeder selbst der Nächste».
Krankhafte Selbstaufopferung
Was ist los mit jenen Menschen, die tatsächlich daran zugrunde gehen, dass sie nur noch für andere da sind und sich selbst dabei verlieren? Woran liegt es bei ihnen, dass sie so erschöpft sind, dass sie an ihre Grenzen kommen? Muss uns das nicht zu denken geben? Die Arbeitsbedingungen in vielen sozialen Berufen, aber auch manche Familiensituationen, bringen viele an die Grenzen ihrer Belastbarkeit – und darüber hinaus! Man kann sich verausgaben, überschätzen und seine eigene Gesundheit gefährden. (Das trifft sowohl auf die ehrgeizigen Workaholics zu, der noch mehr Gewinn erzielen will, als auch auf den gutherzigen Kollegen, der nie «nein» sagen kann). Auch andere Ursachen spielen mit hinein. Manch einer kompensiert emotionale Defizite (z. B. aus der Kindheit) durch einen pausenlosen Einsatz für andere, immer in der Hoffnung, dadurch Annahme und Liebe zu erhalten. Und das ist nicht nur unglücklich und wertvoll zu finden. Andere wollen sich über das Tun des Partners durch völlige Selbstaufgabe und Unterwürfigkeit schützen.
Langfristig geht die Rechnung nicht auf. Aber wir sind wir davon sicher alle immun oder wenigstens unverwundbar? Wie oft vergessen wir, dass auch wir selbst Bedürfnisse haben, die wir nicht unbegrenzt ignorieren dürfen? Ja, wir können unsere Grenzen ausweiten. Aber unsere Grenzen liegen. Wer zu wenig Selbstachtung besitzt, neigt außerdem dazu, sich von unverantwortlichen Personen ausnutzen zu lassen und damit deren Eigennutz Vorschub zu leisten. Auch das kann man kaum gesund nennen und in diesem Zusammenhang leichteste Nächstenliebe bezeichnen.
Doch kann es sein, dass uns diese Beobachtungen so real und zutreffend sie sind, in ein ganz anderes Extrem treiben, das noch gefährlicher ist? In die Egoismus-Falle? Kann es sein, dass es nicht der Einsatz für andere ist, der uns krank und unglücklich macht, sondern etwas anderes?
Kann es sein, dass Selbstverwirklichung heute als das höchste Persönlich- keitsrecht propagiert wird?
Gefährliche Gedanken
Was macht krank? Die bewusste Entscheidung, eigene Pläne zurückzustellen, um sich für die Familie, ein wichtiges Projekt oder einen Bedürftigen Menschen einzusetzen? Ist es jede Form der Zuwendung und Hingabe, die sich körperlich oder seelisch negativ auswirkt? Ist jede Form der Zuwendung und Hingabe, die sich körperlich oder seelisch negativ auswirkt? Ist es das höhere Maß an Einsatz, das mich kaputtmacht? Oder sind es bestimmte Gedanken, die sich mit der Zeit einschleichen können?
«Und wo bleibe ich?»
«Niemand dankt es dir.»
«Du wirst nur ausgenutzt.»
«Ich verachte dich so viel.»
«Du haben das gar nicht verdient.»
«Jeder leistet so viel wie ich.»
«Wie komme ich eigentlich dazu?»
«Alle nehmen das für selbstverständlich.»
«Ich opfere mich auf.»
«Lass dich nicht verheizen.»
Wenn der Sinn meines Einsatzes verloren geht; wenn Neid auf diejenigen aufkommt, die sich von allen Aufgaben fernhalten; wenn Selbstmitleid entsteht, weil ich auf so vieles verzichte und es keiner schätzt … dann wird meine Selbstlosigkeit scheitern. Solche bitteren Gedanken können alle Motivation und Freude am Dienst für andere lahmlegen. Die Egoismus-Falle schlägt zu!
Kann es sein, dass es früher ganz normal war, für andere zu sorgen, sich in einem Verein einzusetzen oder mit den Kindern zu Hause zu bleiben, während man heute meint, damit eine unzumutbare Bürde auf sich zu nehmen? Kann es sein, dass Selbstverwirklichung heute als das höchste Persönlichkeitsrecht propagiert wird und jede Einschränkung, die zum Leben gehört, als unnatürlich gilt?
Mehr als erwartet
Kommen wir noch einmal zum Barmherzigen Samariter zurück. Vielleicht haben Sie den Text anfangs schon nachgeschlagen (Lukasevangelium Kapitel 10). Wie kommt der gütige Herr dazu, dem Verwundeten zu helfen? Gab es da keine Landstraße, die das hätten tun können? Zwei waren ja schon vorbeigekommen. Das hier war doch außerdem ein Feind. Der wusste es gar nicht zu schätzen oder würde ihn noch in den Rücken fallen.
Und dann, als er sich schon dazu herabgelassen hat, diesen Mann aufzunehmen und sogar seine Wunden zu versorgen, (man ist ja kein Unmensch!), musste es wirklich sein, ihn zu einem Wirt zu bringen und die Kosten der Behandlung für ihn zu übernehmen? Das kann man wirklich von niemand erwarten. Und nicht nur das: Sogar noch einmal zurückkommen, um die noch nicht abgerechneten Kosten auch noch zu begleichen. Der ist eine ganze Reiseplanung verändert. Was hätte er in dieser Zeit alles erreichen können! Was hat er alles riskiert! Und das Geld – er erkennt den anderen nicht einmal! Für uns heute vermutlich ein Helfersyndrom!
Unser Samariter hätte viele Gründe gefunden, seine Hilfsbereitschaft herunterzufahren. Niemand hätte es ihm verübelt. Keiner hätte von ihm etwas erwartet. Aber liebt diese Welt nicht von all den Menschen, die Erwartungen übertreffen? Denen Sie an einen Menschen, der Ihr Leben maßgeblich positiv geprägt hat. Was für diese Person zufällig selbstlos für andere tat? Es würde mich nicht wundern!
Eine Quelle der Zufriedenheit
Wer der Egoismus-Falle widersteht und die entmutigenden Gedanken erfolgreich zurückweist, hat einen Schlüssel in der Hand: Er findet das «Geheimnis des Glücks». Dieses Geheimnis ist ein anderes, ebenfalls sehr bekanntes Bibelwort, das auf Jesus selbst zurückgeht (Apostelgeschichte Kapitel 20, Vers 35). Jesus sagt: «Geben macht glücklich». Wer sucht nicht nach Glück und Zufriedenheit? Viele meinen, es nur dort zu finden, wo sie eigene Interessen vehement vertreten oder wo sie und Nöte anderer abgrenzen. Doch es kommt hinter den üblichen Blickkisten zu einem überraschenden Befund: Je größer die Sinnlosigkeit und Unzufriedenheit ist, umso mehr Einsatz für andere, natürlich in Maßen und anders aus eigenem Mittel, aber doch liebevoll motiviert, letztlich doch. Warum wir uns nicht davon abhalten!
„Bevor du andere lieben kannst, musst du erst einmal lernen, dich selbst zu lieben.“