Was ist Wahrheit und wenn ja, wie oft?

 

Autor/in: Manfred Senn (Theologe, Werber und Gestalter, Winterthur, CH)

Ausgabe: Mai/2017 - Integrität

 

Neulich las ich in einer seriösen lokalen Tageszeitung einen Artikel über einen wilden Wolf, der in letzter Zeit bei uns in der Gegend gesichtet worden war und wohl auch einige Schafe gerissen hatte. Laut Zeitung hatte der Wolf das Rudel im hiesigen Wildpark entdeckt und sich mit einem kühnen Sprung über das Gehegegitter dem Rudel angeschlossen. Anscheinend ging das ganz unblutig vonstatten, und die Zooverwaltung plante mit DNS-Proben die Herkunft des neuen Wolfs im Gehege zu klären. Ich war schon dabei, die Geschichte begeistert meiner Frau zu erzählen, als mir das Datum des Tages wieder durch den Kopf ging: Es war der 1. April. Das war wohl die harmlose Variante von Fake News.

Was ist Wahrheit und wer kennt sie?

Bei der Wahrheit verhält es sich oft so wie mit dem Licht. Es gibt einen sichtbaren und einen unsichtbaren Bereich. Beim Licht ist es so, dass unser Auge einen großen Bereich des Lichts wahrnehmen kann. Allerdings kann es kein ultraviolettes Licht sehen, und auch Infrarot bleibt unseren Sinnen verborgen.

Manche Menschen sind zusätzlich noch farbenblind und können gewisse Farben nicht unterscheiden.

Nach einer gängigen Definition von Wahrheit (Wahrheit ist die Übereinstimmung einer Aussage mit der Wirklichkeit) klingt es eigentlich ganz einfach, die Wahrheit zu erkennen. Man muss nur schauen, wie die Wirklichkeit aussieht, dann sieht man ja die Wahrheit. Aber was, wenn die Wahrheit komplexer und schwieriger ist, als wir sie uns vorstellen können? Was, wenn die Aussagen etwas betreffen, was weit weg oder aus einer anderen Zeit ist? Wie können wir jetzt die Wahrheit erkennen? Liegt sie nicht außerhalb unseres sichtbaren Spektrums?

In der Wissenschaft kommt dies immer wieder vor. Da machen Wissenschaftler Aussagen, die der Rest der Wissenschaftler die nächsten Jahrzehnte oder Jahrhunderte zu beweisen oder zu widerlegen versucht. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Idee von Charles Darwin, dass sich alles Leben ständig an die Umstände anpasst und nur die stärksten Formen überleben. Das gilt der Wissenschaft bis heute als Grundlage zur Erklärung der Entstehung aller Arten von Leben. Tatsächlich konnte bisher aber noch kein Mensch Millionen von Jahren in der Zeit zurückreisen, um die wirklichen Umstände durch Beobachtung als wahrhaftig zu bestätigen. Reicht es mir jetzt zu wissen, dass die Wissenschaftler das durchaus ehrlich meinen und zutiefst von ihren Aussagen überzeugt sind? In diesem Fall gehen wir eigentlich immer davon aus, dass das, was wir glauben, das Richtige ist. Unser a priori Wissen (das zunächst ohne Erfahrung ist) gibt den Ausschlag darüber, was wir für Wahrheit halten. Das ist ganz natürlich so, und das sollte uns auch nicht zu sehr beunruhigen.

Wie viel Wahrheit will ich kennen?

Ein weiterer Gedanke zu Wahrheit und unserer Integrität sollte uns jedoch mehr zu denken geben: Die Frage, wie viel von der Wahrheit will ich wirklich erkennen? Das ganze Ausmaß der Umweltverschmutzung oder die Folgen meines Lebensstils: Ich will das gar nicht wissen, denn das würde mich krank machen. Erzählen Sie zum Beispiel Ihrem Kind nicht, dass das Lamm, das Sie gerade auf dem Teller haben, letzte Woche noch ein glückliches Leben auf einer saftigen Weide führte und von Kindern gestreichelt und geliebt wurde.

Die Folgen für Ihre Familie und Sie selbst könnten sehr ernst sein. Können wir die «ganze Wahrheit» überhaupt verkraften? Ich überlasse es Ihnen, ob Sie diesen Gedanken auf eine eigene Verantwortung verteilen möchten, und widme mich dem nächsten wichtigen Gedanken.

Woran erkennt man die Unwahrheit?

«An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen», sagt schon die Bibel. Auch wenn dieses Buch selbst manchmal in Frage gestellt wird, lässt mich die Weisheit dieser Aussage glauben, dass der Schreiber damit Recht haben könnte. Sie beurteilen die Kernsätze nicht bei der Beurteilung einer Nachricht: Wem nützt diese Aussage? Wir kennen verschiedene Arten von eher unzuverlässigen Quellen: Politiker im Wahl kampf. Was da oft gesagt wird, kann man getrost in die Kategorie «Propaganda» einordnen. Spätestens, wenn die gewählten Personen von der Realität des politischen Alltags eingeholt werden, erkennt man, was vom Wahlkampfversprechen übrig geblieben ist.

Eine weitere tendenziell unzuverlässige Quelle sind Firmen. Hier ist die Wahl der veröffentlichten Informationen kommerziellen Zielen untergeordnet, d. h. es geht nicht um Wahrheit (auch wenn nicht gelogen wird), sondern darum, jene Wahrheit zu erzählen, die dem Unternehmen nützt.

Sowohl Politiker als auch Firmen müssen sich ihre Zuverlässigkeit erst verdienen. «Ad fontes» (lateinisch für «Zurück zu den Quellen») ist ein Prinzip der Wissenschaft. Wahrheit lässt sich nicht anhand von Aussagen über die Wahrheit beweisen, man muss sie selbst sehen können, ihr auf den Grund gehen, am besten noch sie empirisch überprüfen. Leider ist das heute gar nicht mehr so einfach. Wenn pro Minute auf Youtube 400 Stunden Film hochgeladen werden, dann handelt es sich beim größten Teil davon um harmlose Katzenvideos, aber wer kann schon überprüfen, was im Rest davon gesagt wird? Auch bei Facebook-Postings fehlt die Quellenangabe. Hier empfehle ich den Grundsatz: Wenn steht: «Ganz wichtig, bitte sofort teilen!», dann sollte man den Eintrag ignorieren oder zumindest mit unbesehenem Weiterleiten warten.

Außerdem gilt für mich die Prämisse: Wenn Erklärungen nur eine Emotion und keine Lösung für die Welt liefern, dann ist man mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Holzweg. Natürlich ist es bequem, einen Schuldigen für die Misere der Welt zu haben, aber es waren ganz sicher nicht die Juden oder die Flüchtlinge – alles berüchtigte Opfer zur Erklärung von allerlei Missständen. Die Welt ist nicht so einfach zu begreifen, und die Wahrheit hat viele Facetten, die zu kennen ich mir nicht zu behaupten erlaube. Selbst meine subjektive Erfahrung ist eben genau das: subjektiv.

Wie der amerikanische Politiker Daniel Patrick Moynihan einmal bemerkte: «Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten.» (Zitiert in NZZ Feuilleton von Jan-Werner Müller, 8.2.2017.)


So erkennen Sie Fake-News

Mit diesen einfachen Fragen und Tipps kommen Sie falschen News auf die Spur:

Nicht gleich alles teilen und kommentieren

Um nicht selbst Fake News zu verbreiten, empfiehlt es sich, nicht gleich alles weiterzuverbreiten, was im Internet steht und einen aufregt. Fake News zielen genau auf die Emotionen der Menschen und auf die schnelle Verbreitung mittels «Share»-Button ab. Prüfen Sie, welche Seite Sie da öffentlich teilen, sonst könnte es im Freundeskreis schnell peinlich werden.

Wer ist der Absender?

Wenn politische Parteien, Regierungsmedien, Firmen oder Menschen, die etwas verkaufen wollen, Nachrichten veröffentlichen, haben sie immer ein Eigeninteresse. Das ist dann kein Journalismus, sondern PR (kommerziell) oder Propaganda (politisch). Es ist also wichtig zu wissen, wer eine Nachricht verbreitet und wer das Medium finanziert. Gibt es keine klar erkennbare Adresse auf einer Website, dann sollte man sie gar nicht erst lesen.

Handelt es sich um eine Nachricht oder eine Meinung?

Nachrichten sollen frei von Meinung möglichst sachlich über das Geschehen berichten. In einem Kommentar bezieht ein Journalist ganz bewusst Stellung. Da gibt es klare Regeln und einen Kodex, dem Journalisten verpflichtet sind. Außerdem gilt die Faustregel: Je lauter und meinungsstärker eine Überschrift, desto geringer ist ihr Wahrheitsgehalt.

Handelt es sich um Satire oder Fake News?

Satire ist eine Kunstform, die die Wahrheit bewusst überspitzt und ironisch berichtet. Zum Beispiel «Der Postillon» oder Jan Böhmermann. Beide arbeiten mit satirischen Mitteln und gnadenloser Übertreibung. Absender von Fake News versuchen aber in der Regel zu verstuschen, dass eine Nachricht erfunden ist, und tarnen sie auch optisch als ganz normale Meldung.

Werden Quellen genannt?

Es genügt nicht, einfach etwas zu behaupten. Als Journalist muss man immer auch darlegen, woher man das weiß. Bestenfalls hat man gleich mehrere Quellen. Und diese Quellen müssen genannt werden, damit man die Meldung überprüfen kann. Grenzfälle sind aktuelle Nachrichten, zu denen es noch wenige oder keine gesicherten Quellen gibt. Ist das der Fall, wird zumindest erwähnt, dass es sich bislang noch um eine Vermutung und keine gesicherte Erkenntnis handelt.

Googeln!

Erste Anlaufstelle zur Überprüfung des Wahrheitsgehalts einer Aussage ist heute sicher Google. In der Regel entdeckt man sehr schnell, wie verbreitet eine Meldung ist und ob sie sich auch schon hinterfragt wurde.

Hoaxsearch.com

Auf der Internet-Seite Hoaxsearch kann man mit ein paar Stichwörtern herausfinden, ob eine bestimmte Meldung eine bereits bekannte Fake News ist.

Wenn Freunde Fake News verbreiten

Sprechen Sie sie darauf an, fragen Sie, ob sie die Quelle geprüft haben. Für viele Menschen ist es ein Lernprozess, Nachrichten und Wahrheit von interessengesteuerter Kampagne zu unterscheiden. Wo immer gezielt gegen Minderheiten aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Sexualität gehetzt wird, sollte man besonders aufmerksam sein und das auch an Facebook melden.

(Frei nach: http://www.nzz.ch/der-wahrheit-oder-fake-so-ueberprueft-man-fake-news/)

Natürlich ist es bequem, einen Schuldigen für die Misere der Welt zu haben, aber es waren ganz sicher nicht die Juden oder die Flüchtlinge - alles berüchtigte Opfer zur Erklärung von allerlei Missständen.
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