Herausforderung Erziehung –Verhalten steuern oder Werte vermitteln?

 

Autor/in: Christian Frei (Erwachsenenbildner und Lebensberater, Aarwangen, CH)

Ausgabe: Leben und Gesundheit, März/2015 - Prioritäten

 

Ich gebe es offen und ehrlich zu …

Manchmal ist mir als Vater das wichtigste «erzieherische Ziel», meine Ruhe zu haben – besonders während meines «heiligen» Mittagsschlafs, wenn ich gerade so schön am Dösen bin und der laustarke Streit meiner Kinder akustisch immer «näher» kommt und zu meinem Bewusstsein durchdringt. In solchen Situationen ist es schon vorgekommen, dass ich wie eine Furie aus dem Schlafzimmer stürmte, um den Streit sofort mit all meiner «väterlichen Autorität» zu unterbinden und meine Kinder in ihre Schranken zu weisen. Endlich ist wieder Ruhe eingekehrt. Ah, tut das gut! Zufrieden habe ich meinen zweiten «Siestaversuch» gestartet. Aber irgendwie kam ich innerlich nicht mehr zur Ruhe.

Mich beschäftigte die Frage: Was haben meine Kinder soeben von mir gelernt? Der Stärkere gewinnt (in diesem Fall der Papa)? Oder vielleicht: Streiten ist schlecht, weil es andere stört; lösen kann man Konflikte sowieso nicht? Im besten Fall habe ich mich durchgesetzt und ihr Verhalten verändert. Ist es mir aber gelungen, ihnen etwas von dem mitzugeben, was ihnen auf ihrer zukünftigen Lebenswanderung weiterhilft? Wahrscheinlich nicht.

Das oberste Ziel wahrer Erziehung?

Zukunfts- und wachstumsorientierte Erziehung hat nicht nur das Verhalten unserer Kinder im Auge. Sie will unsere Kinder auch nicht nach dem Motto dressieren: «Hauptsache, sie zeigen in den verschiedensten Lebenslagen das richtige Verhalten.» Erziehung ist mehr, viel mehr. Erziehung ist Hilfe zur Selbsthilfe. Wahre Erziehung will dem Kind helfen, sich mit zunehmendem Alter immer mehr selber zu steuern, sich selbst zu erziehen. Das oberste Ziel wahrer Erziehung ist mehr, als bloß das «richtige Benehmen» im Kind hervorzubringen, sondern das Lernen von Fertigkeiten, die für ein glückliches und erfülltes Leben in der Gesellschaft erforderlich sind. Ein chinesisches Sprichwort besagt: «Gib einem Bettler einen Fisch, so ist er einen Tag lang. Bring ihm das Fischen bei, und er ist sein Leben lang.»

Wie sieht dieses «Fischen», das unsere Kinder erlernen sollen, aus? Welche Fertigkeiten wollen wir unseren Kindern mit auf den Lebensweg geben? Sicherlich gehören folgende dazu:

  • Selbstreflexion und realitätsnahe Selbstwahrnehmung

  • erfolgreiches Problemlösungsverhalten

  • Treffen guter Entscheidungen

  • kritisches und selbstständiges Denken

  • Aufbau und Pflege tragfähiger Beziehungen

Deswegen dürfen wir Eltern in der Hektik und in den herausfordernden Situationen des Erziehungsalltags den Blick für die übergeordneten und langfristigen Ziele nicht aus den Augen verlieren.

Dabei helfen mir diese zwei Fragen immer wieder:

a) Wie sieht die gegenwärtige Situation, das aktuelle Problem, mit den Augen meines Kindes aus? Diese Frage hilft mir besser zu verstehen, welche Fertigkeiten und Werkzeuge mein Kind jetzt braucht.

b) Welche Lernerfahrung wünsche ich mir für mein Kind? Welche Fähigkeit soll anhand der jetzigen Situation gelernt und gestärkt werden?

Was ist auf dem Weg nötig?

Zu einer erfolgreichen «Lebenswanderung» braucht es aber nicht nur die sogenannten Fertigkeiten, die sich mit gutem Schuhwerk, wetterfester Bekleidung und einer guten Kondition vergleichen lassen. Damit unsere Kinder auch am Ziel ankommen können, benötigen sie eine Karte und einen Kompass. Sie brauchen Werte, die ihnen vor Entscheidungen und an den Wegbiegungen des Lebens Orientierung geben. Was nützen ihnen eine tolle Wanderausrüstung und ein durchtrainierter Körper, wenn sie doch in die falsche Richtung laufen?

Meines Erachtens sprechen wir in der Erziehung viel zu viel über erwünschtes oder unerwünschtes Verhalten und viel zu wenig über Werte. Wer werteorientiert erzieht, sagt seinen Kindern nicht nur, welches Verhalten er sich wünscht und gegebenenfalls erwartet, sondern erklärt auch, warum und wieso! Elterliche Anweisungen werden von Kindern viel weniger als eine Machtdemonstration oder willkürliche Einschränkung empfunden, wenn die Eltern sie begründen und in einem respektvollen und liebevollen Ton mitteilen.

So könnte man es auch machen …

Eine werteorientierte Erziehungshaltung könnte in der anfänglich beschriebenen Situation (Papa möchte Mittagsschlaf halten und die Kinder streiten sich lautstark) folgendermaßen aussehen:

  1. Ich teile meinen Kindern in einem ruhigen Ton mit, wie sehr mich die Lautstärke ihrer Auseinandersetzung während meines Mittagsschlafs stört, und bitte sie, auf mein Bedürfnis nach Ruhe Rücksicht zu nehmen, die Lautstärke zu drosseln und allenfalls die Tür zum Kinderzimmer zu schließen. Der Wert, der so angesprochen wird, ist der Wert der gegenseitigen Achtung und des respektvollen Eingehen auf die Bedürfnisse des anderen.

  2. Ich unterbinde nicht sofort den Konflikt, sondern spreche ihn an und helfe meinen Kindern, diesen konstruktiv zu lösen: Worum geht es gerade? Worin seid ihr euch uneinig? Wie könnte eine für beide Seiten faire Lösung aussehen? Kann ich euch helfen, eine Lösung zu finden?
    Auf diese Weise lernen meine Kinder, dass nicht der Konflikt an sich problematisch ist, sondern die Art, wie wir damit umgehen. Konflikte sind wichtig und haben ihre Berechtigung, wenn wir konstruktiv damit umgehen. Darüber hinaus bekommen die Kinder die Möglichkeit, Konfliktlösungen zu üben.

Kompass und Karte

Eines Tages werden meine Kinder ausfliegen und das elterliche Nest verlassen. Ich werde ihnen die vielen Entscheidungen, vor die sie gestellt werden, nicht abnehmen können. Mein Wunsch ist, dass ihnen die Werte, die wir ihnen vorgelebt und mit ihnen besprochen haben, «Kompass und Karte» auf ihrer Lebenswanderung sind. «Values are not taught but caught»: Werte kann man nicht dozieren, sie müssen vorgelebt werden. Deswegen fängt die Erziehung unserer Kinder bei uns selbst an. Jemand hat einmal gesagt: «Warum sollen wir unsere Kinder erziehen, sie machen ja doch alles nach.»

Ich wünsche Ihnen den nötigen Abstand vom Erziehungsalltag und Momente der Ruhe, um über die Werte nachzudenken, die Sie Ihren Kindern mit auf den Lebensweg geben wollen. Eine Karte und ein Kompass erleichtern ungemein die Reise.

Wichtige Werte für die Kindererziehung:

  1. Respekt und Achtung

  2. Verantwortungsbewusstsein

  3. Selbstbeherrschung und Mäßigkeit

  4. Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit

  5. Güte und Mitgefühl

  6. Zufriedenheit und Dankbarkeit

  7. Geduld und Ausdauer

  8. Friedfertigkeit und Demut

  9. Loyalität und Treue


Aus: Donna J. Habenicht, Wie man Kindern Werte vermittelt, Advent-Verlag

Werte lassen sich nicht lehren wie Schulstoff – Kinder übernehmen vor allem das, was ihnen vorgelebt wird.
Zurück
Zurück

Die Bedeutung des Optimismus für unsere Gesundheit

Weiter
Weiter

Die Macht der Werbung – Wie wir verführt werden und wie wir uns schützen können