Großfamilie? Familie?Festhalten – es gelingt!

 

Autor/in: Nora Junod ( Sprachlehrerin, Mutter und Großmutter)

Ausgabe: Leben und Gesundheit, Juni/2015 - Beziehung

Die Fotos dieses Artikels zeigen nicht die Familie der Autorin.

 

Familie ist ein vielschichtiges Wort, spricht es doch die verschiedensten Bereiche des Lebens (Psychologie, Soziologie, Recht u. v. a) und jeden von uns persönlich an. Alle haben oder hatten Familie. Sie mag groß oder klein, traditionell oder progressiv gewesen sein. Mögen wir sie gut oder weniger gut erlebt haben – sie wird als Geschichte ein Teil von uns. So geprägt entwickeln wir von der Familie Idealvorstellungen, denen wir vielleicht nacheifern, um irgendwann mehr oder weniger in ihr die Erfüllung zu finden oder hin und wieder auch enttäuscht zu werden

Aufgewachsen in einer Großfamilie

Geboren wurde ich in der Slowakei. Das Besondere in unserer Familie war, dass wir mit den Großeltern sowie mit mei-
ner Tante und deren Familie zusammen in einer großen Wohnung lebten. Von klein auf erlebte ich also drei Generationen und hatte damit immer eine Ansprechperson – das war herr-
lich. Ich konnte entweder mit meiner Cousine (17 Tage jünger) oder mit meinem Cousin (vier Jahre älter) oder mit mei-
nem vier Jahre jüngeren Bruder spielen. Auch bei den Erwachsenen konnte ich auswählen. So genoss ich beispielsweise, zum Leidwesen meiner Mutter, die Kochkünste meiner Tante oder meiner Großmutter. Mein Großvater wiederum erzählte die spannendsten Geschichten, sodass wir wie gebannt an seinen Lippen hingen.

Abruptes Ende

Diese Familienidylle fand 1968 nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen und nach unserer Emigration nach Basel ein jähes Ende. Plötzlich fand ich mich in einer fremden Umgebung, in einer «Kleinfamilie» – Vater, Mutter und Bruder – wieder. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr ich die Großfamilie, meine Großeltern und all die anderen Verwandten, vermisste.

Diese Kindheitserfahrungen prägten meine Vorstellungen und meine Sicht auf das Leben. Ich wollte eine möglichst gute Ausbildung absolvieren, um auf unvorhergesehene Situationen vorbereitet zu sein. Und ich wollte auch eine eigene Großfamilie, so wie damals. Auch sensibilisierte mich mein Einleben in der Schweiz für Minderheiten.

Familienplanung …

Als ich meinen Mann kennenlernte, war ich 18 Jahre alt und stand vor der Matura. Er plante ein Studium in England, ich ein Heilpädagogikstudium in Fribourg. Wir bemerkten und spürten, dass uns vieles verband, und begannen eine gemeinsame Zukunft zu planen: Wir wollten Lehrer werden und vier Kinder haben. Er wechselte sein Studienfach und wir verlegten unseren Studienort gemeinsam nach Bern. Zwei Jahre später, mitten im Studium, heirateten wir.

Ein Jahr später kam unsere Tochter Corinne zur Welt. Und obwohl ich die Idee hatte, eine richtige Vollzeitmutter und -hausfrau zu werden, musste ich meine Vorstellungen der Realität anpassen. Darum brachten wir zweimal wöchentlich unsere Kleine in die Studentenkrippe. An einem weiteren Nachmittag hütete eine gute Freundin unseren Schatz, und während des Abschlusspraktikums konnten meine Großmutter und meine Mutter auf unsere Tochter aufpassen.

Kurz nach dem Abschluss unserer Ausbildung fand mein Mann eine Stelle als Lehrer an einem Internat. Wir zogen in die Ostschweiz, wo unsere zweite Tochter Fabienne zur Welt kam. Die Umstellung von der Stadt aufs Land fiel mir nicht leicht, zumal mein Mann durch seine Arbeit im Internat nicht nur während der Woche, sondern oft auch am Wochenende eingespannt war. Wir freuten uns sehr, als er eine Stelle an der Berufsschule in einer Kleinstadt erhielt. Die Freude wuchs, denn ich erwartete unser drittes Kind.

In dieser Phase lernten wir, ganz bescheiden zu leben, auf Ferien, Einkaufsbummel und Ausgang zu verzichten, Prioritäten zu setzen und uns an Kleinem zu erfreuen. Wir hatten keine fixen Vorstellungen bezüglich Arbeitsstelle und Wohnort, sondern waren bereit, dorthin zu gehen, wo sich uns Türen öffneten.

Nicolas

Kaum nach einer problemlosen Schwangerschaft ohne jegliche Komplikationen zur Welt. Viele freuten sich mit uns über unseren kleinen Sohn. Einen Tag nach der Geburt nahm uns im Krankenhaus der Kinderarzt zur Seite. Er erklärte, dass er bei Nicolas ein Verdacht auf Trisomie 21 – «Down-Syndrom» – hege. Diese Diagnose traf uns wie ein Erdbeben. Es war ein Schock, der meinen Mann und mich im Innersten traf! Wir stützten uns gegenseitig und suchten ehrlich über das zu sprechen, was in uns vorging. Wir sprachen offen über unsere Erwartungen und darüber, wie schmerzte, diese fahren zu lassen. Sehr geholfen haben uns Menschen, die Freude, welche die richtigen Worte fanden und sich nicht scheuten, uns in unserer Trauer zu besuchen. Auch für unsere kleinen Mädchen, die sich rührend und so natürlich um ihr Brüderchen kümmerten, waren wir dankbar.

Wir spürten, wie wichtig Kinder als Hoffnungsträger sind und wie dies Nicolas’ Leiden von der Gesellschaft verkehrt wurde. Wir wollten gegensteuern. Ich begann mich in Fachliteratur zu vertiefen. Es gab noch kein Internet. Darum war es gar nicht einfach, an geeignete Bücher und positive Berichte heranzukommen. Als ich mich in der Thematik rund um das Down-Syndrom zu verlieren drohte, schlug mir mein Mann vor, doch ein wenig zu unterrichten. In seiner Schule war ein Minipensum offen – ich wollte es versuchen. Langsam fingen wir uns auf.

Schon sehr bald erkannten wir, wie froh wir sein konnten, dass Nicolas’ Besonderheit nicht schon während der Schwangerschaft erkannt worden war und wir dadurch vor eine noch schwierigere Entscheidung gestellt worden wären. Durch Nicolas haben wir so viel gelernt, hat unser Leben und unsere Familie so stark geprägt, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie es ohne dieses Down-Syndrom gewesen wäre. Seine Besonderheit ließ uns reifen. Wir konnten uns gesellschaftlichen Klischeevorstellungen lösen und den Blick auf das Wesentliche richten.

Das Leben geht weiter

Obwohl unser Leben mit Nicolas nicht leicht begonnen hat, haben wir zur Lebensfreude zurückgefunden. Nicolas machte es uns leicht. Er war ein sehr liebes, sonniges und problemloses Kerlchen. Trotz seines großen Herzfehlers entwickelte er sich stetig, wuchs und nahm zu, lächelte uns an, «griff» nach den Dingen. In der Frühförderung wurde unsere Wahrnehmung bestätigt. Als Nicolas ein Jahr alt war, wurde die Operation am offenen Herzen durchgeführt. Sie half, seine Lebenserwartung zu verbessern. Wir waren sehr dankbar, dass alles wunderbar geklappt hatte und sich Nicolas nach einer längeren Rekonvaleszenz wieder weiterentwickelte. Unermesslich dankbar waren wir auch, dass unser viertes Kind, Yannick, kurz darauf gesund und auf die Welt kam. Die Komplikationen drei Wochen nach seiner Geburt – es war ein Stück der Plazenta in der Gebärmutter zurückgeblieben – stürzten mich in große Todesangst. Ich drohte zu verbluten. Mich erfasste die verzweifelte Angst, meinen Mann und meine Kinder vorzeitig verlassen zu müssen. Wie wunderbar, dass ich in der heutigen Zeit lebe und man mich retten konnte!

Seit dieser Nahtoderfahrung erlebe ich jeden einzelnen Tag als Geschenk. Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht mit meiner eigenen Endlichkeit auseinandersetze. Nicht, dass ich traurig bin, aber ich lebe bewusster und dankbarer, ganz wie die Römer sagten: «Memento mori» – bedenke, dass du sterben musst.

«Auf» und «Ab» in der Familie

Danach ging unser Familienleben in ruhigere Gewässer über. Wir engagierten uns für unsere Kinder und förderten sie, wo wir nur konnten. Die Kinder kamen in den Kindergarten und wurden eingeschult. Daneben trieben sie Sport und machten Musik. Sehr wichtig war uns auch, unseren Kindern moralische und religiöse Werte zu vermitteln. Wir besuchten regelmäßig Gottesdienste und setzten uns für unsere Kirche ein. Wir freuten uns mit- und aneinander. Dieses aktive und anregende Familienleben gefiel uns. Doch schon war Änderung in Sicht.

Die «Loslösung» kam nicht über Nacht. Und doch überraschte es uns, als unsere Älteste Jahr einwilligte und beide Töchter nach der Matura in entfernten Städten studieren wollten. Unser Jüngster fing mit einer Lehre an und brach diese unerwartet ab. Düster färbte sich unser Familienhimmel – schwierige Zeiten kamen auf. Vieles schien aus dem Ruder zu laufen. Immer wieder überkam uns Selbstzweifel. Wir scheuten uns nicht, Hilfe von außen zu beanspruchen. Erneut lernten wir loszulassen, im Wissen, dass wir den Kindern unser Bestmögliches gegeben hatten. Wir hatten ihnen «Wurzeln» gegeben, «fliegen» mussten die drei nun alleine – um das Bild des bekannten Sprichworts zu verwenden. Wir Eltern blieben als «Zuschauer» zurück. Leicht war es nicht, den Irrungen und Wirrungen unserer Kinder zusehen zu müssen. Aber Kinder haben ein Anrecht, etwas auszuprobieren und Fehler zu machen. Es hat uns sehr geholfen, dass wir als Paar auch in dieser Phase miteinander reden konnten. War ich einmal voller Sorgen, ermutigte mich mein Mann – und umgekehrt.

Während dieser langen Zeitspanne setzten wir uns von ganzem Herzen und mit all unseren Kräften für unseren Nachwuchs ein. Manchmal bestand die Gefahr, dass wir uns als Paar aus den Augen verloren. Unsere Konflikte lösten wir leider manches Mal nicht ruhig und verständnisvoll, sondern laut und heftig. Zum Glück rauften wir uns immer wieder zusammen, fanden zu unseren offenen und ehrlichen Gesprächen zurück und erinnerten uns an unsere Liebe zueinander. Es war uns bewusst, dass Kinder unsere Gäste sind: Sie werden uns geschenkt und sie verlassen uns wieder. So wie die Ankunft des Geschenks nicht einfach ist, kann auch das Weiterziehen dieser so wertvollen Gäste Schwierigkeiten bereiten. Sehr hilfreich war der Gedanke, dass Probleme meist nicht monokausal (haben nur einen Grund), sondern meistens multikausal (viele Ursachen) sind. Dies befreite uns von der Suche nach Fehlern in der Vergangenheit, die wir sowieso nicht mehr ändern konnten, und öffnete unseren Blick für die Zukunft.

Großeltern

Und wieder sind wir in einem neuen Abschnitt angelangt – die Kinder meistern ihr Leben, und wir sind Großeltern geworden. Wir haben Freude an unseren fünf Großkindern, sind ewig dankbar für alles, was wir auf unserem Lebensweg lernen konnten, und froh, dass wir bis jetzt am Leben unserer Kinder Anteil nehmen dürfen. Wir hoffen, dass auch Nicolas seinen Lebensplatz findet.

Wie schön ist es, wenn alle zusammenkommen und Großfamilie erleben können! Wir lieben diesen «Trubel», sind aber auch immer wieder froh, wenn Ruhe einkehrt. Erst jetzt kann ich mich manchmal fühlen, wie es für meine Großeltern gewesen sein muss, ständig Kinder um sich zu haben. Den Einsatz meiner Eltern habe ich in seinem Umfang auch erst erkannt, als ich selbst Mutter wurde. In der Familie lernen wir die Tiefe und Breite des Lebens zu erfassen – wenn wir uns darauf einlassen.

Wir Eltern blieben als «Zuschauer»
zurück. Leicht war es nicht, den Irrungen und Wirrungen unserer Kinder zusehen zu müssen.

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Dranbleiben zahlt sich aus

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