Übergewichtige Kinder – wie weiter?

 

Autor/in: (GERLINDE ALSCHER Gesundheitsmanagerin B. A., Bildungsreferentin Gunzenhausen, D)

Ausgabe: Leben und Gesundheit, Januar/2016 - Ernährung

 

Wir werden immer dicker!

Immer mehr Kinder und Jugendliche sind übergewichtig. In Deutschland werden die Menschen immer dicker – nicht nur die Erwachsenen, sondern auch Kinder und Jugendliche weisen immer mehr Pfunde auf. 15 % der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 – 17 Jahren sind übergewichtig. 6,3 % leiden an Adipositas (Fettleibigkeit, in der Umgangssprache auch Fettsucht genannt. Eine Ernährungs- und Stoffwechselkrankheit mit starkem Übergewicht). Damit haben wir fast 2 Millionen übergewichtige Kinder in Deutschland, von denen 800 000 adipös sind. Ähnlich präsentieren sich die Zahlen in der Schweiz und in Österreich. Der Anteil steigt mit zunehmendem Alter. Dabei gibt es keine klaren Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen oder zwischen den alten und neuen Bundesländern. Ein höheres Risiko für Übergewicht besteht bei Kindern aus sozial benachteiligten Schichten, bei Kindern mit Migrationshintergrund und bei solchen, deren Eltern ebenfalls übergewichtig sind.

Wie entsteht Übergewicht bei Kindern?

Die Neigung zu Übergewicht ist zu einem großen Teil genetisch bedingt. Untersuchungen zeigen, dass Übergewicht in Familien, in denen Eltern und Großeltern damit zu kämpfen haben, weitaus häufiger vorkommt als bei Kindern, deren Eltern/Großeltern normalgewichtig sind.

Kinder, die bereits ein hohes Geburtsgewicht haben, weisen ebenfalls häufiger Übergewicht auf als Kinder mit einem normalen oder niedrigen Geburtsgewicht. Ein Großteil des Risikos für Übergewicht scheint zum Teil schon sehr früh im Leben festgelegt zu werden. Daher ist es wichtig, so bald wie möglich vorzubeugen bzw. einzuschreiten.

Aber auch Schlaf und Stress spielen im Stoffwechsel des Kindes eine wichtige Rolle. Wer zu wenig schläft, erhöht das Risiko, dick zu werden. Mangelnde Bewegung, unzureichende körperliche Betätigung und ungesunde Ernährung gehören zu den Hauptursachen für die Entstehung von Übergewicht. Zum großen Teil reguliert sich das Gewicht aus der Bilanz zwischen zugeführter und verbrauchter Kalorien.

Der Lebensstil in den vergangenen Jahrzehnten hat sich grundlegend verändert. Kinder sitzen immer häufiger und immer länger. In der Schule, zu Hause, bei Freunden, vor dem Computer, der Spiel(e)konsole und dem Fernsehgerät, häufig kombiniert mit Süßigkeiten, Chips und Fastfood. Aber auch Medikamentenkonsum und Essstörungen können zu ungewolltem Übergewicht führen.

Gesundheitliche Folgen

Neben den Allgemeinbeschwerden wie verstärktem Schwitzen, schlechter körperlicher Leistungsfähigkeit und Mangel an Fitness fühlen sich übergewichtige Kinder insgesamt mehr belastet als Normalgewichtige.

Zu den gesundheitlichen Folgen zählen erhöhter Blutdruck mit negativen Auswirkungen auf den Blutzuckerspiegel und die Blutfettwerte. Im schlimmsten Fall kann Übergewicht auch zu Herzkrankheiten und Diabetes führen. Da die Gelenke ein Vielfaches an Gewicht ertragen müssen, werden sie ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Die Folge sind Haltungsschäden und Verschleißerscheinungen.

Übergewicht hat nicht nur körperliche, sondern auch seelische Folgen für die Betroffenen. Übergewichtige Kinder leiden häufig unter Hänseleien und Minderwertigkeitskomplexen. Sie werden aus Gruppen ausgeschlossen und im Sportunterricht veräppelt. Bereits sechs jährige Kinder assoziieren mit der Silhouette eines dickleibigen Kindes Eigenschaftswörter wie «faul, dreckig, dumm und unansehnlich». Deshalb kann Übergewicht bei Kindern zu Depressionen und Essstörungen führen.

Den Dicken nehmen wir nicht!

Bereits zum dritten Mal schüttelt Mutter Paul wach. Energisch sagt sie: «Nun steh doch endlich auf! Es ist schon kurz nach sieben. Wenn du dich jetzt nicht beeilst, kommst du zu spät zur Schule!» Schläfrig reibt sich Paul die Augen, gähnt und reckt sich. Dann tappt er mürrisch ins Badezimmer.

Als er wieder herauskommt, ist es bereits zwanzig vor acht. Wieder einmal reicht es nicht mehr zum Frühstücken. Er muss los. Auf dem Weg zur Schule kommt er an der Bäckerei vorbei und kauft sich – wie so oft – zwei Zuckerschnecken und eine Dose Limonade. Eine Schnecke verzehrt er sofort, die andere ist für die Pause.

Endlich die letzte Stunde! Träumend schaut Paul aus dem Fenster. Da erschreckt ihn die Stimme der Lehrerin. Was will sie von ihm? «Wiederhole bitte meine Frage, Paul», fordert sie ihn mit Nachdruck auf. Er schaut sich hilflos um und schweigt. Die Klasse lacht.

Die Schule ist aus. Hungrig geht Paul zum Schnellimbiss, bestellt sich einen Burger mit Pommes und Mayonnaise und verschlingt alles in Windeseile. Dann noch ein Becher Cola. Das war wieder ein prima Mittagessen.

Als Paul zu Hause ist, schaltet er sofort den Fernseher ein. Nach einiger Zeit steht er auf, reißt eine Tüte Kartoffelchips auf und langt beim Fernsehen eifrig zu. Schon bald ist alles leer. Seinen Durst löscht er mit zwei Gläsern Limonade.

Schließlich kommt Pauls Mutter von der Arbeit nach Hause und bringt für beide eine Pizza mit. Zum Nachtisch gibt es Schokoladenpudding. Nach dem Essen greift Paul zu einem Glas Limonade und landet wieder vor dem Fernseher. Die Frage nach den Hausaufgaben überhört er. Aber die Mutter besteht darauf. Lustlos macht er sich an die Arbeit.

Den Rest des Abends sitzt Paul mit seiner Mutter vor dem Fernseher. Nebenbei isst er noch zwei Schokoriegel, bevor er dann müde ins Bett fällt. Aber richtig schlafen kann er nicht – morgen ist wieder Schule und Sportunterricht. Am liebsten würde er sich drücken. Hoffentlich steht nicht wieder Stangenklettern auf dem Programm wie beim letzten Mal. Da ist er nämlich als Einziger nicht hochgekommen, und alle haben gelacht.

Mit gemischten Gefühlen geht Paul am nächsten Tag zum Turnen. Es werden zwei Riegen für Wettspiele gewählt. Ihn will keiner, und er bleibt bis zuletzt übrig. «Den Dicken nehmen wir nicht. Wenn der in unserer Riege ist, haben wir gleich verloren», protestiert Thomas, als Paul an der Reihe ist; springt ihn der Ball weg und rollt weiter fort. Bevor er ihn schließlich zurückgeholt hat, ist seine Riege in unüberholbaren Rückstand geraten und verliert. Was muss er sich für Vorwürfe anhören! Beim nächsten Spiel täuscht Paul Schmerzen im Fußgelenk vor und darf aussetzen.

Neben falscher Ernährung und zu wenig Bewegung zählen auch genetische Veranlagung, Stress, Schlafmangel und bestimmte Medikamente zu den Ursachen von Übergewicht und Fettleibigkeit.

Empfehlungen zur Vorbeugung

Mit gesunder Ernährung und Bewegung kann man bereits früh im Leben das Schicksal der Kinder verändern. Dies bedeutet Achtsamkeit bereits im Babyalter, aber eben auch in Kindergarten und Schule.

Ernährung

Vollkornprodukte, Obst und Gemüse stellen die Grundlage für ein optimales Ernährungsprogramm dar.

In Vollkornprodukten wie Hafer, Reis, Gerste, Hirse, Vollwertbrötchen und Vollkornnudeln finden sich wertvolle Kohlenhydrate – kombiniert mit einer Vielzahl an B-Vitaminen. Sie liefern die Kraftstoffe für gute Nerven und hohe Leistungsfähigkeit. Auch in Kartoffeln finden sich komplexe Kohlenhydrate für die gesunde Basis unserer Ernährung.

Dass sie dick machen, ist ein Mythos. Nur bei extremem Kalorienüberschuss wandelt sie der Körper in Fett um. Kohlenhydrate sind der beste Brennstoff für den Körper, sie brauchen weniger Sauerstoff bei der Verbrennung als Fett – das macht leistungsfähiger.

Kohlenhydrate enthalten keinen Stickstoff wie Eiweiß und verursachen deshalb weniger Abfallprodukte – das macht effizienter. Vollkorn und Kartoffeln sind fettarm und cholesterinfrei, also ideal für die gesunde Ernährung.

Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe finden wir in großen Mengen besonders im Gemüse, das oft im Gegensatz zu Obst vernachlässigt wird. Täglich 5 Portionen Obst und Gemüse (1 Portion = eine Handvoll) decken den notwendigen Bedarf an Vitalstoffen und beugen vielen Krankheiten vor.

Obst und Gemüse ist fett- und cholesterinarm und trägt damit zu einer gesunden Regulierung des Körpergewichts bei.

Ergänzt werden sie durch Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen und Fleischalternativen. Milchprodukte – Joghurt und Quark (auf Fettgehalt achten!), alternativ Soja- oder Mandelmilch – runden den Speiseplan ab. Bei Fetten, Ölen, Naschwerk und Salz gilt es Zurückhaltung zu üben.

Achten Sie insgesamt bei der Nahrungsmittelauswahl auf viel Abwechslung. Bei den einzelnen Mahlzeiten sollte die Auswahl jedoch begrenzt sein. Und noch eines: Essen Sie in Gemeinschaft mit Freude und Dankbarkeit.

Mehr Bewegung

Neben einer gesunden Ernährung spielt die Bewegung eine zentrale Rolle bei der Vorbeugung und Verminderung von Übergewicht. Eltern sollten versuchen, ihre Kinder spielerisch zu mehr Bewegung anzuspornen.

Alles, was Spaß macht, ist hier angesagt. Ausflüge, Wanderungen, Bewegungsspiele, Gemeinschaftsaktionen, das alles trägt dazu bei, überflüssige Pfunde erst gar nicht entstehen bzw. wieder purzeln zu lassen.

Aber auch das Ausprobieren von verschiedenen Sportarten im Verein kann helfen, die Lieblings-Sport- oder Bewegungsart zu finden. Des Weiteren sollten Eltern als ein gutes Vorbild funktional im Alltag ihren Kindern vorleben: Kinder lernen am Modell der Eltern.

Treppengehen statt Aufzug, Fahrradfahren statt Auto. Vieles lässt sich der Weg zu Kindergarten und Schule zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegen. Damit würde sich ganz automatisch ein tägliches und regelmäßiges Bewegungsprogramm einstellen.

Selbstwertgefühl stärken

Fehlende Zuwendung, Stress und Leistungsdruck sind oftmals Auslöser für Übergewicht bei Kindern. Deshalb sollten Eltern darauf achten, ihren Kindern bewusst Aufmerksamkeit sowie Zeit und Zeiten der Entspannung zu schenken.

Da das Übergewicht auch häufig Auslöser für Minderwertigkeitskomplexe ist, sollten Eltern versuchen, das Selbstwertgefühl zu stärken. Anerkennung, Lob und das Bewusstmachen von Stärken unterstützen Kinder im Kampf gegen die überflüssigen Pfunde.

Langfristige Folgen von Übergewicht:

  • Herz-Kreislauf-Krankheiten wie Herzinfarkt oder Schlaganfall, Zuckerkrankheit Diabetes mellitus, verschiedene Krebsarten.

  • Skeletterkrankungen, das Schlaf-Apnoe-Syndrom, Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes, hormonelle Störungen sowie ein erhöhtes Operations- und Narkoserisiko.

  • Psychosoziale Konsequenzen (Depression und Ängstlichkeit, soziale Diskriminierung, Selbstwertminderung).

Die Grundlage für ein gesundes Essverhalten wird zu Hause gelegt. Kinder orientieren sich am Vorbild der Eltern. Sobald wie möglich gilt es die Kinder für Obst, Gemüse und Sport zu begeistern.
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