Wer vertraut, gewinnt!

 

Autor/in: Judith Fockner (Religionspädagogin in Elternzeit)

Ausgabe: Leben und Gesundheit, Februar/2015 - Vertrauen

 

Unbefriedigend oberflächlich

In unserem Mutter-Kind-Kreis ist alles in Ordnung. Wirklich. Ausschließlich brave Kinder und tolle Mütter. Conny, zum Beispiel, die erfahrene Tagesmutter, hat ein sagenhaftes Repertoire an Kinderliedern. Angelika, die Sprachwissenschaftlerin, erzieht ihre Zwillinge nach einem ausgefeilten pädagogischen Konzept und weiß über sämtliche Kinderärzte Bescheid. Und Nina, die Frau des Sportvereinsleiters, ist eine politisch engagierte, ernährungsbewusste Langzeit-Mutter. Schön, hier bekomme ich jeden Mittwoch eine Menge Anregungen. Seltsam, warum ich mich trotzdem immer mit einem unbestimmten leeren Gefühl auf den Heimweg mache und mich frage, ob es sehr unangenehm auffällt, dass meine Buben am lautesten sind, und wie Sabine neben den Kinderhilfen auch noch so aufwändige Plätzchen backen kann.

Ich wohne erst ein halbes Jahr hier, und der Mutter-Kind-Kreis war meine größte Hoffnung auf Anschluss. Warum nur fühle ich mich regelmäßig einsam, wenn ich von diesem sozialen Höhepunkt der Woche nach Hause gehe? Vielleicht, weil ich über alle Frauen nur weiß, wie sehr sie ihr Leben im Griff haben? Weil mich keine näher heranlässt als bis zu ihren Schnuller-Abgewöhnungsmethoden und Heilmitteln gegen Kleinkindbronchitis? Und habe ich selbst nicht schon begonnen, nur meine Bastelleidenschaft preiszugeben und nicht meine Trennungsängste vor dem Kindergarten-Eintritt?

Überraschende Wende

Das alles ändert sich an einem regnerischen Aprilvormittag ganz unvorhergesehen. Und den Anlass gibt die Frau, die am wenigsten in unsere vorbildliche Runde passt. Manuela. Schon rein optisch sticht sie sofort ins Auge. Leuchtend pinkes Haar, großflächiges Tattoo, alternativer Second-Hand-Kleider. Sie ignoriert es, wenn ihre kleine Mimi ein komplettes Kunststück über der Spielzeugkiste zerkramtelt. Sie verströmt mit jedem Atemzug Unkonventionalität. Mir nicht ganz unsympathisch. Ich verziehe ein paar vorwurfsvolle Falten zu ihrer Familie und erfahre, dass Mimi es zum älteren Bruder hat, von Manuelas erster großer Liebe. Und dann erfahre ich noch etwas anderes. Dass nämlich der frischgebackene Vater Manuela daheim betrogen hat, zu Hause im eigenen Bett, mit ihrer Freundin und der Begründung, dass er die Sex-Pause nach der schwierigen Geburt als zu große Zumutung empfunden habe und seinen Bedürfnissen gefolgt sei.

Der Durchbruch

Das ist einmal etwas anderes als der bisherige Austausch über Windelmarken. Das merkt man schon an der Stille, die sich im Raum breitmacht – lediglich unterbrochen vom Quäken zweier Jungs, meiner natürlich. Manuela hat es gewagt. Sie hat mich mit einer sehr persönlichen Geschichte beschenkt. Hat uns etwas sehr Sensibles anvertraut – etwas, was sie tief verletzt hat. Ein kritischer, ein kostbarer Moment.

Richtig reagieren

Mein erster Impuls ist, Manuela zu schützen, indem ich von ihren preisgegebenen Gefühlen ablenke. Man könnte einfach über die Schamlosigkeit und die Überheblichkeit mancher Vertreter des männlichen Geschlechts philosophieren und hätte das Thema in ein sicheres Fahrwasser gerettet. Bestimmt hätte auch jede von uns etwas Unpersönliches dazu zu sagen. Aber instinktiv spüre ich die Tür, die Manuela geöffnet hat. Ich möchte mich revanchieren. Also sage ich so etwas wie: «Unvorstellbar, wie verlassen du dich gefühlt haben musst. Gerade in dieser Phase nach der ersten Geburt, wo man sich selbst an die Schmerzen und die Hormone und das Baby verliert. Ich war so froh, dass mich mein Mann in meinem Chaos vollkommen respektiert hat. Ich habe mich eine Zeitlang wie eine Melkmaschine gefühlt und dachte, ich würde nie wieder etwas Erotisches empfinden.»

Geht es uns nicht allen «gleich»?

Da. Ich habe es auch gesagt. Etwas Intimes preisgegeben. Für Manuela. Aber alle können es hören. Ich habe keine Heldengeschichte ausgepackt, sondern mich verletzlich gemacht. Und neben Erstaunen erkenne ich noch etwas anderes in allen Augen: Erleichterung. Sie fühlen sich verstanden, müssen sich nicht schützen. Zustimmendes Nicken macht die Runde. Andere Offenbarungen folgen. Bilde ich mir das ein, oder ist es im Zimmer wärmer geworden? Auf dem Heimweg fühle ich mich ein bisschen so, als hätte ich Freunde gefunden.

Das «Leben in Schichten»

Aber was genau ist denn hier geschehen? Um es simpel zu sagen: Unser Vertrauen zueinander. Vielleicht hilft dazu folgendes Bild: Jeder Mensch trägt sein Leben durch verschiedene Schichten so geordnet (siehe dazu Grafik S.10). Weit außen liegen die Angelegenheiten, die wir problemlos mit der halben Welt teilen: Oberflächlichkeiten und Tatsachen (unser Geburtsort oder unsere Lieblingsspeisen). Schon etwas sensibler sind unsere Ideen oder Meinungen. Diese wir lieber einem sympathischen Gesprächspartner präsentieren (wie könnte man die landesweite Arbeitlosigkeit in den Griff kriegen?). Weiter innen halten wir unsere Werte und Empfindungen (dass wir Gewalt in Kinofilmen ablehnen oder uns auf großen Partys unwohl fühlen). Die meisten von uns überfahren so etwas, wenn wir mit Verständnis rechnen. Warum? Wir werden nicht gerne für etwas, was uns ausmacht, getadelt oder belächelt. Meine Nachbarin sprach mit mir über grundsätzlich nicht ihren Wunsch nach einem vierten Kind, weil sie die kinderreiche Familie immer sehr abwertend betrachtete.

Lass «das Tiefe» nicht verborgen sein

Und da ist noch eine tiefere Schicht, in der wir Dinge mit uns tragen, die für spezielle Ohren bestimmt sind: Schuldgefühle zum Beispiel, Ängste oder Dinge, für die wir uns schämen. Wenn wir uns öffnen, kann uns eine unsensible Reaktion unseres Gegenübers empfindlich treffen. Wie einen Arbeitskollegen, der zugibt, dass er sich nicht traut, zur Prostata-Untersuchung zu gehen, und dafür nur unbarmherzige Witzeleien erntet.

Warum nur fühle ich mich regelmäßig einsam, wenn ich von diesem sozialen Höhepunkt der Woche nach Hause gehe?

Oberflächlich bleibt oberflächlich!

Instinktiv sehnen es uns oft sicher, nur sachliche Informationen auszutauschen. Niemand wird unangenehm berührt, niemand bloßgestellt, niemand verletzt. Es kann passieren, dass sich die Gespräche einer kompletten Familie ausschließlich auf dieser äußeren Ebene befinden. Unterhält man sich über den neuen Arbeitskollegen, die kaputte Waschmaschine und die Einbruchserie in der Nachbarschaft, ohne tiefer zu schürfen, wird es wenig gewagt. Allerdings auch wenig gewonnen. Denn wie schon die Grafik deutlich macht, bleibt unser Ich in dieser oberflächlichen Kommunikation fast unberührt. Der andere kann uns nicht zu nahe treten, uns aber auch nicht kennenlernen, nicht erkennen. Was aber, wenn er uns gar nicht kritisieren, auslachen oder missverstehen würde? Sondern uns verstehen? Stellen Sie sich vor, Sie vertrauen jemandem ein sehr unangenehmes Gefühl an. Und auf einmal sehen Sie, wie in den Augen Ihres Gegenübers Verständnis aufblitzt. Der andere kennt dieses Gefühl. Zwei Menschen auf diesem Planeten sind nicht mehr allein. Sie sind verbunden.

«Verbundenheit» …

… sagt Dr. Brené Brown, eine anerkannte Soziologin der Universität Houston; «ist der Grund, warum wir hier sind. Sie gibt unserem Leben Sinn.» Jeder von uns spürt, dass es stimmt: Unsere Psyche braucht echte Begegnungen, Freundschaften, Beziehungen, um zu überleben. In einem jahrelangen Forschungsprojekt beschäftigte sich Brown vorrangig mit der Frage, was Menschen dazu bringt, sich anderen zu verbinden. Während sich die positiven Ergebnisse zeigen ließen, fand sich erstaunlich rasch ein einheitliches wiederkehrendes Muster dafür, was Verbundenheit gefährdet – und das war: Scham. Oder besser: Misstrauen aus Angst, abgelehnt zu werden. Extrem neugierig geworden stürzte sie sich wie Wissenschaftlerin in die Suche nach Eigenschaften, die menschliche Nähe möglich machen – und fand Persönlichkeiten, die beherzt genug waren, sich zu öffnen, «gesehen zu werden», wie sie wirklich sind, und darauf zu vertrauen, dass sie trotzdem akzeptiert werden.

Vertrauensvorschuss

Eigentlich einschüchternd! Denn wir alle wissen, gibt es im zwischenmenschlichen Bereich keine Garantie. Den ersten Schritt zu machen, sich zu öffnen oder Gefühle zu zeigen, bedeutet tatsächlich einen Vorschuss an Vertrauen. Dummerweise ist es die einzige Möglichkeit, um den Spalt zu überwinden, der uns voneinander trennt. Und wenn wir es nicht wagen, werden wir weiter einsam auf unseren jeweiligen Eisschollen dahintreiben und uns gegenseitig mit Oberflächlichkeiten langweilen. Egal ob im Mutter-Kind-Kreis, in der Chef-Etage oder im Schlafzimmer.

Es zahlt sich aus!

Lohnt es sich also, Verletzungen zu riskieren? Ja. Das sagt aber nicht Dr. Brené Brown. Das sagen Tausende ihrer Interviewpartner – eine Ehe, die es schafft, Beziehungen aufzubauen und zu halten. Nur Mut, sich anderen anzuvertrauen, macht sie letztlich zu glücklichen Menschen.

Wahre Helden

Und was nun, wenn ich zur anderen Gruppe gehöre? Zu denen, die sich zu sehr schützen, die aufgrund vergangener Erfahrungen zu wenig preisgeben, um erfüllende Begegnungen zu erleben? Soll ich mich denn zwingen, mich zu öffnen, wenn es nicht von selbst kommt? Vielleicht wäre es eine Möglichkeit, dort zu beginnen, wo am leichtesten fällt: Bei Menschen, die es können. Sie sagen: «Das schaffe ich nicht.» «Davor habe ich Angst.» «Das wünsche ich mir schon lange.» Bei ihnen kann man auf Verständnis hoffen. Oder zumindest auf Mitgefühl. Sie sind die Vertrauensvorschießer, die wahren Helden. Auch wenn sie in unserer Leistungsgesellschaft immer noch als Verlierer betrachtet werden. Weil sie der Konkurrenz ihre Schwächen preisgeben, anstatt sich von der besseren Seite zu zeigen. Wenn wir aufhören würden, Misstrauen als klug und Vertrauen als grundsätzlich naiv zu betrachten – was könnte alles in unserem Miteinander auftauen!

Wer vertraut, gewinnt!

Im letzten Blick in unseren Mutter-Kind-Kreis: Einige Wochen nach dem «Sex und Geburt»-Gespräch finde ich bei der Ankunft eine kleine Menschenansammlung auf dem Spielteppich. Angelika sitzt weinend in der Mitte und berichtet von ihren Haarausfällen gegen ihren unverschämten Vermieter. Sie hält nicht zurück. Erzählt sogar von ihrem Mordfantasien und wie sie sich dafür schämt und wie hilflos sie sich fühlt. Und es scheint niemandem furchtbar unangenehm zu sein. Wir leiden mit und suchen nach Auswegen – und sind uns nicht nur körperlich nah als sonst. Und der Vermieter? Kann froh sein, dass Angelika ihre Gefühle bei uns lässt und ihre Fantasien nicht angewendet braucht. Und so lautet die eiserne Wahrheit: Vertrauen sei kein Gewinn!

Vertrauen ist Mut, und Treue ist Stärke.

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