Vom “Atmen der Seele” und anderen Analogien
Autor/in: Gabriele Stangl (Krankenhaus-Seelsorgerin, Pastorin)
Ausgabe: Leben und Gesundheit, Juni/2014 - Luft
Es ist draußen kalt geworden. Die Nebel ziehen ums Haus, die Blätter an den Bäumen werden braun, und die kalte Luft zwickt morgens beim Radfahren an der Nase. Zeit, es sich drinnen gemütlich zu machen! Die Heizung aufgedreht, die Decke um die Beine geschlungen – so lässt es sich bei einem guten Buch und leckerem heißen Tee aushalten! Oder wie wäre es, sich warm einzupacken und auf dem Balkon im Liegestuhl die Herbstsonne zu genießen? Einfach die Seele baumeln und sich nach dem Stress des Tages wie ein Blatt im Wind treiben zu lassen? So stellen wir uns gerne einen gemütlichen Tag im Spätherbst vor! Tatsache aber, dass es gerade die Wochen im November und Dezember in sich haben: Unter Hochdruck hetzen wir durch den Tag, als würde das Ende des Jahres auch das Ende vieler Möglichkeiten für uns bedeuten. Wir ziehen erste Resümees, stellen fest, dass uns für Pläne, die wir uns am Jahresbeginn vorgenommen hatten, «die Luft ausgegangen ist», manches sich als «Luftschloss» herausgestellt hat oder am Ende eines großen Vorhabens nur «heiße Luft» herausgekommen ist.
Luft! Dieses lebensnotwendige Element, ohne das kein Lebewesen auf dieser Erde auskommt, steht stellvertretend für vieles, was von immenser Bedeutung für uns ist. Wir brauchen etwas «wie Luft und Liebe», verbinden Luft mit Freiheit, mit grenzenloser Lebendigkeit. Nicht vorstellen wollen wir uns, wie uns jemand «die Luft abdreht» oder wir von jemandem so bedrängt werden, dass er uns die «Luft zum Atmen nimmt».
Atmen bedeutet viel mehr als nur «Luftaustausch»! Ausatmen – das steht für: Altes, Verbrauchtes, unbrauchbar Gewordenes abgeben. Wir können die «dicke Luft», die sich um uns und in uns angestaut hat, abstoßen und ausstoßen. Und dann einatmen: Ein Erfüllen mit Neuem, Gesundem, Heilsamem und Kraftspendendem! Richtiges Atmen ist wie ein innerlicher Reinigungsprozess und schenkt dem ganzen Organismus neue Kraft und neuen Schwung.
Auch unsere Seele muss atmen, damit sie am Leben bleibt. Um nichts anderes als das Wohl unserer Seele geht es auch in der vor uns liegenden Weihnachtszeit: Gott wurde Mensch, kam auf unsere Erde. Bei ihm dürfen wir von all der Not und Schuld, unserem Versagen und unserem Zu-kurz-Kommen abgeben, wir dürfen sein dürfen, wie wir sind. In seiner Gegenwart tanken wir neue Lebenskraft. Mit Gott ins Gespräch zu kommen ist «das Atmen der Seele»! Bei ihm dürfen wir so sein, wie wir sind! Er kann uns verstehen! Wir dürfen abgeben, was uns bedrückt und was das Leben schwer macht. Wir gehen gestärkt, befreit und im Wissen, geliebt zu werden, unseren Weg zurück.
Ein Lied, das ich gerne singe, beginnt mit den Worten: «Kommt, atmet auf; ihr sollt leben! Ihr müsst nicht mehr verzweifeln, nicht länger mutlos sein. Gott hat uns seinen Sohn gegeben, mit ihm kehrt neues Leben bei uns ein!»
Neues Leben, Freude und «den längeren Atem» in allen Dingen – das wünsche ich Ihnen allen von Herzen! Nicht nur zu Weihnachtszeit …!
Mit Gott ins Gespräch zu kommen ist ‹das Atmen der Seele›!